Stahl-Aktien "Bisher meist eine schlechte Anlage"

Die Stahlbranche boomt. Dank der unstillbaren Nachfrage aus China sind die Preise für Rohstoffe und Stahl explodiert. Die Gewinne der Stahlkonzerne sprudeln - ihre Aktienkurse steigen. Das macht sie für Anleger attraktiv. Doch Branchenbeobachter warnen vor allzu großer Euphorie.

Hamburg - Die Zahlen wecken Hoffnungen und Ängste zugleich. Die Nachfrage nach Stahl ist seit Jahresbeginn explodiert - und mit ihr die Preise. "China kauft mit seinem Riesen-Stahlhunger die Weltrohstoffmärkte leer", so der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Dieter Ameling. Erz, Kohle und Koks sind so teuer wie noch nie. Und die Hauptabnehmer, die großen Stahlkonzerne, geben die Kosten an ihre Kunden weiter.

Aktuell kostet das Basisprodukt Warmbreitbandstahl im europäischen Durchschnitt zwischen 450 und 500 Euro je Tonne, berichtete Ameling. Damit habe sich dieser Preis seit dem vergangenen Jahr um gut die Hälfte erhöht. Kurzfristig werde daran auch nichts ändern. Denn während die Chinesen derzeit noch jährlich rund 150 Kilogramm Stahl pro Kopf verbrauchen, ist es in Deutschland fast die doppelte Menge. China hat also weiterhin Nachholbedarf.

Die Konsequenzen tragen die Abnehmer. Automobilkonzerne, Maschinenbauer und andere Stahlverbraucher ächzen unter den hohen Kosten - vor allem kleinere Stahl verarbeitende Betriebe bangen um ihre Existenz.

Bei den Stahlproduzenten hingegen sprudeln trotz gestiegener Rohstoffkosten die Gewinne. Konzerne wie Weltmarktführer Arcelor präsentierten zuletzt glänzende Zwischenberichte. So versechsfachte Arcelor  im vergangenen Quartal den Nettogewinn. Bei der österreichischen Voestalpine  stieg der Gewinn in den ersten neun Monaten des Jahres um mehr als 21 Prozent. Und Deutschlands größter Stahlhersteller TyssenKrupp , mittlerweile unter den zehn größten Anbietern der Welt, kündigte zuletzt an, sein Vorsteuerergebnis im laufenden Geschäftsjahr statt auf 1,0 Milliarden Euro voraussichtlich auf nahezu 1,5 Milliarden Euro zu steigern.

Auch die Aktien der großen Stahlkonzerne zogen dementsprechend in den vergangenen Monaten kräftig an - und rücken damit ins Blickfeld vieler Anleger. Anteile von ThyssenKrupp oder Arcelor haben seit Mai beispielsweise rund 20 Prozent zugelegt.

Analysten mahnen zur Vorsicht

Analysten mahnen zur Vorsicht

Doch Marktbeobachter geben sich zurückhaltend. Zwar glauben Analysten, dass die jüngste Stahlrallye noch nicht beendet ist. "Die zuletzt guten Ergebnisse sprechen für sich", so ein Analyst der ING BHF-Bank. "Außerdem sind viele potenzielle Risiken überbewertet." So seien etwa die angekündigten und bereits eingeleiteten Bremsmanöver der chinesischen Regierung, die einem Überhitzen der eigenen Wirtschaft vorbeugen sollen, für die Stahlbranche kaum von Bedeutung. " Bis Anfang 2005 werde die Nachfrage nach Stahl und damit der Preis hoch bleiben.

Doch langfristig mischen sich warnende Stimmen in die Analyse. "Stahlaktien sind in der Vergangenheit fast immer eine schlechte Geldanlage gewesen", warnt Jaap van Duijn vom Fondsanbieter Robeco. "Die untergeordnete Rolle von Stahlaktien für den Anleger ist auf Probleme zurückzuführen, mit denen der Sektor schon seit Jahrzehnten zu kämpfen hat: permanente Überkapazität und infolgedessen Preisverfall."

Dass Nachfrage und Preise in jüngster Zeit ungeahnte Höhen erklommen hat, ändere an dieser Einschätzung wenig: "Die überdurchschnittliche Performance in jüngster Zeit passt in das standardzyklische Bild, und wenn die Geschichte ein guter Leitfaden für die Zukunft ist, sieht es nicht gerade rosig aus", so van Duijn. Die Zeiten mit einer überdurchschnittlichen Performance von Stahlaktien seien selten, dazwischen lägen große Pausen.

Als Beispiel verweist van Duijn auf die USA: "Die vier Stahlunternehmen im amerikanischen S&P 500 haben insgesamt ein Gewicht von nur 0,14 Prozent", so der Analyst. Trotz der explosionsartigen Zunahme der Nachfrage entspreche der inflationsbereinigte Stahlpreis lediglich der Hälfte des Spitzenpreises von 1973. "Der Index amerikanischer Stahlfonds ist immer noch auf dem gleichen Stand wie vor 40 Jahren", so van Ruijn. "Damit ist der Sektor extrem stark hinter dem Rest der Börse zurückgeblieben".

Zwar seien die Aussichten gut, dass die Stahlkonzerne ihre guten Ergebnisse noch einige Zeit fortsetzen können, die boomende Nachfrage aus China werde aber nicht ewig anhalten, heißt es auch bei SES Research. "Ein deutlicher Rückgang würde den Angebotsdruck auf die europäischen Märkte erhöhen und die aktuelle Vollauslastung der Kapazitäten gefährden."