Rechts-Kolumne Neue Sorgen bei DaimlerChrysler

Der Rechtsstreit mit US-Investor Kirk Kerkorian soll bis Jahresende beigelegt sein. Doch nun haben sich einige auf Sammelklagen spezialisierte Anwaltskanzleien erneut DaimlerChrysler vorgenommen: Die Chancen deutscher Anleger auf eine Entschädigung sind nicht schlecht.
Von Deborah Sturman

In der vergangenen Woche haben nicht-amerikanische Anleger eine Sammelklage gegen DaimlerChrysler  eingereicht. Die Investoren wollen das Unternehmen für eine Reihe von Aktienrechts-Verletzungen zur Verantwortung ziehen. Dies ist inzwischen die dritte Klage gegen den Konzern, die auf dem Vorwurf basiert, dass der Daimler-Vorstandsvorsitzende Jürgen Schrempp vor der Fusion von Daimler Benz und Chrysler im Mai 1998 die Anleger irregeführt hat, indem er die Transaktion als eine "Fusion von Gleichen" bezeichnet hat.

Dabei, so die drei Klagen, habe Schrempp die ganze Zeit vorgehabt, Chrysler zu übernehmen und unter deutsche Kontrolle zu bringen. Von einer "Fusion unter Gleichen" habe der Daimler-Chef nur gesprochen, um den Preis der Chrysler-Aktie zu drücken.

Nur US-Kläger haben bislang Geld gesehen

Wie von den früheren Klagen her gewohnt, hat DaimlerChrysler sich auch über den aktuellen Fall verärgert geäußert. Ein Unternehmenssprecher ging so weit, die Klage als "erpresserisch" zu bezeichnen. Dessen ungeachtet muss man davon ausgehen, dass das deutsch-amerikanische Unternehmen womöglich diesmal auch einige seiner deutschen Anleger wird entschädigen müssen.

Obwohl bereits die erste, im November 2000 eingereichte Sammelklage zunächst auch nicht-amerikanische Interessen vertreten sollte, endete das Verfahren nur mit der Entschädigung amerikanischer Anleger und solcher, die ihre Aktien an amerikanischen Börsen erworben hatten. DaimlerChrysler hat den Fall im letzten Jahr durch die Zahlung von 300 Millionen Dollar verglichen. Die Klage des ehemaligen Chrysler-Größtaktionärs Kirk Kerkorian, der eine Milliarde Dollar von DaimlerChrysler  fordert, soll bis Ende dieses Jahres entschieden werden.

Deutsche Investoren treten vor

Die neue Klage geht darauf zurück, dass am Ende des ersten Verfahrens klar wurde, dass vor dem Gericht keine Ausländer aufgetreten sind, deren Interessen also nicht vertreten wurden. Als die erste Sammelklage gegen DaimlerChrysler vor vier Jahren eingereicht wurde, geschah es nämlich noch äußerst selten, dass deutsche Anleger vor US-Gerichten als Anspruchsteller in Aktionärsklagen auftraten.

Zu sehr waren deutsche Investoren damals noch dem nationalen Konsens verpflichtet, als dass sie es gewagt hätten, vor der Öffentlichkeit deutsche oder europäische Unternehmen anzugreifen. Dies galt auch, wenn das einer Klage zugrundeliegende Verhalten eines Unternehmens betrügerisch gewesen ist.

Mittlerweile hat sich das wirtschaftliche Klima gewandelt. Inzwischen scheuen auch deutsche Anleger nicht mehr davor zurück, ihre Rechte als Anleger in europäische Unternehmen vor amerikanischen Gerichte durchzusetzen, auch wenn sie es mitunter vorziehen, dies nicht an die große Glocke zu hängen.

Abschied von der Konsensgesellschaft

Abschied von der Konsensgesellschaft

Möglicherweise ist das ein Indiz für den unaufhaltbaren strukturellen Wandel, der zu einer Auflösung der deutschen Konsensgesellschaft führt. Es scheint, also ob sich deutsche Aktionäre allmählich aus dem festen Griff des Politbüros der "Deutschland AG" befreien. Angesichts des Vordringens deutscher Unternehmen in den globalen Markt ist es auch nur folgerichtig, dass das fast an "Vetternwirtschaft" gemahnende Konsens-Modell, das über Jahrzehnte für Industrie und Finanzwesen in Deutschland charakteristisch war, langsam zerfällt. Das sich ändernde Verhalten der Anleger ist symptomatisch für diesen Wandel.

Neues Vergütungsmodell bei DaimlerChrysler

Im Rahmen der "Deutschland AG" wurde von den Aktionären erwartet, dass sie die Augen zudrücken, wenn Manager ihre Eigeninteressen vor das Wohlergehen der Anleger stellen. Diese passive Haltung gehört der Vergangenheit an. Heute treten Aktionäre selbstsicher auf und ahnden wirtschaftliche Vergehen.

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Herr Schrempp hat jüngst mit Hilfe eines mit ihm befreundeten Mitgliedes im Aufsichtsrat von DaimlerChrysler  eine über mehrere Jahre laufende, offensichtlich exorbitante Vergütungsvereinbarung getroffen. Und dies kurz nach dem auf der DaimlerChrysler-Hauptversammlung laut sein Rücktritt verlangt worden ist. Dies zeigt, dass die Vetternwirtschaft der "Deutschland AG" noch nicht tot ist. Aber Vorgänge wie dieser tragen nur noch dazu bei, dass sich der Abgang dieses Modells beschleunigt.

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