US-Listing Einbahnstraße nach New York

In Boomzeiten galt eine Börsennotierung in den USA für deutsche Unternehmen als riesiger Imagegewinn. Inzwischen wollen die meisten Konzerne nur noch weg, denn das US-Listing verschlingt Millionen. Doch ein Rückzug ist kompliziert. Jetzt interveniert auch der Bundesfinanzminister, um deutschen Firmen den Abschied zu erleichtern.

Hamburg/New York - Eine ganze Reihe von deutschen Unternehmen hat in den vergangenen Jahren den Gang an die Wall Street gewagt. Mit großem PR-Aufwand und Tamtam zelebrierten sie ihr Listing an der weltgrößten Börse, um dem Vorgang die gebührende Strahlkraft zu verleihen.

Doch längst ist Ernüchterung eingetreten und die Präsenz für viele deutsche Unternehmen zu einer Last geworden. Die Einhaltung amerikanischer Bilanzierungs-, Börsen- und Aufsichtsregeln verschlingt Jahr für Jahr Millionen, der Erfolg dagegen ist kaum zählbar. Viele Unternehmen würden sich daher am liebsten zurückziehen. Doch das ist schwierig.

Wohl auch deshalb hat sich Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) am Montagabend (MEZ) bei seinem Besuch an der New Yorker Börse Nyse unter anderem für leichtere Rückzugsmöglichkeiten deutscher Unternehmen eingesetzt und auf die gegenseitige Anerkennung von Bilanzierungs- und Aufsichtsregeln der USA und der EU gedrängt.

Konzernchefs mit einem Bein im Gefängnis

Während der Hausse der 90er Jahre hatten sich ausländische Unternehmen geradezu überschlagen, um an die New Yorker Börse oder an die Nasdaq zu kommen. Das Platzen der Internet- und Telekom-Spekulationsblase sowie die schlimmste Baisse seit den 30er Jahren setzten dem Herdentrieb an die Wall Street dann ein vorläufiges Ende.

Hinzu kam später das so genannte Sarbanes-Oxley-Gesetz, das in- und ausländische Konzerne unter Druck setzte. Im Gefolge der beispiellosen Bilanzbetrügereien bei US-Unternehmen wie Enron, WorldCom und Adelphia hat das Gesetz die Melde- und Aufsichtspflicht der Unternehmen, ihrer Aufsichtsräte und der Konzernbosse enorm verschärft. Bei Verstößen drohen jetzt sogar Gefängnisstrafen. "Der Vorstand eines in den USA notierten Unternehmens läuft heute permanent Gefahr, wegen eines Regelverstoßes vor Gericht gestellt zu werden", so der Hamburger Bilanzprofessor Eberhard Scheffler,

Viel Geld für wenig Wirkung

Zugleich muss ein großer Dax-Konzern neben seiner Notierung an der heimischen Börse für ein Doppellisting etwa an der Nasdaq jährlich bis zu zehn Millionen Euro berappen, schätzen Experten. Insbesondere der Aufwand für die Berichterstattung nach amerikanischen Bilanzierungsregeln ist immens. Viel Geld für wenig Wirkung, denn bislang wurden vielleicht mit Ausnahme von SAP die 18 deutschen an der Wall Street notierten Firmen nicht gerade mit hohen US-Aktienumsätzen belohnt. Selbst die großen US-Fonds ordern ihre T-Aktien lieber in Frankfurt, schließlich ist dort eine hohe Liquidität gewährleistet.

Was liegt da näher, als der Wall Street den Rücken zu kehren? Doch das ist leichter gesagt als getan - auch aus finanziellen Gründen. Experten rechnen deshalb nicht mit einem Massenexodus deutscher Großkonzerne und ihrer US-Töchter.

Offiziell begründen die Unternehmen ihr Festhalten am US-Listing mit dem Argument, auf diesem Wege über eine geeignete Akquisitionswährung für Übernahmen in den USA zu verfügen. Zudem könne die Notierung als vertrauensbildende Maßnahme gewertet werden. Hinter vorgehaltener Hand sehen das viele Konzernlenker anders.

"Der Imageeffekt ist total überschätzt worden"

"Die Notierung in New York ist wie eine italienische Hochzeit", sagte unlängst Eon-Chef Wulf Bernotat. "Man kann nicht wieder zurück." Zum einen sei der Imageschaden beträchtlich. Zum anderen verlangten die US-Behörden für eine so genannte Deregistrierung den Nachweis, dass der Kreis der US-Aktionäre auf weniger als 300 abgeschmolzen ist - und zwar über einen Zeitraum von anderthalb Jahren. Für Konzerne mit tausenden von Einzelaktionären ist das ein kaum zu bewältigender Kraftakt. Kaum verwunderlich, dass Eon  und Allianz  ihre Pläne eines US-Delistings wieder verworfen haben.

Der Imageeffekt des US-Börsengangs sei total überschätzt worden, heißt es unter Eon-Managern. Der Anteil an US-Investoren sei bestenfalls gleich geblieben. Stattdessen zahle der Konzern jährlich Millionen, um einem Behördenapparat ausgeliefert zu sein, der dem Konzern immer neue Pflichten aufbürde. Da darf es nicht verwundern, wenn Bernotat "allen Unternehmen, die an die New Yorker Börse gehen, eine sehr sorgfältige Kosten-Nutzen-Analyse" empfiehlt - eine diplomatische, aber klare Warnung an die Kollegen, die womöglich noch über einen Gang an die Nyse nachdenken.

Die deutschen Konzerne an der Wall Street

Die 16 an der Nyse gehandelten deutschen Gesellschaften sind Allianz, Altana , BASF , Bayer , DaimlerChrysler , Deutsche Bank , Deutsche Telekom , Eon , Epcos , Fresenius Medical Care , Infineon , Pfeiffer Vacuum , SAP , Schering , SGL Carbon  und Siemens .

An der Technologiebörse Nasdaq werden die Aktien der Lion Bioscience AG  und der GPC Biotech  gehandelt. Als einzige deutsche Firma hat sich bisher die Software-Firma Intershop  von der Nasdaq verabschiedet.

Insgesamt haben nahezu 2800 führende amerikanische und ausländische Gesellschaften ihr US-Börsendomizil an der Nyse, der mit weitem Abstand größten Börse der Welt. Bei der Nasdaq, deren Handel sich ausschließlich über Computersysteme und nicht wie bei der Nyse auf dem Börsenparkett abspielt, werden die Aktien von rund 3300 Gesellschaften gehandelt.

Die Zahl der an der New Yorker Börse geführten ausländischen Gesellschaften hat sich seit 1994 mehr als verdoppelt. Zurzeit werden Aktien oder Aktienhinterlegungsscheine von 457 Gesellschaften aus 47 Ländern an der traditionsreichen Börse gehandelt. Das sind allerdings 16 weniger als im Jahr 2002.

Der Gesamtwert ihrer Aktien beträgt insgesamt rund 5,9 Billionen Dollar. Der Gesamtwert aller an der Nyse notierten Aktien beläuft sich auf 17,6 Billionen Dollar. In der ersten Hälfte dieses Jahres wurden an der New Yorker Börse rund 20 Milliarden Aktien ausländischer Firmen umgesetzt. Das waren rund elf Prozent des Gesamtsatzes der Börse.

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