Rechts-Kolumne Mit Offenheit zum Erfolg

Etliche deutsche Unternehmen würden sich gerne wieder von der Wall Street verabschieden und ihre Aktien von der US-Börse nehmen. Selbst Finanzminister Hans Eichel unterstützt dieses Vorhaben. Dem deutschen Finanzmarkt ist damit allerdings nicht geholfen.
Von Deborah Sturman

Glaubt Bundesfinanzminister Hans Eichel wirklich, dass der Handel mit den Aktien der 16 deutschen Unternehmen, die an der New York Stock Exchange (Nyse) notiert sind, keinen Schaden nehmen würde, wenn sie sich von der US-Börse zurückziehen sollten? Dies hat Eichel jüngst bei einem Besuch in New York erklärt.

Seine Äußerung bedarf einer Analyse. Für die Behauptung besteht nämlich kein empirischer Nachweis. Stattdessen gibt es einige Gründe für die Annahme, dass sich ein Listing an der Nyse positiv auf die entsprechenden Aktien und letztlich auch positiv auf die Aktienmärkte des Heimatlandes der jeweiligen Unternehmen auswirkt.

Ein Delisting dagegen beschert dem Anleger negative Konsequenzen, nicht zuletzt, weil dadurch die den Märkten verfügbaren Informationen über ein Unternehmen in ihrem Umfang und ihrer Qualität stark reduziert werden.

Strenge Auflagen der SEC

Eichel moniert, dass in New York notierte deutsche Unternehmen einer weitaus tiefer gehenden Auskunftspflicht unterliegen als Firmen, die nur an deutschen Börsen gelistet sind. Die von der US-Börsenaufsicht SEC vorgeschriebenen Bilanzen nach amerikanischem Standard seien detaillierter und deshalb teuerer als solche, die ausschließlich für den deutschen Kapitalmarkt erstellt werden müssen.

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Nach Berechnungen des Finanzministers summiert sich die zusätzliche Belastung der auch an der Nyse gelisteten Unternehmen auf "einen zweistelligen Millionenbetrag im Jahr". Die von Eichel angegebenen Kosten sind aber weder leicht nachvollziehbar, noch hat er uns vorgerechnet, dass die Kosten einer Bilanz nach deutschem Aktienrecht deutlich niedriger liegen. Außerdem ist unmöglich zu wissen, ob sich die höhere Kapitalmarkttransparenz und die stringente Kontrolle des Börsengeschehens durch die SEC nicht letztlich in Form stabilerer Märkte auszahlen.

Anleger verlassen sich auf die US-Regeln

Anleger verlassen sich auf die US-Regeln

Investoren in aller Welt verlassen sich auf die hohen Standards, welche der amerikanische Kapitalmarkt fordert und die er Anlegern bietet - allen Finanzskandalen in den USA zum Trotz, denn die werden schließlich auch vom Markt, der SEC sowie gegebenenfalls den Gerichten aufgeklärt, welche die Börsen kontrollieren.

Eichel übersieht also, dass die Unternehmensberichterstattung in den USA weitaus transparenter ist als in Deutschland. Hinzu kommt, dass Anleger in bestimmten Fällen die an der Nyse notierten Unternehmen zwingen können, Informationen nachträglich zu korrigieren. Sie können zudem Schadenersatz verlangen, wenn ein Verlust durch Fehlinformationen entstanden ist.

Es gibt bekanntlich eine Reihe von Unternehmen, deren für Anleger kostspielige Betrügereien nur dank der von der SEC vorgeschriebenen Auskunftserteilung ans Licht kamen. Anleger können also nur gewinnen, wenn die Unternehmen größere Transparenz an den Tag legen.

Natürlich sind auch viele nicht in den USA gelistete Unternehmen bei der Veröffentlichung von Informationen großzügig. Es gibt sogar Unternehmen, die davon überzeugt sind, dass es für ihr Geschäft gut ist, die Anleger noch umfassender zu informieren, als vorgeschrieben.

Verschlossen in der Krise

Doch wie es um das Transparenzverständnis der Marktteilnehmer bestellt ist, erweist sich leider meist erst in Krisenzeiten. Da die deutschen Bilanzrichtlinien weniger Transparenz einfordern, als die amerikanischen und weder Behörden noch Aktionäre rechtskräftige Möglichkeiten haben, gegen betrügerische Unternehmensberichterstattung vorzugehen, haben deutsche Unternehmen einen größeren Gestaltungsspielraum darüber, wann und worüber sie ihre Aktionäre informieren: In der Regel sind sie um so offenherziger, je erfreulicher ihre Lage ist. Unternehmen und Anlegern ist aber damit gedient, wenn beide Seiten des Kapitalmarktes über ein gleiches Maß an substanziellen Informationen verfügen.

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Wenn es wie derzeit darum geht, für eine Neubelebung der weltweiten Kapitalmärkte zu sorgen, kann auch eine umfassendere Auskunftspflicht dafür den nötigen Antrieb liefern und sollte deshalb nicht unterschätzt werden. Die entstehende Transparenz kann über nationale Grenzen hinaus positive Wirkung entfalten.

Was also kann Eichel tun, um die deutsche Börse neu zu beleben? Er kann nochmals betonen, dass auch er sich für Transparenz im deutschen Kapitalmarkt einsetzen will. Ihm würde dabei natürlich etwas unbehaglich zumute sein, weil er damit automatisch die laxen Informationsstandards in Deutschland anspräche. Aber die Anleger verstehen, dass Transparenz zur Stabilität des Marktes beiträgt. Es ist eine Sache, hypothetisch über Transparenz auf den Kapitalmärkten zu reden. Es ist etwas anderes, diese abzulehnen - ob man dies nun klar und deutlich vorträgt, oder subtil.

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