Exportwirtschaft "Wir spüren den starken Euro kaum"

Erstmals schwächelt die deutsche Wirtschaft auch beim Export. Hauptgrund ist der hohe Eurokurs. Stolpert nun die gesamte deutsche Exportwirtschaft über Währungseffekte in die Krise? Die Unternehmen selbst sehen die finanzielle Herausforderung bislang gelassen.
Von Lutz Knappmann

Hamburg - Im Grunde die scheint Situation für exportorientierte Unternehmen verheerend: Der Dollar notiert gegenüber dem Euro so schwach wie noch nie - zudem liegen die Kosten für Öl und Stahl sowie andere Rohstoffe auf Rekordniveau. Und ein Ende der extremen Preisentwicklungen ist vorerst nicht abzusehen.

Strauchelt jetzt auch die deutsche Exportwirtschaft, die bislang noch letzter Garant für ein moderates Wirtschaftswachstum war? Erst am Donnerstag meldete das Statistische Bundesamt für das dritte Quartal mit 0,1 Prozent ein erheblich schwächeres Wirtschaftswachstum als im vorangegangenen Vierteljahr. Hauptgrund: Rückläufige Exporte.

Doch bei den Unternehmen selbst fällt die Einschätzung erheblich gelassener aus. "Grundsätzlich wäre ein stärkerer Dollarkurs für unser Geschäft natürlich besser", heißt es beispielsweise beim Chemiekonzern Bayer . Im Tagesgeschäft mache sich der schwache Dollar aber nicht allzu stark bemerkbar. "Unsere wichtigste strategische Maßnahme im Blick auf Währungsrisiken ist, dass wir weltweit lokale Produktionsstätten betreiben und ausbauen. Damit sind wir im Tagesgeschäft unabhängiger vom Dollarkurs, weil jeweils in der lokalen Währung abgerechnet wird", so ein Bayer-Sprecher gegenüber manager-magazin.de. "Der Wechselkurs schlägt sich in diesen Fällen erst bei der Umrechnung für die Jahresbilanz nieder, die in Euro gestellt wird."

Standorte in den Zielländern

Mit dieser Antwort spricht Bayer für eine ganze Reihe deutscher Konzerne. Längst haben sie in ihren wichtigsten Exportmärkten eigene Produktionsstandorte etabliert. Währungsschwankungen machen sich für diesen Teil ihres Geschäfts nur als rechnerische Größe bei der Bilanzstellung bemerkbar.

Auch beim Chemiekonzern Henkel  heißt es, man greife auf lokale Zulieferer und Produktionsstätten in den Zielländern zurück. Und ein Sprecher des Rüstungs- und Maschinenbaukonzerns Rheinmetall  betont: "In den USA können sie als Zulieferer mit den Autoherstellern praktisch nur ins Geschäft kommen, wenn Sie auch im Bereich der nordamerikanischen Freihandelszone (Nafta) produzieren."

Geringer Dollar-Anteil beim Umsatz

Ohnehin verweisen viele Unternehmen auf den vergleichsweise untergeordneten Anteil ihres Umsatzes, der tatsächlich in Dollar abgewickelt wird. "Zwei Drittel unseres Umsatzes machen wir in Europa", teilt der Maschinen- und Lkw-Bauer MAN  mit. "Von der Schwäche des Dollars sind wir daher nicht allzu stark betroffen."

Bei Rheinmetall entfallen rund 11 Prozent des Umsatzes auf Nordamerika. Und der Graphitspezialist SGL Carbon  beziffert seinen Umsatz im Dollarraum auf etwa 100 Millionen Dollar, rund 78 Millionen Euro - bei einem gesamten Konzernumsatz von einer Milliarde Euro.

Die großen Konzerne sichern sich ab

Die großen Konzerne sichern sich ab

Zu vernachlässigen sind die Währungseffekte indes nicht: So erwirtschaftete der Spezialchemiekonzern Degussa  in den ersten neun Monaten des Jahres ein Umsatzplus von lediglich 3 Prozent auf 8,26 Milliarden Euro, obwohl die Mengen um 6 Prozent gestiegen waren. Den Rest fraß die Währungsumrechnung auf. Und ein Henkel-Sprecher rechnet vor, dass die Veränderung des Euro-Kurses um einen US-Cent rein rechnerisch eine Umsatzveränderung von rund 20 Millionen Euro ausmacht.

Doch die Auswirkungen der Dollarschwäche träfen die Konzerne weitaus härter, sicherten sie sich nicht gegen Währungsrisiken ab. "Grundsätzlich nutzen wir ein ausgeklügeltes System der Absicherung. Wir haben die Währungsdifferenzen daher im Griff"; sagt Robert Steiner, Finanzchef des Autozulieferers Leoni. Mit Hilfe von Finanzmarktgeschäften, beispielsweise so genannten "Swaps", versuche der Konzern Dollargeschäfte von den Schwankungen der Währung abzukoppeln. "Weil wir als Zulieferer der Autoindustrie keine fertigen Endprodukte liefern, trifft uns das Problem allerdings ohnehin nicht so stark wie unsere großen Abnehmer", so Steiner.

"Absicherung ist Hauspolitik"

Auch SGL Carbon sichert seine Währungsrisiken am Finanzmarkt ab - derzeit zu einem Kurs von 1,15 Dollar pro Euro. "Damit sind wir derzeit zu 100 Prozent abgesichert", so ein SGL-Sprecher. "2005 werden wir für diese Absicherung dann einen Eurokurs von 1,25 Dollar annehmen."

Eine Degussa-Sprecherin erklärt, die Absicherung gegen Transaktionsrisiken, zum Beispiel beim Export in die USA, sei grundsätzliche Hauspolitik. So genannte Translationsrisiken , also reine Umrechnungsrisiken die zum Beispiel bei der Bilanzerstellung auftreten, würden hingegen nicht abgesichert - so weit damit keine Cashflow-Risiken verbunden seien.

Im Blick auf die gestiegenen Preise für Öl und andere Rohstoffe sehen einige Unternehmen allerdings sogar einen Vorteil im schwachen Dollar. Da insbesondere das Öl in Dollar abgerechnet werde, so heißt es unisono, schlage der hohe Ölpreis nicht in voller Härte auf die Unternehmen in Deutschland durch.