Borussia Dortmund Niebaum unter Feuer

Die Tage des BVB-Präsidenten sind offenbar gezählt. Gerd Niebaum hat nun doch zugegeben, dass er eine Vereinbarung über seinen Rücktritt bis 2006 unterschrieben hat. Fans, Aktionäre und frühere Mitstreiter gehen auf Konfrontationskurs – die Krise der Fußball AG gerät immer mehr zum Wirtschaftskrimi.
Von Lutz Knappmann

Dortmund - Gerd Niebaum hatte sich weit aus dem Fenster gelehnt. Als "gezielte Falschinformationen" und "bösartige, wilde Spekulationen" hatte der BVB-Präsident am Mittwoch Medienberichte bezeichnet, er habe einen Brief des umstrittenen neuen BVB-Großaktionärs Florian Homm unterschrieben, der seinen Rücktritt als BVB-Präsident bis 2006 besiegelt. Zeitungen die dies behaupteten, drohte Niebaum juristische Schritte an. Tags darauf veröffentlichte die "Süddeutsche Zeitung" (SZ)kurzerhand Kopien der Papiere - und Niebaum ruderte zurück.

Eine entsprechende Vereinbarung hätten er und BVB-Vereinsmanager Michael Meier tatsächlich unterschrieben, gestand Niebaum in einer Presseerklärung. Er habe, so die Argumentation, den Brief Homms unter Zeitdruck vor der Bilanzpressekonferenz unterzeichnet. "Ich habe diesen Brief als Goodwill-Erklärung verstanden, um die Kapitalerhöhung nicht zu gefährden und um Schaden von Borussia Dortmund abzuwenden", sagte der Club-Präsident.

Nachdem Homm ihm jedoch bestätigt habe, die Zeichnung neuer Aktien im Rahmen der Kapitalerhöhung sei ohne Bedingungen erfolgt, sei für ihn klar gewesen, dass über den Inhalt neu verhandelt werden könne, argumentierte Niebaum. Seine harschen Äußerungen vom Mittwoch habe er auf Spekulationen bezogen, dem BVB läge ein weiterer Brief Homms vor. "Die Aussage, dass wir nichts unterschrieben haben, bezog sich ausschließlich auf das Schreiben vom 7. Oktober, das wir nicht erhalten haben."

Gerd Niebaum kämpft verzweifelt um seinen Posten an der BVB-Spitze. Denn der promovierte Wirtschaftsjurist steht mittlerweile von allen Seiten unter Beschuss - nicht erst seit er einen Rekordverlust des BVB von 67,7 Millionen und Rekordschulden von 118,8 Millionen Euro verkünden musste.

Homms wachsender Einfluss

Homms wachsender Einfluss

Immer wieder gelangten in den vergangenen Wochen Interna der Fußball AG an die Öffentlichkeit. Niebaums Rückhalt im eigenen Haus schwindet offenbar. Vor allem der neue, als "Kurskiller" und "Zerleger von Mallorca" bekannt gewordene BVB-Großaktionär Homm setzt Niebaum und das gesamte BVB-Management massiv unter Druck. Niebaum hatte Homm Mitte September selbst an Bord geholt, nachdem der bisherige BVB-Großaktionär Norman Rentrop sich von seinen Anteilen getrennt hatte.

Schon unmittelbar nach seinem Einstieg als Investor hatte Homm personelle Konsequenzen im Management angedroht, falls die Fußball AG nicht binnen weniger Monate wieder auf die Beine komme. Homm hält nach eigenen Angaben etwa 25 Prozent der BVB-Aktien, kontrolliert nach Insider-Informationen aber weitere Anteile.

Die jetzt bekannt gewordene schriftliche Vereinbarung vom 8. Oktober birgt neben Niebaums Rücktrittsankündigung noch weiteren Zündstoff. Denn die BVB-Spitze billigt mit ihrer Unterschrift offenbar, dass Homms Beteiligungsfirma "FM Fund Management" drei Positionen im Beirat der geschäftsführenden GmbH des BVB und zwei Entsendungsrechte in den Aufsichtsrat der BVB-Kapitalgesellschaft erhält. Niebaum erklärte dazu, es sei ihm "ein Bedürfnis", Homm an der Arbeit in den Gremien des krisengeschüttelten Klubs zu beteiligen.

Bekommt Homm Einfluss auf Personalentscheidungen?

Die geschäftsführende GmbH ist allerdings Teil des alten Ballspielvereins Borussia Dortmund, der laut Medienberichten strikt von der börsennotierten Kapitalgesellschaft getrennt ist. Ziel dieser Trennung sei es, so die Berichte, den BVB-Aktionären keinerlei Einfluss im Verein Borussia Dortmund zu geben, der nach wie vor auch über Personalfragen entscheidet. Mit eigenen Vertretern im Beirat der GmbH könnte Homm künftig also über die Besetzung des BVB-Managements mitentscheiden.

Der wachsende Einfluss Homms bringt auch ehemalige Mitstreiter aus den eigenen Reihen in Stellung gegen den Investor - und gegen Niebaum. Der frühere BVB-Schatzmeister Werner Wirsing, der im Verein hohes Ansehen genießt, will laut dem Bericht der "SZ" den Einfluss Homms eindämmen. "Leute wie Homm müssen als reine Finanzinvestoren von unserem Verein und seinen Gremien unbedingt fern gehalten werden", sagte Wirsing. "Das steht auch so in der Satzung."

Widerstand aus den eigenen Reihen

Widerstand aus den eigenen Reihen

Wirsing will auf der Mitgliederversammlung am 14. November zudem einen Antrag stellen, die Ämter des Vereinspräsidenten und des Geschäftsführers der Kapitalgesellschaft personell zu trennen. Niebaum bekleidet bisher beide Posten und müsste bei einer Annahme der Satzungsänderung zumindest einen abgeben.

Und die jüngste Posse um die Vereinbarung zwischen Homm und Niebaum bringt Aktionäre, Fans und Vereinsmitglieder noch weiter gegen die Clubführung auf. "Niebaum kann doch nicht mit einem Anleger Sondervereinbarungen treffen und mit anderen nicht. Das ist moralisch absolut anstößig. Wir werden eine Sonderprüfung beantragen und prüfen, ob es juristisch angreifbar ist", sagte Stefan ten Doornkaat von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Nach Meinung ten Doornkaats handle es sich bei dieser ganzen Angelegenheit nur noch um "Besitzstandswahrung in winkeladvokatischer Art und Weise".

Vorzeitiger Rücktritt nicht ausgeschlossen

Niebaum selbst schloss unterdessen sogar einen Rücktritt vor der Jahreshauptversammlung am 14. November nicht mehr aus. "Ich kann das tun, aber ich habe eine Verantwortung gegenüber dem Verein und werde mit Michael Meier weiterkämpfen".

Als möglicher Nachfolger von Niebaum wird derweil bereits der frühere BVB-Präsident und kurzzeitige NRW-Justizminister Reinhard Rauball gehandelt. Rauball hatte Niebaum 1984 zum BVB geholt - um den damals klammen Fußballclub vor der Pleite zu retten.

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