Europa-Index "Deutschland verliert an Marktgewicht"

Mit Volkswagen hat ein weiterer Dax-Konzern seinen Platz im Stoxx-Eliteindex verlassen müssen. Damit wird ein jahrelanger Trend fortgeführt, sagt Lars Hamich vom Indexanbieter Dow Jones Stoxx. Der Börsenexperte erklärt im Gespräch mit manager-magazin.de, wie Anleger auf Änderungen in den Kurslisten reagieren sollten.
Von Harald Grimm

mm.de:

Die Zusammensetzung des DJ EuroStoxx 50 wird über Marktkapitalisierung und Branchenzugehörigkeit bestimmt. Ist Volkswagen am Börsengewicht gescheitert, oder haben auch Sektor-Überlegungen eine Rolle gespielt?

Hamich: Allein die Größe entscheidet bei uns. Volkswagen  scheiterte an seiner Marktkapitalisierung.

mm.de: Was für Kriterien muss ein Unternehmen denn erfüllen, um seinen Platz im DJ EuroStoxx 50 zu verteidigen?

Hamich: Wir haben strenge und transparente Auswahlkriterien für unsere Dow-Jones-Stoxx-Indizes: Rund 300 Titel kommen in die Vorauswahl für den DJ EuroStoxx 50. Diese 300 Aktien werden dann in 18 Branchen gegliedert. Innerhalb dieser einzelnen Branchen qualifizieren sich für die nächste Runde nur die, die in ihrer jeweiligen Gruppe zu den obersten 60 Prozent gehören.

Diese Branchenführer aus verschiedenen Sektoren wie Banken oder Technologie schaffen es auf die eigentliche Auswahlliste. Ab hier entscheidet einzig die Größe, die Branchenzugehörigkeit spielt keine Rolle mehr. Volkswagen hat sich zwar als einer der Branchenführer im Automobilsektor für die Auswahlliste qualifiziert, scheiterte dann aber an seinem Börsenwert. Das Unternehmen ist im Ranking der Marktkapitalisierung auf Rang 61 abgerutscht und hat damit die Kriterien für einen Platz im DJ EuroStoxx 50 nicht mehr erfüllt.

Unsere Regeln besagen ganz klar: Wenn ein Titel, der bislang nicht im Index vertreten ist, zu den Top 40 gehört, dann wird er mit in die Liste der 50 Blue Chips aufgenommen. Wenn ein bislang gelisteter Titel unter Platz 60 abrutscht, dann fällt er heraus. Von diesem System wollen wir auch nicht abrücken.

mm.de: Mit der Aufnahme der Credit Agricole  für Volkswagen sind jetzt zehn Bankenwerte im DJ EuroStoxx 50. Wo bleiben die Automobiltitel?

Hamich: Zu den Branchenführern im Automobilbereich, die in unser Top-60-Prozent-Segment fallen und somit in die Auswahlliste mit aufgenommen werden, gehören DaimlerChrysler , Renault , BMW  und Peugeot . Erst an Position fünf steht Volkswagen.

Aber auf der Auswahlliste entscheidet einzig die Marktkapitalisierung. Und deshalb schafft es im Augenblick nur DaimlerChrysler in den DJ EuroStoxx 50. Die anderen sind trotz ihrer relativen Branchengröße zu klein.

Zuletzt liefen Banken und Finanztitel sehr gut. Deshalb sind sie zahlreich vertreten. Bei den Autotiteln spiegelt die schwache Besetzung die schlechte Börsenentwicklung wieder.

Können Anleger schnelle Gewinne mit den Aufsteigern erzielen?

mm.de: Die Entscheidung, Volkswagen durch Credit Agricole zu ersetzen, ist am Markt erwartet worden. Gibt es überhaupt noch Überraschungen bei Ihrem Regelwerk?

Hamich: Nein, letztendlich geht es nur noch um eine Bestätigung. Unsere Auswahlliste, die wir als Grundlage nehmen, lässt jede Bank täglich mitlaufen. Jeder weiß, wo wir stehen. Und es war am Dienstagabend um 18 Uhr klar, wie die Entscheidung am Mittwoch fallen würde. Zwar mussten wir noch überprüfen, ob zum Beispiel eine Übernahme oder eine Fusion mit berücksichtigt werden muss, aber an sich stand alles fest.

Veränderungen in einem unserer Indizes zeichnen sich meist über einen längeren Zeitraum ab. Daher gibt es auch nicht diesen Überraschungseffekt wie dies bei einigen unserer Konkurrenten der Fall ist. Deshalb gibt es auch kaum große Kursausschläge nach Index-Neuordnungen - diese wurden schließlich meist erwartet.

mm.de: Große und rasche Spekulationsgewinne sind für den Privatanleger also nicht zu realisieren bei Stoxx-Index-Anpassungen?

Hamich: Nein.

mm.de: Die großen Index-Anbieter bewegen sich in ihrem Regelwerk aufeinander zu. Erwägt auch Dow Jones Stoxx, seine Entscheidungskriterien zu ändern?

Hamich: Nein. Wir sind in einer komfortablen Position, weil sich die Konkurrenz unserem Standard annähert. Der DJ EuroStoxx 50 hat sich zum bevorzugten Index des Marktes entwickelt. Dadurch ist der Druck auf die Konkurrenz größer geworden, sich unseren transparenz- und regelbasierten Kriterien anzunähern.

Das stärkt natürlich auch unsere Position. Schließlich haben wir diesen Trend nicht nur mitentwickelt, sondern auch vorgegeben.

mm.de: Für die Berechnung der Marktkapitalisierung gilt nur der Schlusskurs eines Stichtages. Die Deutsche Börse rechnet für die Zusammenstellung des Dax hingegen mit gewichteten Durchschnittskursen der vergangenen 20 Handelstage. Welcher Ansatz ist sinnvoller?

Hamich: Die Entscheidung, ob ich einen stichtagbezogenen Punkt oder einen Durchschnitt nehme, ist eine Wahl zwischen Komplexität und Simplizität, zwischen akademisch genau und handelbar.

Problematisch an einem Durchschnittskurs ist, dass besondere Ereignisse herausnivelliert werden. Nehmen Sie zum Beispiel die Aareal Bank . Nach der Ad-hoc-Meldung Anfang dieser Woche ist die Aktie um über 25 Prozent eingebrochen. Wenn ich zwei Tage später einen Durchschnittskurs bilde, dann wird dieser Einbruch herausnivelliert, weil die anderen 18 Tage davor gut waren. Das Beispiel funktioniert auch andersrum. Wenn ein Aktienkurs auf Grund einer wichtigen Meldung einen Sprung nach oben macht, wird dies im Mittelwert nicht sofort sichtbar.

Letztlich soll der Index den Markt aber möglichst genau und zeitnah abdecken. Das ist mit einer Mittelwertsbildung meines Erachtens nicht machbar, weil Kursbewegungen geglättet werden, egal ob diese gut oder schlecht sind.

Für wen sich der EuroStoxx 50 und der Stoxx 50 lohnt

mm.de: Im DJ EuroStoxx 50 sind nur Unternehmen aus der Eurozone notiert, im DJ Stoxx 50 werden auch andere europäische Titel zum Beispiel aus Großbritannien oder der Schweiz aufgenommen. Teilen Sie die Auffassung vieler Marktteilnehmer, dass der DJ EuroStoxx 50 wichtiger ist?

Hamich: Wichtiger würde ich nicht sagen, aber der DJ EuroStoxx 50 ist mit Sicherheit relevanter. Rund 430 Milliarden Euro werden derzeit an Derivaten und Index-orientierten Fonds anhand unserer beiden Blue-Chip-Indizes verwaltet. Der Großteil läuft über den DJ EuroStoxx 50, weil dieser auf Grund der nicht vorhandenen Währungsrisiken einfacher ist.

Allein durch das große Geld spielt der DJ EuroStoxx 50 eine massive Rolle, und das macht ihn als Produkt oder als Index in Europa zur klaren Nummer eins. Es ist deutlich mehr Geld im DJ EuroStoxx 50 als im Dax, FTSE oder CAC 40. Und selbst weltweit ist nur der S&P500 etwas größer, obwohl unser Index erst knapp sechs Jahre alt ist. Und unsere Wachstumsraten sind immer noch sehr positiv.

Dennoch bleibt auch der DJ Stoxx 50 wichtig, weil er zum Beispiel dem asiatischen oder amerikanischen Investor die 50 größten Werte in Europa gibt. Vereinfacht gesagt, wenn ich als Anleger das Produkt nicht täglich handeln muss, dann ist der DJ Stoxx 50 relevant. Wenn ich täglich handeln will und über ein Handelsvolumen meine Einnahmen generiere, dann ist der DJ EuroStoxx 50 pflegeleichter.

mm.de: Welchen Stellenwert nehmen die nationalen Indizes noch ein? Wer braucht den Dax, FTSE oder CAC 40?

Hamich: Die drei großen europäischen Indizes haben durchaus noch ihre Relevanz. Auch wenn man Europa gerne als einen Markt sieht, ist dieser nicht komplett harmonisch. Jedes Land entwickelt sich anders, wie wir gerade in Deutschland feststellen müssen. Und von daher sind auch der Dax, der FTSE und der CAC40 noch sinnvoll.

Fraglich ist, ob der Anleger noch einen Index für die kleineren Märkte braucht, also für Österreich, Norwegen oder Belgien. Ich glaube, die Zeiten sind vorbei. Mir reicht Europa.

Wenn ich mich auf einen dieser kleineren Märkte fokussieren möchte, dann mögen sie noch ihre Relevanz haben. Aber wenn ich nur europäische Aktien kaufe, dann setze ich auf den DJ EuroStoxx 50, statt mir ein Sammelsurium aus sieben oder acht kleinen nationalen Indizes zusammenzustellen. Durch die Größe und Skalenvorteile handele ich somit sehr viel effizienter.

Deutschland verliert, Frankreich und Italien gewinnen

mm.de: Was für einen Stellenwert nimmt der Stoxx 600 ein? Wird die Börse den marktbreiteren Indizes künftig mehr Beachtung schenken?

Hamich: Zum Stoxx 600 gibt es derzeit kein wirkliches Konkurrenzprodukt. In ihm sind die 600 größten Werte in Europa versammelt und er ist jetzt schon der Marktstandard. Ich würde ihn fast vergleichen mit dem S&P500 in Amerika, auch wenn es bis dahin noch ein langer Weg ist.

Weil die Bedeutung der Branchen und deren Gewichtung wächst, steigt auch die Relevanz des Stoxx 600. Die Kombination der 600 Größten mit der Brancheneinteilung gibt zusammen mit den Blue-Chip-Indizes ein hochflexibles Handelsprodukt auf verschiedenen Ebenen. Da sehen wir derzeit sehr hervorragende Wachstumszahlen.

mm.de: Dow Jones Stoxx bietet aber auch kleinere Indizes zum Beispiel für den skandinavischen Markt an. Soll es künftig auch Produkte für den osteuropäischen Markt geben?

Hamich: Ja, wir arbeiten daran, können aber noch keinen Zeitplan nennen. Letztendlich sehen wir die Entwicklung in Osteuropa ähnlich wie in Westeuropa: Die Märkte werden zu einem Markt zusammenwachsen.

Das Ganze ist eine Riesengeschichte, die nicht allein in der Finanzwelt spielt. Da sind Menschen, da sind Unternehmen, da baut sich was auf. Und es ist immer gut, wenn ich so eine Geschichte mit einem Index unterlegen oder auch beschreiben kann. Und das werden wir anbieten.

mm.de: Der DJ EuroStoxx 50 wurde im Februar 1998 aufgelegt, aber bis 1991 zurückgerechnet. Was für Trends haben Sie in der langfristigen Betrachtung erkennen können?

Hamich: Auffallend ist, dass gerade im DJ EuroStoxx 50 Deutschland an Gewicht verloren hat. Noch 1991 nahmen die deutschen Titel eine Marktkapitalisierung von 34 Prozent ein, heute sind es noch gut 22 Prozent. Das ist eine massive Verschiebung. In dem gleichen Zeitraum ist aber die Anzahl der Titel konstant geblieben. Natürlich fällt auch eine gegenläufige Tendenz auf. Frankreich oder Italien haben hinzugewonnen.

Analog dazu gibt es auch Branchenverschiebungen. Im Augenblick laufen Banken und Energie ganz gut. Branchen wie Autos oder Versorger haben dagegen Probleme.

In der langfristigen Betrachtung sehen wir immer wieder verschiedene asymmetrisch laufende Gruppen, seien es Länder oder Branchen. Und deshalb bieten wir mit unseren Indizes auch Länder- und Branchengruppen an. Wenn also jemand überzeugt ist von der Branche A in Land B - dann kann er auch entsprechend investieren.

Das heißt aber nicht, dass der Privatanleger mit einem Rückblick auf unsere Indizes in die Zukunft schließen kann. Es ist ein Anhaltspunkt, aber kein verlässlicher Indikator für künftige Entwicklungen.

Verwandte Artikel