Goldreserven 3440 Tonnen mythische Fracht

Der deutsche Goldschatz besteht aus exakt 274.708 Barren und weckt Begehrlichkeiten in der Politik. Angesichts klammer Kassen soll die metallene Reserve angebrochen werden. Die Bundesbank zögert, möchte das Gold weiter in den Tresoren in New York, London und Paris lagern.

Hamburg - Der riesige Goldschatz der Deutschen soll nach dem Willen der Bundesbank vorerst nicht verkauft werden. Bundesbankvorstandsmitglied Hans-Helmut Kotz hat die politische Debatte um die Goldreserven im Gespräch mit dem "Stern" kritisiert: "Wenn die Bundesbank jedem Vorschlag, mit Goldverkäufen etwas zu finanzieren, gefolgt wäre, bestünde die Finanzierungsoption heute gar nicht mehr."

Ein über lange Zeit aufgehäuftes Vermögen solle nicht einfach zum Finanzieren des laufenden Konsums eingesetzt werden. Die Währungsreserven würden "vor allem als Stoßdämpfer zum Abfedern von Instabilitäten an den Finanzmärkten" gebraucht, Gold diene dabei "der Vertrauensbildung".

Auch der neue Bundesbankchef Axel Weber hat sich im Interview mit der "Zeit" zurückhaltend zu möglichen Verkäufen geäußert. Angesichts der großen Probleme des Bundeshaushaltes könnten Goldverkäufe keinen nennenswerten Beitrag zur Konsolidierung liefern.

Für die Bundesbank spiele Gold hingegen eine wichtige Rolle im Management der Währungsreserven: "Es ist nämlich die natürliche Sicherung gegen starke Dollarschwankungen: Verluste bei den Dollarbeständen können teilweise durch Gewinne auf die Goldbestände ausgeglichen werden und umgekehrt", sagte Weber der Zeitung.

Schnelles Geld für leere Staatskassen

Der Regierung kämen die Einnahmen aus den Goldreserven gelegen: Im Rahmen des "Washingtoner Abkommens" darf die Bundesbank in den kommenden fünf Jahren rund 600 ihrer 3440 Tonnen Gold verkaufen. Dadurch könnte pro Jahr bei einem Goldpreis auf dem derzeitigen Niveau etwa eine Milliarde Euro erlöst werden.

Webers Vorgänger Ernst Welteke hatte einen möglichen Verkauf in Erwägung gezogen, sofern der Erlös einer Stiftung für Bildung und Forschung zugute komme. Dieser Vorschlag fand auch die Unterstützung von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters ist diese Empfehlung jedoch vom Tisch. In neuesten Kabinettsunterlagen finde sich keine entsprechende Planung. In Regierungskreisen hieß es dazu, dies könne man als Verzicht auf eine entsprechende Initiative verstehen.

Ein rascher Verkauf könnte aus markttechnischen Gründen sinnvoll sein. Einer aktuellen Studie von Merrill Lynch zufolge wird der Preis des Edelmetalls in den kommenden Monaten unter Druck geraten. Die Experten senkten ihre Prognose für den durchschnittlichen Goldpreis im Jahr 2004 auf 410 von zuvor 435 Dollar je Feinunze. Grund dafür seien die zu erwartenden niedrigeren Gold-Investitionen. "Mit dem im 2. Halbjahr 2004 startenden Zinserhöhungszyklus in den USA dürfte die Investitionsnachfrage in Gold sinken", sagen die Analysten.

274.708 glitzernde Barren

274.708 glitzernde Barren

Nach Angaben des "World Gold Council" betragen die offiziellen Goldreserven Deutschlands derzeit 3439,5 Tonnen. Dies entspricht 45,6 Prozent der Gesamtreserven oder einem Wert von rund 36,5 Milliarden Euro. Das Edelmetall ist in Barren à 12,5 Kilo gegossen und wird überwiegend in einem Tresor in Manhattan gelagert. Dort betreibt die US-Notenbank für 60 Nationen das mit 550.000 Barren größte Goldlager der Welt.

"Der größte Teil unserer Goldreserven wird außerhalb deutscher Grenzen, wo er entstanden ist, gehalten: bei der Fed in New York, bei der Bank of England in London und der Banque de France in Paris. In dieser Reihenfolge", sagte Kotz dem Stern.

In den 50er und 60er Jahren waren der Bundesbank dort aufgrund außenwirtschaftlicher Überschüsse Deutschlands die Goldreserven von anderen Nationen übertragen worden. Wegen der hohen Kosten für Transport und Bau neuer Tresore lehnt es die Bundesbank aus betriebswirtschaftlichen Gründen ab, die Goldbarren nach Deutschland zu schaffen. Gerüchte, Deutschland könne nicht frei über das Gold verfügen oder die Reserven seien gar nicht mehr in den Tresoren, wies Kotz zurück. Das Thema Gold sei "mythisch überfrachtet", und das begünstige "offenbar das Entstehen gänzlich unplausibler Theorien".

Goldbestand der Notenbanken

Land Tonnen *Anteil in %
1. USA 8134,8 58,5
2. Deutschland 3439,5 46,5
3. IWF 3217,3 -
4. Frankreich 3024,6 52,8
5. Italien 2451,8 50,7
6. Schweiz 1592,3 29,1
7. Niederlande 777,5 48,2
8. EZB 766,9 -
9. Japan 765,2 1,3
10. China 600,0 1,7
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Euroland inkl. EZB 12.555,5 41,2
*Anteil am Bestand der gesamten nationalen Reserven (inkl. Devisen). Quelle: World Gold Council, März 2004
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