US-Versicherungsskandal Spitzer jagt die Bush-Freunde

Der Milliardenskandal um den weltgrößten Versicherungsbroker Marsh & McLennan bedroht eine ganze Familiendynastie. Dabei ist es nicht das erste Mal, dass der Greenberg-Clan ins Gerede kommt. Doch diesmal möchte Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer Köpfe rollen sehen.

New York - Am Ende war's eine kleine E-Mail, die den Milliardenskandal vollends auffliegen ließ. Ob die Kollegen nicht "einen lebenden Körper" zum nächsten Verkaufstreffen schicken könnten, fragte der Absender darin. Man brauche nur einen stummen Statisten, um dem Kunden vorzugaukeln, dass es mitbietende Konkurrenz gebe. "Irgendjemand aus dem New Yorker Büro, egal wer", hieß es in dem Memo. "Vielleicht auch ein Hausmeister."

Verfasser der E-Mail von Anfang 2001 war nach Angaben der New Yorker Staatsanwaltschaft ein Topmanager des US-Finanzriesen und weltgrößten Versicherungsmaklers Marsh & McLennan. Adressat sei die Munich-American RiskPartners gewesen, eine US-Tochter der Münchener Rück , die viele ihrer Geschäfte über Marsh abwickelt. Die sei allerdings nicht besonders erfreut gewesen, mal wieder als Strohmann eingespannt zu werden: "Wir haben nicht genügend Personal, nur um als 'Körper' zu einem Treffen zu kommen", zitieren die Ankläger deren Replik. "Wir verzichten."

Der Rest ist Geschichte, wie sie hier so gerne sagen. Die pikante Korrespondenz wanderte von Computer zu Computer, von Hand zu Hand, und landete schließlich im 23. Stock eines Wolkenkratzers unweit der Wall Street - in der Börsen-Ermittlungsabteilung des New Yorker Generalstaatsanwalts Eliot Spitzer. Dort verschwand die E-Mail zunächst lange in einer von Hunderten Kisten mit ungesichteten Beweisakten und Dokumenten. Dann, vor ein paar Wochen, grub sie ein Praktikant aus.

"Fundamentale Änderungen im Business"

Und so ist die E-Mail, nebst dutzenden weiteren Beweisstücken, nun zum Kernstück einer 31 Seiten dicken Klageschrift geworden, die Spitzer vorige Woche gegen den Marsh-Konzern einreichte. Es ist der bisher furioseste Vorstoß des Chefermittlers, den "Time" zum "Kreuzritter des Jahres" kürte, gegen die Wall-Street-Mischpoke.

Spitzer wirft Marsh vor, mit den Versicherungen gemeinsame Sache gemacht zu haben, um sich auf Kosten der Kunden zu bereichern: Preisabsprachen, Wucherverträge, Schmiergelder. 800 Millionen Dollar - die Hälfte der Einnahmen des vergangenen Jahres - sollen so erschwindelt worden sein.

Sturz einer Dynastie

Marsh streitet die Vorwürfe Spitzers ab. Doch der Skandal, der mit einem anonymen Tipp an Spitzer begann, hat längst nicht nur den Mammutkonzern erschüttert; dessen Kurs stürzte bisher um über 40 Prozent in den Keller - ein Wertverlust von mehr als 20 Milliarden Dollar.

Wieder mal ist durch Spitzers Ermittlungen eine gesamte Wall-Street-Branche ins Zwielicht geraten. Schon hat Spitzer weitere Großversicherungen und ihre Broker ins Visier genommen, darunter auch MetLife und Aon, den Marktzweiten nach Marsh. "Dies wird fundamentale Änderungen im Broker-Business nach sich ziehen", orakelt der US-Versicherungsexperte Adam Klauber.

Am Anfang des Falls aber steht Marsh, der "Risiko-Spezialist Nummer eins der Welt" - und dort vor allem die legendäre Dynastie, die seit Jahrzehnten nicht nur das weit verzweigte Unternehmen selbst beherrscht, sondern die gesamte US-Versicherungsindustrie. Die Affäre reißt den Milliardärs-Clan nun auseinander.

Senior mit drei Milliarden Dollar

Spitzers Klage zielt zwar hauptsächlich auf Marsh und dessen Hauptverantwortlichen, den 52-jährigen CEO Jeffrey Greenberg - der einzige Marsh-Funktionär, der in der Zivilklage gleich mehrfach namentlich inkriminiert wird. Mit in den Ermittlungssog geraten sind jedoch auch sein Bruder Evan Greenberg, 49, der die in Honduras registrierte Versicherung ACE leitet, sowie Vater Maurice ("Hank") Greenberg, 79, der gefürchtete "Pate" des US-Versicherungswesens und Vorstandschef des Branchenführers American International Group (AIG). Gemeinsam kontrollieren die zwei Greenberg-Generationen ein Firmenvermögen von über 700 Milliarden Dollar.

Jetzt sind auch AIG und ACE in der Klage als wissentliche - wenngleich nicht angeklagte - Mitbeteiligte genannt: Sie hätten mit Marsh gemeinsame Sache gemacht und dessen "illegale Verschwörung" so erst ermöglicht.

Es ist das unrühmliche Ende einer langen, wenn auch schon öfters getrübten Erfolgsstory. Der alte Greenberg, ein D-Day-Veteran und militärischer Ordensträger, begann einst ganz unten bei AIG, damals noch ein bescheidenes Unternehmen. Beharrlich arbeitete er sich bis an die Spitze hoch und machte aus AIG die weltgrößte Versicherung, mit Jahreseinnahmen von zuletzt 81,3 Milliarden Dollar. Der Senior selbst, privat über drei Milliarden Dollar schwer, rangiert auf der "Forbes"-Liste der 400 reichsten Amerikaner momentan auf Platz 59. Seine Söhne arbeiteten lange auch für ihn, machten sich dann aber selbstständig - bei nicht minder mächtigen Konzernen: Marsh vermeldete 2003 Einnahmen von 11,6 Milliarden Dollar, ACE 10,7 Milliarden.

Den eigenen Sohn angeschwärzt

Auch in andere Skandale verstrickt

Kumpelhaft verbunden mit einer anderen Macht-Dynastie, der der Bushs, spendeten sich die Greenbergs über die Jahre hinweg in den inneren Dunstkreis des Weißen Hauses. Hank Greenberg, der Henry Kissinger zu seinen Freunden zählt, hat allein dieses Jahr als "Ranger" über 250.000 Spendendollar für den Wahlkampf von US-Präsident George W. Bush gesammelt. "Nur wenige Firmenmogule", schrieb der linke Wirtschaftsautor William Jasper schon 2001, "kommen an seinen politischen Einfluss heran." Es ist ein gegenseitig einträgliches Geschäft: George Bush der Ältere öffnete AIG 1992 den gigantischen Versicherungsmarkt China; Bushs Sohn machte Greenberg-Konsortin Elaine Chao zur US-Arbeitsministerin.

Es waren in vergangener Zeit aber eher Sohn Jeffrey Greenberg und sein globaler Maklermulti Marsh, die Schlagzeilen machten. Während in der US-Finanzpresse schon lange Gerüchte über krumme Deals zwischen AIG und Marsh und über Greenbergs kometenhaften Aufstieg dort kursieren, platzte die erste große Bombe Ende vorigen Jahres: Spitzer verklagte den Investmentkonzern Putnam, eine Marsh-Dependance, wegen Milliardenbetrugs. Es war der Anfang des enormen Fondsskandals, der Dutzende Brokerhäuser mit in seinen Sog riss. Putnam zog sich mit einer Strafzahlung von 110 Millionen Dollar aus der Affäre.

Mercer Human Resource Consulting, eine weitere Marsh-Firma, ist außerdem in den schwelenden Gehaltsskandal um Ex-Börsenboss Dick Grasso verstrickt: Mercer gab auf Druck Spitzers zu, das Börsen-Board bewusst mit "inakkuraten und unvollständigen Informationen" gefüttert zu haben, um Grassos Salär so in die Höhe zu treiben. Das änderte allerdings nichts daran, dass Marsh-Chef Jeffrey Greenberg im April ins neu formierte Board der New Yorker Börse berufen wurde.

"Korrupte Geschäftspraktiken"

Für Eliot Spitzer war all das jedoch nur ein Vorspiel. Seine Zivilklage gegen Marsh liest sich wie ein Wirtschaftskrimi. Marsh habe Versicherungsverträge mit fiktiven Geboten aufgeblasen: In einem perfiden Schattenboxen seien die Versicherungen, darunter AIG und ACE, auf Geheiß von Marsh gegeneinander "angetreten". Wobei jedoch das "niedrigste" Gebot, das von vorneherein den Zuschlag gehabt habe, in Wahrheit das höchste gewesen sei - zu Lasten des Versicherungsnehmers. Auch habe Marsh illegale "contingent commissions" eingestrichen - als Extra-Provisionen getarnte Schmiergelder.

Anders als bisher hat es Spitzer diesmal offen darauf abgesehen, dass bei Marsh die Köpfe rollen - zumindest der Greenbergs. "Die Führung dieser Firma", schimpft Spitzer, "ist keine Führung, mit der ich reden werde." Mit einer außergerichtlichen Einigung werde Marsh diesmal also nicht davonkommen: "Ich werde keinen Vergleich zulassen." Stattdessen dürften sich die Manager auch persönlich auf strafrechtliche Folgen gefasst machen.

Und das ist sowieso erst der Anfang: "Unsere Ermittlungen", droht Spitzer, "reichen in viele Ecken der Versicherungsindustrie, denn wir wollen herausfinden, wie korrupt die Geschäftspraktiken sind." Schon werden Rufe nach einer Reform des Versicherungswesens laut. Denn das ist als einzige Finanzbranche nicht zentral reguliert, sondern untersteht den Aufsichtsbehörden in den Bundesstaaten.

Den eigenen Sohn angeschwärzt

Die Greenbergs haben derweil ihre ganz eigene Familienkrise zu bewältigen. Als Hank Greenberg jetzt in einer Konferenzschaltung mit Analysten gefragt wurde, welche Provisionsvereinbarungen er mit Spitzers Büro diskutiert habe, sagte er kühl ein einziges Wort - den Namen der Firma seines Ältesten: "Marsh." Private Blöße gab sich der Haudegen nach Darstellung des "Wall Street Journals" nur in einer internen AIG-Sitzung: "Natürlich bin ich betrübt", habe er gesagt. "Er ist mein Sohn."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.