Goldman-Sachs-Kolumne Tappt Deutschland in die Falle?

Die Unternehmen bauen Jobs ab und knausern bei den Investitionen. Zugleich konsumieren die Verbraucher in Deutschland immer weniger. Eine gefährliche Entwicklung für Wachstum, Unternehmen und Beschäftigte gleichermaßen.
Von David Walton

Die anhaltend schwache Binnennachfrage und die erneute Verschlechterung am Arbeitsmarkt lassen Zweifel an der Solidität des Konjunkturaufschwungs in Deutschland aufkommen. Vielfach wird die mangelnde Konsumbereitschaft der Privathaushalte für die schleppende wirtschaftliche Erholung und für die Zweifel an deren Dauerhaftigkeit verantwortlich gemacht, was eigentlich auch verständlich ist. Denn während der Private Verbrauch in der übrigen Eurozone vom zweiten Quartal 2003 bis einschließlich erstes Quartal 2004 um 1,25 Prozent zugelegt hat, ist er in Deutschland um 0,9 Prozent zurückgegangen.

Bevor man jedoch den Privathaushalten die Schuld zuschiebt, sollte man zwei Dinge bedenken:

1. Gemessen am Trend wächst die deutsche Wirtschaft praktisch genau so schnell wie die übrige Eurozone. 2. Der sehr niedrige Verbrauch in Deutschland ist eher auf die schwache Entwicklung der Haushaltseinkommen als auf eine ungewöhnliche Zunahme der Ersparnisbildung der Haushalte zu Vorsorgezwecken zurückzuführen.

Investitionen und neue Jobs sind angezeigt

Wenn man also nach den Ursachen für das schwache Wirtschaftswachstum in Deutschland sucht, sollte man den Blick auf die Unternehmen richten und nicht auf die Privathaushalte. Die geringe Bereitschaft der Unternehmen, Geld auszugeben, manifestiert sich auf zweierlei Weise: 1. Ihre Investitionsausgaben sind stark zurückgegangen, und zwar um real 4 Prozent per anno seit dem letzten Höchststand im dritten Quartal 2003. 2. Die Zahl der Beschäftigten hat seit dem letzten Höchststand im zweiten Quartal 2001 um 786.000 beziehungsweise 2 Prozent abgenommen.

Die Unternehmen haben auf diese Weise ihre Finanzlage erheblich verbessert und ihre Ertragskraft deutlich gesteigert. In gewissem Maß ist ein solches Verhalten der Unternehmen in einem Konjunkturabschwung ganz normal und kann als "defensiver" Teil ihrer Umstrukturierungsmaßnahmen betrachtet werden. Sobald sich aber Produktivität und Rentabilität erholt haben, sollte die "offensive" Umstrukturierung folgen, das heißt, die Unternehmen sollten wieder investieren und neue Mitarbeiter einstellen.

Wenn sie statt dessen noch mehr Stellen abbauen und ihre Investitionsausgaben kürzen, um ihre Finanzlage noch weiter zu verbessern, kann dies zu einer recht problematischen Situation führen. Die wirtschaftliche Erholung bleibt aus, und die Umsatzaussichten für die Unternehmen trüben sich erneut ein, was diese wiederum veranlasst, ihre Investitionen weiter zu kürzen und noch mehr Stellen abzubauen. Deutschland könnte so in eine "Umstrukturierungsfalle" geraten.

Was bremst nun den deutschen Aufschwung?

Mit Hilfe statistischer Methoden haben wir deshalb Zeitreihen zu Unternehmensgewinnen, Investitionsausgaben und zur Beschäftigung analysiert, um festzustellen, ob die Bereitschaft der Unternehmen, zu investieren und Mitarbeiter einzustellen, geringer ist als in früheren Konjunkturzyklen. Unsere Analysen legen die Schlussfolgerung nahe, dass die deutschen Unternehmen bei der "defensiven" Umstrukturierung Fortschritte gemacht haben. Wie aber sieht es mit der "offensiven" Umstrukturierung aus?

Angesichts des Investitionsrückgangs im ersten Quartal ist die Frage berechtigt, ob die deutschen Unternehmen bereits mit dieser Phase begonnen haben. Dieser Rückgang ist insbesondere wegen der guten Exportzahlen und der zunehmenden Kapazitätsauslastung im Verarbeitenden Gewerbe - Faktoren, die normalerweise zu höheren Investitionsausgaben führen würden - schwer zu erklären.

Wir haben deshalb auch die zyklischen Komponenten der Unternehmensinvestitionen, des Exports und der Beschäftigung untersucht und sind zu folgenden Ergebnissen gekommen:

Die bis Mitte der 90er Jahre zu beobachtende positive Korrelation zwischen Unternehmensgewinnen und Bruttoinvestitionen hat sich seitdem abgeschwächt. Dies lässt sich zumindest teilweise durch die Technologieblase um die Jahrtausendwende erklären, die die Investitionstätigkeit unabhängig von der zugrunde liegenden Rentabilität der Unternehmen ankurbelte. Zwischen dem Export und den Investitionen besteht ebenfalls eine positive Korrelation, und es gibt hier keine Hinweise auf einen ungewöhnlichen zeitlichen Abstand zwischen der Export- und Investitionstätigkeit.

Der Beschäftigungszyklus schließlich erreicht seinen Wendepunkt in der Regel zwei bis drei Quartale nach dem Investitionszyklus. Dies ist auch im laufenden Konjunkturzyklus der Fall. Der zyklische Tiefpunkt wurde Mitte 2003 erreicht. Dies mag angesichts des beschleunigten Beschäftigungsabbaus im ersten Quartal dieses Jahres etwas überraschend erscheinen, den unsere statistischen Techniken aber als kurzfristige Turbulenzen interpretieren.

Strukturelle Probleme bremsen Deutschland aus

Bei rein konjunkturzyklischer Betrachtungsweise können wir nichts Ungewöhnliches an der konjunkturellen Erholung in Deutschland feststellen. Unternehmensgewinne, Investitionen und Beschäftigung haben alle ihren zyklischen Tiefpunkt bereits hinter sich. Der "offensive" Teil der Umstrukturierung scheint normal zu verlaufen.

Nach unserer Analyse liegen die Ursachen für das relativ schwache Wirtschaftswachstum in Deutschland in den anhaltenden strukturellen Problemen. Diese dämpfen das Potenzialwachstum und lassen den Aufschwung in Deutschland im Vergleich zu den übrigen Euroland-Mitgliedern als recht bescheiden erscheinen.

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