Deutsche Bank "Ein unakzeptabler Betriebsunfall"

Die bisherige IPO-Saison ist eine Katastrophe, sagt Börsenexperte Wolfgang Gerke. Der Postbank-Börsengang dürfe nicht scheitern. Die Deutsche Bank sollte sich für die jüngsten Ereignisse bei der Postbank entschuldigen.

mm.de:

Im Zusammenhang mit dem Postbank-Börsengang sind interne Papiere des Konsortialführers Deutsche Bank an die Öffentlichkeit gelangt. Wie bewerten Sie diese Tatsache?

Gerke: Das ist ein unakzeptabler Betriebsunfall. Jetzt müssen die Beteiligten den Schaden begrenzen, sich ganz dringend zusammensetzen und dafür sorgen, dass der Börsengang fristgemäß durchgeführt werden kann.

mm.de Sehen Sie darin einen Verstoß gegen die Blackout-Periode, in der die Konsortialbanken keine Aussage über die Bewertung machen dürfen?

Gerke: Ob ein Verstoß vorliegt, ist noch nicht bewiesen. Allem Anschein nach sind die Angaben zu dem Wert der Postbank in dem Papier nicht das Ergebnis eines direkten Research. Von einem Research würde ich mehr erwarten. Aber selbst wenn kein Verstoß vorliegt, ist dieser Vorgang absolut unakzeptabel. Die Deutsche Bank sollte sich dafür entschuldigen.

mm.de: Ist Ihnen ein vergleichbarer Fall bekannt?

Gerke: Nicht in dieser Dimension.

mm.de Nun dürfte es für die Postbank noch schwerer werden, den ursprünglich anvisierten Emissionserlös einzufahren. Ist es da mit einer Entschuldigung getan, sollte die Deutsche Post der Deutschen Bank nicht vielmehr das Mandat entziehen?

Gerke: Ich würde im Moment die Deutsche Bank auf keinen Fall aus dem Konsortium schmeißen. Das dürfte den Börsengang nur verzögern. Die Postbank sollte die Deutsche Bank vielmehr dazu verpflichten, den Rest der Papiere zu übernehmen, falls die Emission nicht voll platziert werden kann.

Im Übrigen ist es vielleicht gar nicht so schlecht, dass insbesondere auch für die Privatanleger ein fairer Preis bei der Emission herauskommt. Es kann ja nur im Sinne der Postbank sein, dass ihre zukünftigen Aktionäre auf der Gewinnerseite stehen. Es gibt in Deutschland ehemalige Staatsunternehmen, wo man da seine Zweifel hat.

mm.de Halten Sie es für möglich, dass die jüngste Entwicklung bewusst herbeigeführt wurde, damit der Börsengang abgesagt und die Postbank dann doch verkauft wird - womöglich auch an die Deutsche Bank?

Gerke: Der Schaden für die Deutsche Bank wäre so groß, dass ich mir das beim besten Willen nicht vorstellen kann. Es kursieren derzeit viele Gerüchte, aber diese Theorie schließe ich völlig aus.

mm.de Welche Spekulationen meinen Sie?

Gerke: Im Zusammenhang mit dem jüngsten Vorgang kursieren auch Gerüchte, dass es gar nicht um die Postbank geht, sondern dass man die Deutsche Bank allmählich sturmreif schießen will, damit sich ein Ausländer einkaufen kann. Doch davon halte ich nicht viel.

mm.de Nach X-Fab und Siltronic hat nun in dieser Woche Auto-Teile-Unger den Börsengang abgesagt. Jetzt die erneuten Querelen um die Postbank. Welche Bilanz ziehen Sie aus dem bisherigen Verlauf der IPO-Saison?

Gerke: Die bisherige IPO-Saison ist eine Katastrophe. Sie ist ein Armutszeugnis für den deutschen Kapitalmarkt. In anderen Ländern schaffen viele Unternehmen den Sprung an die Börse, nur in Deutschland scheint das nicht möglich zu sein. Ich habe große Hoffnungen auf die Emission der Postbank gesetzt und sie als Eisbrecher gesehen für nachfolgende Börsengänge. Deshalb fordere ich im Sinne aller Beteiligten und des Finanzplatzes Deutschland, dass der Postbank-Börsengang ordnungsgemäß über die Bühne geht.