Thilenius-Kolumne Die Prognosemeister der Wall Street

In Amerika tobt der Wahlkampf. Präsident George W. Bush sieht sich einem starkem Herausforderer John Kerry gegenüber. Die Wall Street gibt bereits Hinweise darauf, wer der künftige Präsident der Vereinigten Staaten sein wird.

Wie es sich für einen ordentlichen amerikanischen Wahlkampf in bester Wild-West-Tradition gehört, lassen beide Kandidaten keine Möglichkeit aus, den Gegner in eine Schlammschlacht hineinzuziehen. Der Wahlausgang ist völlig offen, sagen Meinungsforscher.

Kann vielleicht die Wall Street bereits eine Antwort geben auf die Frage, wer die Wahl gewinnen wird? Seit Jahrzehnten ist zu beobachten, dass die Börse den Wahlausgang bereits nach dem Nominierungsparteitag der republikanischen Partei Ende August einigermaßen präzise anzeigt.

Traditionell siegt der Amtsinhaber, wenn die Börse zwischen dem Wahlparteitag der Republikaner und dem Wahltag im November steigt. Fällt die Börse in dieser Zeit, dann ist ein Amtswechsel anzunehmen. Dies war besonders deutlich vor der Wahl von John F. Kennedy 1960.

Der sorgfältige Beobachter wird registriert haben, dass seit dem Tief Anfang August der Standard & Poors Index seither kontinuierlich steigt, aber nur sehr langsam. So richtig sicher scheint sich der Markt also nicht zu sein, sonst wäre der Anstieg stärker.

Die Erfahrungen des Jahres 2000, als es wochenlang keinen klaren Sieger gab, steckt den Marktteilnehmern wohl noch in den Knochen. Der langsame Anstieg des Marktes in den letzten Wochen deutet deshalb nur sehr vorsichtig einen Sieg von Bush an.

In ähnliche Richtungen deuten auch verschiedene Future-Contracts. Die Futures der Universität von Iowa und des irischen Unternehmens intrade.com  weisen auf einen leichten Vorsprung für Bush. Es zeigt sich eine recht enge Korrelation zwischen dem Markt der Futures und dem Verhalten des S&P 500 Index. Steigen die Futures, steigt innerhalb weniger Tage auch der Index.

Bei Eisenhower war alles anders

Die oben angesprochene Korrelation zwischen Amts-Wiederwahl und Kursgewinnen im S&P hat allerdings auch eine bedeutende Ausnahme: Im Jahr 1956 fiel der Markt um 2 Prozent zwischen dem 23. August und dem 5. November. Trotzdem wurde Präsident Dwight D. Eisenhower wieder gewählt.

Die Erfahrung zeigt aber weiterhin, dass es keinen so großen Unterschied machen dürfte ob Bush oder Kerry gewinnen. Die Märkte haben sich meistens nach den Wahlen positiv entwickelt, unabhängig vom Wahlausgang. Sogar nach der Wahl des wenig beliebten Jimmy Carter stiegen die Märkte.

Investoren sind also gut beraten, bestehende Engagements außerhalb der Technologiewerte aufrecht zu erhalten. Die Karten an den amerikanischen Aktienmärkten dürften erst nach der Wahlrallye im Januar oder Februar 2005 neu gemischt werden. Unerwartete Ereignisse wie größere Terroranschläge im Irak oder andere Politische Unruhen können den Markt allerdings jederzeit zum entgleisen bringen.

Wer an der sich abzeichnenden Entwicklung am US-Aktienmarkt teilhaben möchte ohne die Risiken einzelner Titel einzugehen, ist mit Endloszertifikaten auf den S&P 500 Index sicher auf die nächsten Monate gut bedient.