Siemens Zum Abschied ein Rekordgewinn

Konzernchef Heinrich von Pierer verlässt nach zwölf Jahren die Siemens-Schaltzentrale und legt die Messlatte für seinen Nachfolger hoch: Der Gewinn ist im abgelaufenen Geschäftsjahr auf Rekordniveau gestiegen, trotz Problemen in den Sparten Mobiltelefone und Verkehrstechnik. Auch für Aktionäre gibt es noch ein kleines Präsent.

München - Der langjährige Vorstandschef Heinrich von Pierer verabschiedet sich mit einem Rekordgewinn von Deutschlands größtem Elektronikkonzern. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2004 stieg der Gewinn unterm Strich um 39 Prozent von 2,4 auf 3,4 Milliarden Euro, wie Siemens  am Donnerstag in München mitteilte. Ohne Gewinne aus dem Aktien-Verkauf der Halbleiter-Tochter Infineon  und Abschreibungseffekte wäre er um 23 Prozent auf drei Milliarden Euro gestiegen.

Der Ausblick auf das laufende Geschäftsjahr stimmt zuversichtlich: "Wir wollen im Geschäftsjahr 2005 weiter wachsen", kündigte von Pierer an. Der Umsatz werde prozentual einstellig zulegen, das Wachstum werde aber höher ausfallen als zuletzt. Eine genaue Ergebnisprognose will Siemens erst im Januar vorlegen.

Um das Ergebnis weiter zu verbessern, plant Siemens nach von Pierers Angaben Akquisitionen: "Wir arbeiten an weiteren gezielten Verstärkungen unseres Geschäftsportfolios". Siemens will insbesondere in den Bereichen Kraftwerks- und Medizintechnik sowie Automatisierung nach Zukäufen Ausschau halten. Derzeit bemüht sich der Konzern um die Übernahme des österreichischen Konkurrenten VA Tech.

Das Wachstumsprogramm in den USA, in Asien, Mittel- und Osteuropa werde fortgesetzt. Daneben konzentriere sich das Unternehmen auf mehr Innovation und Kundennähe. "Siemens ist immer in Bewegung. Bei uns gibt es keinen Stillstand. Das wird auch bei meinem Nachfolger so bleiben", sagte von Pierer, der noch bis Januar 2005 an der Konzernspitze steht.

Auslandsumsatz bei 80 Prozent

Mit dem Geschäftsjahr 2004 zeigte sich der Vorstandschef zufrieden: Im Ende September abgelaufenen Geschäftsjahr sei der Umsatz um 1 Prozent auf 75,2 Milliarden Euro gestiegen, währungsbereinigt beträgt das Plus 3 Prozent. Der Auftragseingang legte um 8 Prozent auf 80,8 Milliarden Euro zu. Rund 80 Prozent der Erlöse kämen aus dem Ausland, die Tendenz sei steigend. Asien und China bleiben Wachstumsmärkte für Siemens.

Die meisten der 13 Sparten haben nach Angaben von Pierers "beeindruckende Ergebnisse" geliefert. Im operativen Geschäft verbesserte sich das Ergebnis um 16 Prozent auf den Rekordwert von fünf Milliarden Euro. Den größten Beitrag leisteten die Sparten Automatisierungs- und Medizintechnik mit jeweils rund einer Milliarde Euro. Auch die Kraftwerksparte, der Autozulieferer VDO und Osram zeigten sich ertragreich.

Die kriselnden Kommunikationssparten Netzwerktechnik (ICN) und Mobilfunk (ICM) steigerten nach umfassender Restrukturierung das Ergebnis. ICN und ICM wurden zum 1. Oktober zusammengelegt und bilden jetzt mit rund 60.000 Mitarbeitern den mit Abstand größten Siemens-Bereich. Laut von Pierer dürfte es nicht so schnell gelingen, hier "überzeugend schwarze Zahlen zu schreiben".

Rückrufaktion belastet die Handy-Sparte

Rückrufaktion belastet die Handy-Sparte

Trotz höherer Absatzzahlen fiel im Handy-Geschäft ein Verlust an, wozu auch eine Rückrufaktion der neuen S65-Reihe wegen fehlerhafter Software beitrug. Die Panne habe "unverhältnismäßig viel Geld gekostet", genaue Kosten wollte von Pierer nicht beziffern. "Das Thema ist erledigt und die 65er-Serie wird im Markt gut aufgenommen."

Der weltweit viertgrößte Handyhersteller steigerte zwar im Jahresvergleich seinen Absatz mit Mobiltelefonen, litt aber unter einem starken Preisdruck unter anderem im Konkurrenzkampf mit dem Branchenprimus Nokia . Im vierten Quartal des abgelaufenen Geschäftsjahres sank der Durchschnittspreis um 6 Prozent auf knapp 99 Euro je Handy. Im Gesamtjahr fielen die Preise um 16 Prozent.

Die Verkehrstechniksparte steckt nach Problemen mit fehlerhaften Combino-Straßenbahnen tief in den roten Zahlen; der Verlust belief sich auf 434 Millionen Euro. Die technischen Probleme der Bahnen sind dem Konzern zufolge mittlerweile gelöst. Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger zeigte sich überzeugt, dass der Bahntechnikbereich im laufenden Jahr schwarze Zahlen schreiben wird: "Alles andere wäre inakzeptabel".

Bis zu 13 Milliarden Euro Cash in Reserve

Mit Blick auf den hohen Barmittelbestand zeigte sich der Vorstand gelassen. Zwar fordern Analysten und Investoren angesichts der geschätzten Cashreserven in Höhe von 11 bis 13 Milliarden Euro seit längerem, diesen in Zukäufe zu investieren, eigene Aktien zurückzukaufen oder eine Sonderdividende zu zahlen.

Neubürger wies jedoch darauf hin, dass weder ein Aktienrückkauf noch eine Sonderdividende geplant sei. Der Konzern hat nach seinen Worten zu Beginn des Geschäftsjahres eine Sonderdotierung der Pensionspläne in Höhe von 1,5 Milliarden Euro vorgenommen, wodurch sich die Deckungslücke auf 1,6 Milliarden Euro verringerte.

Auch von Pierer hat sich für die hohen Reserven ausgesprochen: "Cash does not burn a hole in your pocket", sagte der Konzernchef. Er habe noch nie gehört, dass ein Unternehmen wegen zuviel Bargeldbestand untergegangen sei. Allerdings habe er mehrfach das Gegenteil vernommen.

Machtwechsel an der Siemens-Spitze

Abgang nach zwölf Jahren als CEO

Zu seinem bevorstehenden Abschied sagte Pierer, das Siemens-Selbstverständnis als innovativer, global wettbewerbsfähiger und mitarbeiterorientierter Konzern werde sich auch unter Nachfolger Klaus Kleinfeld nicht ändern. Nach zwölfjähriger Amtszeit gibt der 63-jährige Vorstandschef im Januar die Macht an seinen Wunschkandidaten ab und wechselt in den Aufsichtsrat.

Seit 1992 ist der promovierte Jurist Siemens-Chef und machte aus dem trägen Tanker "viele kleine Schnellboote". Die krisenanfälligen Töchter Infineon  und Epcos  schickte er an die Börse, die 13 verbliebenen Sparten trimmte er auf Rendite.

Kleinfeld, der zuvor unter anderem das US-Geschäft von Siemens saniert hatte, leitete zuletzt die Kommunikationssparten und wurde im August zum stellvertretenden Vorstandschef ernannt. Er wird künftig Chef von insgesamt 430.000 Siemens-Mitarbeitern, von denen 164.000 in Deutschland arbeiten. Nach Meinung von Pierers ist es der "schönste Job, der in der deutschen Wirtschaft zu vergeben ist".

Aktie rutscht ins Minus

Die Börse reagierte auf den Geschäftsbericht mit einem leichten Kursabschlag. Im Nachmittagshandel notierte die Aktie  rund 1,0 Prozent schwächer auf 59,95 Euro. Die Zahlen lägen etwas unter den Prognosen, sagte ein Händler. Der Überschuss sei schwächer als erwartet ausgefallen. Die anderen Kennziffern hätten in etwa die Erwartungen getroffen.

Analysten: Licht und Schatten

"Der neue Siemens-Chef muss auf jeden Fall an der Mobiltelefon-Sparte arbeiten", sagte ein weiterer Händler. Diese hätte erneut enttäuscht. Auch das Desaster um die fehl konstruierten Combino-Straßenbahnen habe die Gewinne weiterhin belastet, sagten Marktbeobachter. "So lange die Combino-Züge nicht endgültig repariert sind, können sie das Ergebnis schon weiter belasten", sagte ein Analyst. Er gehe gleichwohl davon aus, dass die größten Teile der möglichen Kosten mittlerweile abgearbeitet seien.

Thomas Hofmann, Analyst der Landesbank Rheinland-Pfalz, zeigte sich von der Höhe der Dividende überrascht. Das Management habe mit 1,25 Euro je Aktie eine höhere Ausschüttung angekündigt als erwartet. Im Vorjahr wurde die Dividende bei 1,10 Euro festgelegt.

Bei der Analyse der einzelnen Segmentergebnisse seien vor allem die Sparten Mobilfunk, Verkehrstechnik sowie Kraftwerktechnik negativ aufgefallen. Die Sparte Medizintechnik habe positiv überrascht. Hofmann hat die Aktie als "Marketperformer" bestätigt und sieht das Kursziel weiterhin bei 70 Euro.

Dresdner Kleinwort Wasserstein hat die Aktie mit "Reduzieren" bestätigt. Die Analysten warteten auf die strategische Ausrichtung des neuen Vorstands, hieß es in einem Kommentar. Das Kursziel bei 55,0 Euro wurde bestätigt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.