US-Wirtschaft Kerry oder Bush - die Probleme bleiben

John Kerry oder George W. Bush? Für die US-Wirtschaft spielt es kaum eine Rolle, wer Präsident der Vereinigten Staaten wird. Sicher ist, die "Party auf Pump" kann so nicht weitergehen. Auf wirklich drängende Fragen bleiben aber beide Kontrahenten überzeugende Antworten schuldig.

Hamburg - "Politische Börsen" haben bekanntermaßen kurze Beine. Zwar schließen Beobachter nicht aus, dass es nach der US-Wahl zu kräftigen Ausschlägen an den Aktien- und Anleihemärkten kommen könnte. Doch werden sich die Investoren nach allgemeiner Einschätzung sehr bald wieder den eigentlichen Problemen der US-Wirtschaft zuwenden.

Und hier haben weder George W. Bush noch der Demokrat John Kerry eindeutige Antworten. Letzterer müsste im Falles eines Wahlsieges mit vielen seiner Vorhaben ohnehin durch das Nadelöhr eines vermutlich auch in Zukunft republikanisch dominierten Kongresses.

"Wird der Ausgang der US-Wahl die Grundvoraussetzungen für die amerikanische und damit in wesentlichen Teilen auch die globale Konjunktur in irgendeiner Weise ändern?", fragt deshalb Morningstar-Analyst Kai Wiecking und liefert die Antwort gleich mit: "Wohl nicht." Es sei unerheblich, ob der nächste Präsident wieder George Bush oder John Kerry heißen wird. Die Grundprobleme der US-amerikanischen Wirtschaft seien von keinem der beiden Kandidaten auf die Schnelle lösbar.

So haben nach Einschätzung von Finanzmarktexperten weder Kerry noch Bush überzeugende Konzepte für das gigantische Zwillingsdefizit von Haushalt und Leistungsbilanz vorgelegt. Zwar haben beide Politiker die Halbierung der Staatsverschuldung angekündigt. Wie das angesichts zugleich kostspieliger Wahlversprechen wie Steuersenkungen aber funktionieren soll, ist völlig unklar.

Weniger Steuern, doch die Ausgaben steigen

Skepsis ist vor allem angebracht, weil die Steuereinnahmen auch wegen eines abflauenden Wirtschaftswachstums in den Vereinigten Staaten in Zukunft spärlicher fließen dürften. Zugleich verschlingt das militärische Engagement der USA im Irak und anderen Krisengebieten Milliardenbeträge. Daran wird auch Kerry, der europäische Verbündete stärker einbinden möchte, zunächst nichts entscheidend ändern. Schließlich kommt die so genannte Baby-Boomer-Generation in die Jahre, was die Ausgaben der staatlichen Gesundheits- und Pensionskassen auch trotz möglicher Reformen kräftig ansteigen lassen wird.

Das offiziell ausgegebene Ziel beider Kandidaten, das Defizit innerhalb einer Legislaturperiode zu halbieren, ist für Morningstar-Experte Wiecking deshalb von "vornherein Malkulatur". "Die so genannte Konjunkturlokomotive Amerika ist längst zu einer Party auf Pump von asiatischen Gnaden verkommen", schreibt der Analyst in einem Kommentar.

Kerry für die Anleihen, Bush für die Aktien

Gleichwohl hält das Strategen und Volkswirte vor der Wahl nicht von mehr oder minder spekulativen Prognosen ab. Der Tenor sieht dabei wie folgt aus: Die Anleihemärkte dürften vor allem von einem US-Präsidenten John Kerry profitieren, weil ihm noch am ehesten zugetraut wird, das Defizit zu reduzieren. Vor allem dürfte die von Kerry geplante Rücknahme von Steuervergünstigungen für hohe Einkommen positiv für festverzinsliche Papiere sein, heißt es.

Kerrys Plan, die von Bush eingeführte steuerliche Entlastung von Dividenden und Kapitalerträgen teilweise zurückzunehmen, dürfte von den Aktienmärkten dagegen eher negativ aufgenommen werden. Bush hingegen will diese Begünstigungen beibehalten. Zugleich gehen Beobachter davon aus, dass Kerry die Aktienmärkte künftig schärfer regulieren wird, was vermutlich eine stärkere Kontrolle von Fusionen und Übernahmen nach sich ziehen werde.

Pharma-Industrie befürwortet George Bush

Mit Blick auf einzelne Sektoren sehen die Prognosen wie folgt aus. Ein Sieg von Bush dürfte die US-Pharmakonzerne stützen, schreiben die Experten von Morgan Stanley. Der Hintergrund: Rund 40 bis 45 Millionen US-Bürger sind nicht krankenversichert und Medikamente zumeist zu teuer. Kerry will den Reimport günstigerer Arzneien wie auch die Einfuhr von Nachahmerprodukten erleichtern. Der US-Pharma-Industrustrie drohten damit empfindliche Einbußen.

Energie- und Automobilindustrie fürchten Kerry

Bush stellt die Interessen der US-Unternehmen grundsätzlich über die Belange des Umweltschutzes. Das hat die Ablehnung des Klimaschutzabkommens (Kyoto-Protokoll) deutlich gemacht. Kerry dagegen will stärker alternative Energiequellen fördern und werde deshalb vermutlich Energiekonzerne und Autohersteller stärker mit Emissionsrichtlinien und Treibstoffverbrauchsauflagen belasten als Bush, heißt es unter Strategen.

Rüstungskonzerne: Safety first heißt die Devise

US-Rüstungskonzerne haben bislang kräftig von den hohen Staatsausgaben der Bush-Administration für Rüstung und das geplante nationale Raketenabwehrschild profitiert. Kerry, der nationale Sicherheitsinteressen genauso wie Bush in den Mittelpunkt seines Wahlkampfes gestellt hat, wird es sich deshalb nicht leisten können, den Pentagon-Etat drastisch zusammenkürzen. Gleichwohl wird er nach Einschätzung von Beobachtern sparsamer zu Werke gehen und etwa Abstriche am nationalen Raketenabwehrschild vornehmen.

Kerrys Offensive für den Mittelstand

Der Technologiesektor wiederum gilt als demokratisches Terrain, schreiben etwa die Analysten der Bank Credit Suisse. Als weitere Branchen könnten zudem die Konsumgüterindustrie und die Medien von einem Sieg Kerrys profitieren. Angesichts der angekündigten mittelstandsfreundlichen Politik Kerrys räumen die Experten diesen Branchen bessere Wachstumschancen ein als unter einer Bush-Regierung. So hat Kerry als einen der Kernpunkte seines Wahlprogramms umfangreiche Steuersenkungen für den Mittelstand angekündigt.

Die Herkulesaufgabe des nächsten Präsidenten

Der nächste Präsident kommt, die Probleme bleiben

Doch der Fokus auf einzelne Märkte und Branchen verstellt den Blick auf das Ganze und die grundsätzlichen Probleme der US-Wirtschaft, an deren Lösung kein US-Präsident vorbeikommen wird.

Wer auch immer am Mittwoch in das Weiße Haus einzieht, der nächste Präsident der Vereinigten Staaten hat die Herkulesaufgabe zu meistern, den Konjunkturmotor trotz hoher Defizite, weiter steigender Zinsen und eines sich abschwächenden Wirtschaftswachstums am Laufen zu halten, ist Ronald Doeswijk, Chefstratege der Fondsgesellschaft Robeco, überzeugt.

Ob angesichts steigender Zinsen und hoher privater Schulden der US-Verbraucher auch in Zukunft die gleiche verlässliche Stütze für die US-Konjunktur sein kann, ist allerdings zu bezweifeln.

Wohl auch deshalb macht man sich im politischen Washington und bei der US-Notenbank zusehends mit dem Gedanken vertraut, dass eine Abwertung des Dollar durchaus ein probater Weg wäre, den Export anzukurbeln und damit das Leistungsbilanzdefizit besser in den Griff zu bekommen.

Offiziell hält die Bush-Regierung noch an der Politik eines starken Dollar fest. An den Devisenmärkten hat dagegen die Wette gegen den Greenback längst begonnen.

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