Borussia Dortmund Fußball-AG im Chaos

Auch die Hauptversammlung des angeschlagenen Fußballclubs Borussia Dortmund konnte die Krise nicht entschärfen. Die BVB-Führung ist weiterhin umstritten, die Machtverhältnisse sind unklar. Zurück bleiben enttäuschte Anleger und eine geschwächte Fußball-AG.
Von Lutz Knappmann

Dortmund - Die Wut von mehr als 2000 Aktionären entlud sich in Pfiffen und Zwischenrufen. Die Stimmung in der Dortmunder Westfalenhalle war gereizt. Denn die Anteilseigner des börsennotierten Fußballvereins Borussia Dortmund  forderten einen radikalen Schnitt im BVB-Management. Doch davon wollte die Vereinsspitze nichts wissen.

Direkten Einfluss auf die Personalentscheidungen des Fußballclubs konnten die Aktionäre aufgrund der komplizierten Struktur des BVB nicht nehmen. Nur über die Entlastung des Vorstands durften sie abstimmen. Und die verweigerten sie der BVB-Spitze trotz aller Kritik nicht. Rechtliche Konsequenzen hätte ein negatives Votum ohnehin nicht gehabt.

Schon vor Beginn der Hauptversammlung hatte der bisherige Aufsichtsratschef Winfried Materna seinen Rücktritt bekannt gegeben - aus "persönlichen Gründen", wie er betonte. Sein Amtsnachfolger soll Aufsichtsratsmitglied Gerd Pieper werden. Auch sein Aufsichtsratskollege Henning Kreke kündigte den Rückzug an.

Führungsmannschaft bleibt geschwächt

Im Rückzug Maternas, der Medienberichten zufolge als Gegner von Geschäftsführer Gerd Niebaum gilt, entlud sich aber offenbar auch eine Menge Frustration. Denn von einem Neubeginn mit einer frischen und schlagkräftigen Mannschaft kann bei der krisengeschüttelten Fußball-AG auch nach der Hauptversammlung keine Rede sein. Praktisch alle Führungskräfte des Clubs sind angeschlagen, noch bevor die Sanierung des Vereins überhaupt begonnen hat.

Allen voran das alte und neue Geschäftsführer-Duo Gerd Niebaum und Michael Meier: Mit großer Empörung nahmen die in der Westfalenhalle versammelten Aktionäre zur Kenntnis, dass die beiden Manager weiterhin an der BVB-Spitze verbleiben. Niebaum hatte zwar am vergangenen Sonntag sein Amt als Präsident des Ballspielvereins Borussia aufgegeben und damit auch die Macht über die Personalentscheidungen des Clubs. Seinen Stuhl als Geschäftsführer der BVB-Kommanditgesellschaft auf Aktien, also den wirtschaftlichen Einfluss auf die Fußball-AG, gab Niebaum jedoch nicht auf.

Mit an Pathos grenzender Rhetorik beschwor Niebaum seinen Willen, den BVB aus der Krise zu führen. "Ich will als gelebte Verantwortung Dienste leisten", so der Rechtsanwalt. Er wolle den Verein in eine sportlich und wirtschaftlich bessere Situation führen.

"Findet ihr einen besseren, gehe ich"

"Findet ihr einen besseren, gehe ich"

Einen Abstieg des BVB in die zweite Bundesliga schloss er aus. "Das werden wir verhindern", sagte Niebaum. Er deutete an, dass es Veränderung im Spieler-Kader geben werde: Dort müsse "wesentlich mehr" der Leistungsgedanke im Vordergrund stehen. Junge Spieler könnten den Verein voran bringen. Der BVB werde sich im "sportlichen Bereich neu aufstellen".

Auch Manager Michael Meier bleibt zum Unmut der Kleinaktionäre vorerst weiter als BVB-Geschäftsführer im Amt. Einen späteren Rücktritt schloss Meier aber nicht aus: "Wenn ihr einen besseren findet, dann gehe ich", so Meier. "Die Friedhöfe sind voll mit Menschen, die glauben, sie seien unersetzbar. Ich halte mich nicht für unersetzbar. Ich nehme die Kritik ernst und verarbeite sie auch. Ich werde mit dem Präsidialausschuss diskutieren, wie es mit dem Geschäftsführer Meier weitergeht", verkündete der Manager.

Die Aktionäre quittierten die Äußerungen Niebaums und Meiers mit Pfiffen und Buhrufen. In scharfen Worten machten sie die beiden Manager für die Krise des Vereins verantwortlich. Vier Jahre nach dem Börsengang des BVB sei der "sportliche und wirtschaftliche Tiefpunkt erreicht", kritisierte Carsten Heise von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) unter dem donnernden Applaus der Aktionäre. Hinzu komme eine "desaströse Informationspolitik des Managements", das lange mit der Lage des Vereins hinter dem Berg gehalten und dann "Schreckenszahlen" für das abgelaufene Geschäftsjahr 2003/04 veröffentlicht habe.

Sonderprüfung der Bilanzen

Stefan ten Doornkaat von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) sagte, es müsse eine Sonderprüfung der Bücher und einen Rücktritt des Aufsichtsrats und der Geschäftsführung geben. "Machen Sie hier oben Platz für kompetentere Leute", forderte er. Die beiden Geschäftsführer seien "wie Siegfried und Roy der Bilanzen aufgetreten" und hätten den Anteilseignern Gewinne vorgegaukelt. Ein Kleinaktionär sagte unter Applaus: "Hier haben einige Herren diesen Verein an die Wand gefahren. Die beiden Hauptverantwortlichen agieren weiter."

Die Borussia sitzt auf einem im deutschen Fußball bislang einmaligen Schuldenberg von knapp 119 Millionen Euro. Sportlich befindet sich der Deutsche Meister von 2002 und Champions-League-Sieger von 1997 weiter auf Talfahrt.

Doch die BVB-Aktionäre beschränkten ihre vehemente Kritik nicht nur auf Meier und Niebaum. Auch aus ihrer Abneigung gegenüber dem neuen BVB-Großaktionär Florian Homm machten sie keinen Hehl und ließen erkennen, dass sie in dem als "Zerleger" bekannt gewordenen Finanzmanager vor allem einen Geschäftsmann sehen, der mit dem BVB Geld verdienen will.

Homms Männer im Aufsichtsrat

Homms Männer im Aufsichtsrat

Auf der Aktionärsversammlung betrat der bisher stets im Hintergrund agierende Homm erstmals die große Bühne. Mit deutlichen Worten forderte er die BVB-Anleger zu mehr Optimismus auf: "Nichts ist für mich ätzender als dieser Defätismus, diese Einstellung: 'Alles ist im Arsch'."

Im Gegensatz zu seinen Äußerungen im Vorfeld des Aktionärstreffens machte sich Homm für einen Verbleib der beiden Geschäftsführer der KGaA stark. "Ich habe Herrn Niebaum folgendes gesagt: Sie sind das Problem. Erklären Sie mir doch, wie Sie ein Teil der Lösung sein können? Seine Antwort hat mich teilweise überzeugt." Noch vor wenigen Tagen hatte Homm verkündet, er werde es "begrüßen, Niebaum bei der Hauptversammlung zum Ehrenmitglied auf Lebenszeit zu machen."

Stattdessen setzte sich Homm bei der Neubesetzung des Aufsichtsrats durch. Mit Othmar von Diemer und Ruedi Baer stellte Homm zwei neue Aufsichtsräte vor, die er per Gerichtsbeschluss in dem BVB-Aufsichtsgremium installieren will - und die aufgrund ihrer Nähe zum Großaktionär bei vielen der versammelten Anleger schon vor Amtsantritt als "Lakaien" Homms durchfielen.

Vorwürfe gegen Rauball

Die Führungsspitze des BVB dürfte also auch nach der turbulenten Hauptversammlung vorerst nicht zur Ruhe kommen. Zumal nicht einmal der neue Vereinspräsident Reinhard Rauball, den viele Fans und Anleger als Heilsbringer priesen, unbeschädigt in seinen neuen Job geht.

Verschiedene Medien warfen Rauball vor, noch im Sommer versucht zu haben, den Bundesliga-Absteiger Eintracht Frankfurt zum Protest gegen die Lizenzvergabe an den schon damals klammen Club Borussia Dortmund zu bewegen.

Die Aktionäre des Fußballclubs reagierten mit Enttäuschung auf den Verlauf der Hauptversammlung. Denn einen Schlusspunkt unter das beispiellose Führungs- und Finanzchaos der Fußball-AG setzte die Veranstaltung nicht.