Notenbanken Umstellen auf aggressives Vorgehen

Der hohe Ölpreis beunruhigt die Währungshüter in Amerika und Europa. US-Notenbank-Chef Alan Greenspan hat für den Fall einer unerwartet stark anziehenden Inflation eine kräftige Zinserhöhung nicht ausgeschlossen.

Washington - Ebenso wie EZB-Präsident Jean-Claude Trichet äußerte sich US-Notenbank-Chef Alan Greenspan am Dienstag besorgt darüber, dass der starke Ölpreisanstieg von Dauer sein und das gesamte Preisniveau nach oben treiben könnte. Allerdings machte er deutlich, dass der für die Geldpolitik zuständige Offenmarktausschuss der Fed (FOMC) trotz des gestiegenen Ölpreises weiterhin davon überzeugt ist, dass die geldpolitischen Schrauben in maßvollem Tempo angezogen werden können.

Nur falls die Inflation unerwartet stark anziehen sollte, werde die Fed das Nötige zu tun, um Preisstabilität zu sichern, sagte der per Videoleitung zugeschaltete Fed-Chef bei einer Podiumsdiskussion mit Trichet und dem japanischen Notenbankchef Toshiro Muto in London.

Nach den Äußerungen Greenspans gab der Euro zum Dollar zeitweise rund einen halben US-Cent ab. Devisenanalyst Alex Beuzelin von Ruesch International in Washington sagte: "Er hat klargemacht, dass die Fed falls erforderlich flexibel genug ist, sich auf eine aggressivere Vorgehensweise umzustellen, auch wenn sie derzeit an maßvolle Zinserhöhungen glaubt."

Greenspan: "Überraschend ausgeglichen"

"Da wird offenbar der Weg für eine Zinserhöhung noch im Juni geebnet", urteilte Aktienstratege Frank Schallenberger von der LBBW. Wahrscheinlich werde es auf eine Anhebung des US-Leitzinses von derzeit 1,00 Prozent um 25 Basispunkte hinauslaufen. Ein Händler interpretierte Greenspans Äußerungen dagegen als Hinweis auf eine Erhöhung von bis zu 50 Basispunkten. "Eine Anhebung um 25 Basispunkte ist ohnehin schon im Markt eingepreist", fügte er hinzu.

"Zurzeit, so wie wir es einschätzen können, erscheinen die Dinge überraschend ausgeglichen", sagte Greenspan. Zu einer solchen Einschätzung komme die Fed nur selten. "Es wird so nicht weitergehen, das ist nie so", sagte er.

Es gebe aber keinen Grund für die Annahme, dass die Fed nicht ein gemäßigtes Tempo bei Zinserhöhungen gehen könnte. "Dieser Schluss basiert auf unserer aktuellen Einschätzung dessen, wie sich wirtschaftliche und finanzielle Kräfte in den kommenden Monaten und Quartalen entwickeln werden." Sollte sich dies als falsch herausstellen, stehe die Fed bereit.

Risikofaktor Ölpreis

Warten auf die Zinserhöhung

Der Schlüsselzins in den USA liegt mit 1,00 Prozent auf dem niedrigsten Niveau seit 1958. Bei der Sitzung des FOMC am 29. und 30. Juni erwarten Volkswirte eine Zinserhöhung um einen Viertelprozentpunkt. Einige Finanzmarktakteure befürchten aber, dass die Fed schon zu lange mit einer Erhöhung gewartet hat und nun bald schneller als erwartet nach oben gehen muss.

Die EZB wird nach Einschätzung von Volkswirten anders als die Fed noch mindestens bis zum Jahresende mit einer ersten Zinserhöhung abwarten. "Wir halten uns alle Optionen offen, wir haben keinen 'Bias", wir sind wachsam", sagte EZB-Chef Trichet. Der Schlüsselzins in der Euro-Zone liegt bei 2,00 Prozent.

Risikofaktor Ölpreis

Sowohl Greenspan als auch Trichet wiesen auf mögliche Gefahren hin, die vom Anstieg der Ölpreise ausgehen könnten. Trichet sah darin einen Risikofaktor sowohl für die Konjunktur als auch für die Preisstabilität. "Wir sind wachsam, und der Hauptgrund für die Wachsamkeit ist der Ölpreis", sagte er.

Zusammen mit höheren Steuern und Gebühren habe der Ölpreis im Mai die Inflationsrate in der Euro-Zone auf 2,5 Prozent schnellen lassen. Zweitrundeneffekte - also das Übergreifen der gestiegenen Ölpreise auf Löhne und Preise - müssten unbedingt vermieden werden. Bisher geht die EZB aber Trichet zufolge davon aus, dass die Preisstabilität mit Teuerungsraten unter zwei Prozent im kommenden Jahr erreicht wird.

Greenspan nannte den Anstieg der Ölpreise einen Risikofaktor für stabile Preise. "Höhere Ölpreise auf Dauer werden wahrscheinlich die Verbraucherpreise sowie das gesamte Preisniveau in diesem Land nach oben treiben", sagte er.

Hinter dem Anstieg der Ölpreise stehe eine über den normalen Handel hinausgehende Nachfrage, die irgendwann abebben und zu einer Entspannung der Preise führen werde, beschrieb Greenspan die derzeitige Einschätzung der Fed. Es sei aber schwer zu sagen, welcher geldpolitische Schritt der Richtige wäre, um auf die Folgen steigender Ölpreise zu reagieren. In der Vergangenheit habe es sowohl Zinserhöhungen als auch Zinssenkungen gegeben.