Zinsen Die EZB hält ihr Pulver trocken

Wie erwartet hat die Europäische Zentralbank den Leitzins in der Euro-Zone unverändert gelassen und ist nicht dem Vorbild der US-Notenbank Fed gefolgt. Wegen der noch anfälligen Konjunkturerholung und geringer Inflationsgefahren wird die EZB das Zinsniveau voraussichtlich erst im Herbst anheben.

Frankfurt am Main - Der für die Refinanzierung der Geschäftsbanken maßgebliche Schlüsselzins betrage weiterhin 2,00 Prozent, teilte die EZB nach ihrer Ratssitzung in Frankfurt mit. Anders als bei der Fed war an den Finanzmärkten nicht damit gerechnet worden, dass die EZB bereits jetzt die Phase historisch niedriger Zinsen beenden würde. Während die Wirtschaft in den USA bereits kräftig wächst und keine Impulse mehr von einer lockeren Geldpolitik braucht, kommt die Konjunkturerholung im Euro-Raum nur langsam voran.

Analysten erwarteten deshalb von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet noch kein klares Signal für eine Zinserhöhung. "Er wird im Grundsatz die neutrale geldpolitische Haltung betonen", sagte Claudia Windt, Volkswirtin von der Helaba. Wie bereits nach der Juni-Sitzung werde der EZB-Chef jedoch die Tarifparteien ermahnen, den vorübergehenden Ölpreisanstieg zum Anlass für zu hohe Lohnabschlüsse zu nehmen. Die Warnung vor solchen Zweitrundeneffekten sei aber nicht schon als Vorbereitung einer Zinserhöhung zu verstehen.

Die Zentralbank der Zentralbanken, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), hatte erst in dieser Woche die Notenbanken weltweit aufgerufen, rechtzeitig während des Aufschwungs die Geldpolitik zu straffen, um einen übermäßigen Preisanstieg in der reichlich mit Geld versorgten Weltwirtschaft zu verhindern.

Die Fed begann ihren Zinserhöhungszyklus am Mittwoch von einem Zinsniveau, das mit 1,00 Prozent nur halb so hoch war wie das der EZB. Sie erhöhte den Schlüsselzins um 25 Basispunkte auf 1,25 Prozent und stellte weitere moderaten Anhebungen in Aussicht. Volkswirte erwarten, dass der US-Zins gegen Jahresende wie derzeit in der Euro-Zone bei 2,00 Prozent liegen wird.

Preisstabilität ist gewährleistet

Die EZB hält die Preisstabilität mittelfristig aber nach wie vor für gewährleistet und erwartet die Teuerung 2005 unter zwei Prozent, wie mehrere Ratsmitglieder zuletzt bekräftigten. Nach Auffassung von Volkswirten gibt es deshalb noch keinen Druck, die Zinsen anzuheben. Helaba-Volkswirtin Windt rechnet mit einer Zinserhöhung erst im zweiten Quartal 2005. "Bis dahin wird die Fed die EZB überholt haben."

Seit der Ölpreisanstieg die Inflationserwartungen erhöht hat, betonen die Ratsmitglieder allerdings stärker ihre Wachsamkeit und wollen verhindern, dass die Tarifparteien auf die Energieverteuerung mit zu hohen Lohnsteigerungen reagieren. Immer mehr Analysten rechnen deshalb zumindest schon in diesem Jahr mit einem Zinsschritt, auch wenn sie noch in der Minderheit sind. Bei der jüngsten Reuters-Umfrage sagten 17 von 60 Volkswirten eine Zinserhöhung für das vierte Quartal voraus.

Mit der Formulierung, alle Optionen seien in der Zinspolitik offen, verdeutlichte Trichet in den vergangenen Monaten die Wartehaltung der Zentralbank. Jörg Krämer, Chef-Volkswirt von Invesco Asset Management, geht davon aus, dass Trichet dies wiederholen wird. "Die EZB bleibt vorsichtig und wird auf die Konjunkturrisiken achten", sagte er. Ein zweimaliger Rückgang des wichtigsten deutschen Frühindikators, des Ifo-Geschäftsklimaindexes, hatte bereits Zweifel am Anhalten des Aufschwungs genährt. Drei Rückgänge in Folge gelten als Signal für eine Trendwende.

Auch der Reuters-Einkaufsmanagerindex für Juni sank entgegen der Erwartung von Analysten. Mit einem Wert von 54,4 standen die Zeichen in der Industrie zwar noch auf Expansion, doch das Tempo ließ nach. Wirtschaftsforscher befürchten, dass der Export bei einer Abkühlung der Weltwirtschaft erlahmen könnte, bevor der von Arbeitslosigkeit und Reformdiskussion gedämpfte Konsum richtig anspringt.

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