Wall Street "Nehmt die U-Bahn, geht zur Arbeit"

Militär zieht vor den Türmen der Finanzindustrie auf. Banker sitzen in Crash-Kursen für den Terror-Notfall. Al-Qaida habe auch die US-Börse im Visier. Das Weiße Haus untermauert die jüngste Terrorwarnung mit gruseligen Details - Kritiker wittern dagegen einen Wahlkampftrick.

New York - Am späten Freitagabend, unbemerkt von der Öffentlichkeit, trafen sich New Yorks Polizeichef Ray Kelly und FBI-Bezirksdirektor Pasquale D'Amuro zu einer außerplanmäßigen Geheimkonferenz in Manhattan. Noch in der Nacht alarmierte Kelly dann diskret alle Finanzinstitutionen und Wall-Street-Konzerne der Stadt, darunter auch die Börsen: Man möge verschärft vor allem Parkgaragen, Heiz- und Ventilationsanlagen im Auge behalten - al-Qaida sei im Anmarsch.

Der Rest der Welt bekam - abgesehen von ein paar TV-Reportern, die der Story schnell auf der Spur waren - all das erst gestern mit. Da trat US-Heimatschutzminister Tom Ridge vor die Kameras und wurde konkret: Die Terror-Warnung gelte fünf Finanzzentren - der New York Stock Exchange, dem Citicorp-Turm in Midtown, den Zentralen von Weltbank und Währungsfonds in Washington und dem Prudential-Gebäude in Newark. Die Informationen seien "glaubhaft", "alarmierend", "neu und ungewöhnlich spezifisch". Sprich: Dies sei keine Übung.

In der Tat ist dies das erste Mal, dass die US-Regierung in einer Terror-Warnung spezifisch die Wall Street identifiziert und namentlich die demonstrativ in ein Sternenbanner gehüllte New York Stock Exchange. Zwar steht die, wie der Rest der Stadt auch, schon seit 2001 unter kontinuierlicher Alarmstufe Orange - eine Stufe höher als die übrige Nation - und so unter paramilitärischer Dauer-Bewachung, 24 Stunden am Tag, für fünf Millionen Dollar pro Woche. Doch hat es eine solche Aufregung hier bisher selten gegeben. Bürgermeister Mike Bloomberg, sonst kein Freund der unfreiwilligen Überstunde, unterbrach sogar sein Wochenende, um von der City Hall aus persönlich an alle New Yorker zu appellieren: "Wenn Sie etwas Verdächtiges sehen, bitte wählen Sie s-o-f-o-r-t die Notrufnummer 911."

Operation "Atlas"

Was die Broker und Banker der Wall Street in die Bredouille stürzte: Sollen sie heute überhaupt zum Dienst antreten oder lieber erst gar nicht? Das müsse, unkte Alarmminister Ridge ominös, jeder für sich entscheiden. Ach was, entgegnete Bloomberg, typisch stoisch: "Steht auf, nehmt die U-Bahn, geht zur Arbeit und genießt die Freizüge New Yorks." Sprach's, und wünschte allseits einen "good afternoon".

Darob rotierten die inkriminierten Institutionen und Firmen und die Leitung der Exchange gestern sichtlich, um aus derlei Hü-und-Hott-Informationen einen Sinn zu machen und vor allem einer Panikreaktion der Börsianer zum morgendlichen Trading-Beginn vorzubeugen: Lebensgefahr - oder "business a usual"?

"Wir haben geöffnet", sagte Währungsfonds-Sprecher Bill Murray in Washington. Und doch wurde die Alarmstufe in der Hauptstadt sofort auf Orange erhöht. An der Wall Street wurde der Erstfall der Antiterror-Operation "Atlas" aktiviert: Polizeistreifen umstellten die Börse, in den Gassen ringsum zogen Nationalgarde-Trupps mit Panzerwagen und mobile Spezial-Einheiten namens "Hercules" auf. Die Williamsburg Bridge von Brooklyn nach Lower Manhattan wurde für Lkw gesperrt, der Holland-Tunnel von New Jersey nach Manhattan - eine der belebtesten Pendler-Verkehrsschlagadern hier - ist seit Mitternacht ganz gesperrt. Polizeichef Kelly traf sich außerdem mit einem Dutzend weiterer Wall-Street-Firmen - ein Hinweis darauf, dass mehr Terror-Ziele im Gespräch sind als bekannt.

Kurseinbruch zum Handelsbeginn befürchtet

Details absichtlich ausgeplaudert?

"Sie werden sehen, dass zusätzliche Maßnahmen ergriffen worden sind", bereitete Citigroup-Sicherheitschef Joe Petro seine New Yorker Kollegen per E-Mail auf den heutigen Dienstbeginn vor. Andere betroffene Finanzmitarbeiter mussten ihr Wochenende abbrechen und Eil-Schulungen für den Terror-Notfall besuchen, abgehalten von Al-Qaida-Experten des FBI. "Das war recht dramatisch", berichtete ein Teilnehmer beeindruckt.

Zum Handelsbeginn sehen manche Analysten schon einen Kurseinbruch in womöglich dreistelliger Höhe: Der Dow Jones , der die Vorwoche mit 10.140 Punkten abschloss, könnte so zum Börsenbeginn wieder unter die Angstschwelle 10.000 Zählern rutschen. Andere wie Richard Suttmeier vom Investmenthaus Joseph Stevens glauben indes, dass die Börsianer an die vielen Terror-Warnungen längst "gewöhnt" seien und die Reaktion minimal sein werde. Folgenschwerer sei es, wenn Broker, Anleger und Verbraucher aus Furcht zu Hause blieben.

Worauf sich der Alarm genau stützte, darüber kursierten schnell Gerüchte, die teils vom Weißen Haus selbst gestreut wurden. Um zum Beispiel seine Warnung zu untermauern, gab Antiterror-Minister Ridge einem hochrangigen Mitarbeiter eigens die Erlaubnis, vor einer Gruppe Journalisten Hintergrund-Details auszuplaudern - anonym natürlich.

Mysteriöse Festnahme an der Grenze

Was der Mann berichtete, klang gruselig. Er sprach von "Teilen eines Puzzles". Die Informationen seien über die letzten 36 Stunden akkumuliert worden. Die Terroristen hätten die Sicherheitsmaßnahmen der Gebäude, ihre Konstruktionsschwächen, Schichtdienste der Schutzbeamten, "gute Orte, um Mitarbeiter zu kontaktieren", und den Verkehrsfluss der Gegend ausspioniert. In einem Fall hätten sie vor einem Gebäude sogar die Zahl der Fußgänger pro Minute gezählt (14 pro Straßenseite). So eine Liebe zum Detail habe er in 24 Dienstjahren nicht erlebt.

Andere erinnerten an jene mysteriöse Frau ungewisser Nationalität, die am 19. Juli bei einem illegalen Einreiseversuch an der US-mexikanischen Grenze verhaftet worden war. Die Verdächtige habe mehrere tausend Dollar Bargeld, ein Flugticket nach New York und einen Pass bei sich gehabt, aus dem Seiten herausgerissen worden seien. Sie sei womöglich eine Kurierin oder "Teil eines Teams", das Anschläge in New York plane.

Doch sofort rührte sich auch Kritik, diese jüngste Terror-Warnung sei ein perfider Wahlkampftrick, mit dem das Weiße Haus vom Erfolg des demokratischen Wahlparteitags ablenken wolle. Dies sei eine "Trumpfkarte" für Präsident George W. Bush, schimpfte Howard Dean, die linke Galionsfigur der Demokraten. "Es ist einfach unmöglich zu wissen, wie viel davon echt ist und wie viel Politik, und ich vermute, es hat ein bisschen von beidem."

Gute Nachrichten für Bush?

Eins stimmt: In diesem Wahlkampf - der sich in erster Linie darum dreht, wer befähigter klingt, das Land zu verteidigen, Bush oder sein Rivale John Kerry - haben gute Nachrichten aus dem Demokraten-Lager auffallend oft neue Terror-Warnungen relativ unspezifischer Natur nach sich gezogen. Oder, wie letzte Woche, die Meldung von der Verhaftung eines mutmaßlichen Al-Qaida-Manns.

Demoskopen wissen: Je mehr Angst die Wähler haben, desto mehr neigen sie automatisch zum Amtsinhaber, als Garant emotionaler Stabilität. Prompt prahlte gestern auch Minister Ridge: "Diese Art von Informationen ist das Ergebnis der Führungskraft des Präsidenten im Krieg gegen den Terror." Tendenziöser geht das wohl kaum. Ist dies der Beginn der politischen "August-Attacke" auf Kerry, die das Bush-Wahlkampfteam angedroht hat?

Doch selbst moderate Demokraten wie der Senator und Ex-Präsidentschaftskandidat Joseph Lieberman finden, die Vorwürfe der Panikmache seien diesmal "lächerlich". Sogar Kerry verbreitete eine Erklärung, in der er von einer "ernsthaften Lage" sprach. "Dies hat nichts Politisches", sagte auch New Yorks Bürgermeister Bloomberg, der ungern mit sich spielen lässt. Vor allem nicht am Wochenende.

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