Zinswende Die Märkte fürchten nur das Tempo

US-Notenbankchef Greenspan hat die Märkte lange auf die Zinswende vorbereitet. Es gilt als ausgemacht, dass der Leitzinssatz um 25 Basispunkte steigen wird. Die bange Frage gilt daher eher der zukünftigen Geldpolitik. Dabei wandelt die Fed auf einem schmalen Grat.

Washington/Frankfurt - Die Finanzmärkte in aller Welt haben am Mittwoch gespannt auf die Zinsentscheidung der amerikanischen Notenbank gewartet. Finanzexperten und Volkswirte erwarteten einhellig, dass der Offenmarktausschuss die Zinsschraube erstmals seit mehr als vier Jahren wieder anziehen und Satz für Tagesgeld von 1,0 auf 1,25 Prozent anheben wird. Dagegen dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) an diesem Donnerstag trotz der weiterhin hohen Inflation in der Euro-Zone die Leitzinsen in Höhe von 2,0 Prozent unverändert lassen, meinen Experten.

Das robuste Wachstum und der aufkeimende Inflationsdruck zwängen die Notenbank zum Handeln und damit zu einem Ende der Phase rekordniedriger Leitzinsen, heißt es einhellig unter Volkswirten. "Eine erste Zinserhöhung ist überfällig", schreibt die Commerzbank.

Entscheidend seien Hinweise über das künftige Tempo der Leitzinserhöhungen. Die Commerzbank erwartet bis zum Jahresende eine Verdopplung des Leitzinses auf 2,00 Prozent. Das Tempo hänge in erster Linie von der Entwicklung der Kernteuerung ab. Das Bankhaus HSBC Trinkaus & Burkhardt erwartet bis zum Jahresende einen Leitzins von 1,75 Prozent.

Die US-Notenbank hatte nach dem Platzen des Internetbooms im Jahr 2000 und im Gefolge der Terroranschläge in den USA vom 11. September 2001 den Leitzins auf den niedrigsten Stand seit 46 Jahren gesenkt. In jüngster Zeit hatten die Währungshüter die Finanzmärkte kontinuierlich auf eine "maßvolle" Anhebung der Leitzinsen eingestimmt. Daher würde alles andere als eine verhaltene Anhebung des Zinssatzes die Märkte in Unruhe stürzen, so die Experten.

Die Ausgangsdaten der US-Volkswirtschaft sind solide: Im 1. Quartal legte das Bruttoinlandsprodukt auf hochgerechneter Jahresrate um 3,9 Prozent zu. Volkswirte rechnen für das Gesamtjahr mit einem Wert von über vier Prozent.

Die Verbraucherzuversicht ist kräftig gewachsen, Investitionen steigen und damit nach langer Zeit auch die Zahl der Arbeitsplätze. In diesem Jahr wurden schon mehr als 1,2 Millionen neue Stellen geschaffen. Rund drei Millionen waren seit dem Platzen der Technologieblase 2000 abgebaut worden. Seit Januar 2001 hat die Notenbank die Zinsen 13 Mal auf ihren jetzigen Tiefstand gesenkt.

Mit den steigenden Haushaltseinkommen gehen allerdings auch die Preise nach oben: Die Inflation, im Dezember im Jahresvergleich noch bei 1,9 Prozent, stieg im Mai auf 3,1 Prozent. Anders als die Europäische Zentralbank soll die US-Notenbank neben der Funktion als Inflationshüter auch als Konjunkturankurbler fungieren.

Fed wandert auf einem schmalen Grat

Deshalb wandert sie auf schmalem Grat, konstatiert die Commerzbank. Einerseits soll der Preisauftrieb in Grenzen gehalten werden, andererseits sollen die Verbraucher, die immerhin zwei Drittel der US-Wirtschaft tragen, durch höheren Kreditzinsen nicht vom Konsum abgehalten werden.

Unmittelbare Auswirkungen einer Zinserhöhung erwarten Marktkenner aber nicht. Für eine nennenswerte konjunkturelle Bremswirkung sei ein Zinsniveau von über 5 Prozent erforderlich, so die Commerzbank. Die Hypothekenbanken haben ihre Ausleihesätze für langfristige Festzinskredite in Erwartung der Leitzinsanhebung bereits von 5,5 auf 6,5 Prozent erhöht.

Nach Einschätzung der DekaBank könnte es am Mittwochabend bei der Begründung der Leitzinsentscheidung keine getrennte Risikoeinschätzung für Inflation und Konjunktur mehr geben. Sollte dies der Fall sein, dürften die Risiken als ausgeglichen bezeichnet werden. Die Fed werde das Wort "maßvoll" beibehalten, solange keine Inflationsrisiken immanent werden. Die Währungshüter wollten mit ihrer komplexen Kommunikationsstrategie Turbulenzen an den Rentenmärkten vermeiden.