Telekom-HV "Die vier Säulen gehören ins Museum"

Die Telekom wird sich verändern – auch wenn Konzernchef Kai-Uwe Ricke den Umbau behutsam vorantreiben wird. Die Aktionärskritik während der Hauptversammlung hat sich weit gehend auf das Maut-Desaster und den Ausfall der Dividende beschränkt. Die Telekom bezahlt die Geduld ihrer Besitzer mit einem großen Versprechen.

8.30 Uhr:

Ein bisschen mehr Normalität wünschen sich die Telekom-Aktionäre. Nicht wie bei der Hauptversammlung 2002, als Ron Sommer vor dem Zorn der Besucher kapitulierte und wenig später gehen musste. Nicht wie bei der Hauptversammlung 2003, als Hoffnungsträger Kai-Uwe Ricke miese Zahlen mit einer Charmeoffensive weglächeln musste.

Wünschenswert wäre eine ganz normale Hauptversammlung, während deren Verlauf über steigende Umsätze, gute Aussichten für das Geschäftsjahr und, nun ja, über einen wieder steigenden Aktienkurs zu reden ist. Aber ganz so normal wird auch diese Hauptversammlung, die zweite mit Ricke, nicht sein.

Lächeln nicht verlernt: Telekom-Chef Ricke

Lächeln nicht verlernt: Telekom-Chef Ricke

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Entschlossen: Ricke will das Ergebnis deutlich verbessern, damit es in 2005 auch wieder eine Dividende geben kann

Entschlossen: Ricke will das Ergebnis deutlich verbessern, damit es in 2005 auch wieder eine Dividende geben kann

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Führungstrio: Vorstandschef Ricke, Aufsichtsratschef Zumwinkel und Finanzvorstand Eick

Führungstrio: Vorstandschef Ricke, Aufsichtsratschef Zumwinkel und Finanzvorstand Eick

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T-Aktionäre unter sich:Zur Hauptversammlung der Telekom hielt sich die Kritik der Aktionäre und Fondsmanager in Grenzen

T-Aktionäre unter sich:Zur Hauptversammlung der Telekom hielt sich die Kritik der Aktionäre und Fondsmanager in Grenzen

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Umso freundlicher sind am Dienstagmorgen die vielen Telekom-Mitarbeiter, die wie ein Schwarm magentafarbener Helferlein die Kölnarena in Köln-Deutz umschwirren. Viele der jungen und freundlichen Menschen sind von der konzerneigenen Personalserviceagentur "Vivento" entsandt, wo derzeit mehr als 20.000 "verzichtbare" Telekom-Mitarbeiter geparkt sind. Die Mehrzahl, heißt es, hat derzeit gar nichts zu tun und wartet auf eine neue Chance.

Helfer, wohin man schaut

Die Charme-Offensive am Morgen offenbart das Personalproblem der Deutschen Telekom: Helfer, wohin man schaut. Kommen heute 5000 Besucher in die Kölnarena, könnte sich jeder einzelne Aktionär von vier "verzichtbaren" Konzernmitarbeitern zu seinem Platz eskortieren lassen.

"Das Jahr 2003: Rückkehr zur Profitabilität geschafft", heißt es trotzig auf den bunten Flyern zur Hauptversammlung 2004. Um die versprochene "weitere positive Entwicklung" der Telekom zu garantieren, muss Konzernchef Ricke die Personalkosten drastisch senken, die Mitarbeiterzahl bis Ende 2006 von 240.000 auf unter 220.000 drücken. Ein schwieriger Job in Deutschland im Jahr 2004, wo der katastrophale Arbeitsmarkt die Menschen verunsichert und dafür sorgt, dass sie sogar mittels Billignummern beim Telefonieren sparen und die Umsätze der Festnetzsparte T-Com drücken.

Immerhin kommt Ricke die Bundesagentur für Arbeit zu Hilfe: 3000 Telekom-Beamte will die BA ab Juli übernehmen, weil sie zur Einführung des Arbeitslosengeldes II neue Arbeitskräfte braucht. Die meisten Jobs schafft die BA - auch dies eine deutsche Spezialität.

Doch fernab der speziell deutschen Probleme muss Konzernchef Ricke heute über weitere Themen sprechen, die während der Hauptversammlung im Laufe des Tages für Unmut sorgen werden. Dividendenpolitik, das Maut-Debakel und natürlich der Aktienkurs sorgen für Verstimmung.

Aktionäre gehen leer aus

Beispiel Dividende: Obwohl die Deutsche Telekom im vergangenen Geschäftsjahr einen Bilanzgewinn von rund zwei Milliarden Euro ausgewiesen hat, sollen die Aktionäre wie schon im Vorjahr leer ausgehen. Unternehmen wie France Telecom und Telefonica beteiligen ihre Aktionäre inzwischen wieder am Gewinn. T-Aktionäre wollen mit verschiedenen Gegenanträgen die Zahlung einer Dividende erzwingen.

Was sich die Aktionäre wünschen

Was sich die Aktionäre wünschen

Ricke wird gute Gründe liefern müssen, um die Aktionäre abermals zu vertrösten. Immerhin hat er als Ziel für dieses Jahr einen "vernünftigen Jahresüberschuss" genannt, der "Zahlung einer Dividende ermöglicht". "Das ist keine Freundlichkeit an uns", grummelt ein älterer Telekom-Aktionär am Morgen. "Dem hat der Bund die Pistole auf die Brust gesetzt."

Beispiel Kursentwicklung: Nach einer Rallye zu Jahresbeginn ist der Kurs der Telekom-Aktie seit Mitte Februar wieder um 20 Prozent gefallen, notiert trotz deutlicher Erholung an den Weltmärkten nur etwa 10 Prozent höher als vor Jahresfrist. Wenn es schon keine Dividende gibt, so wollen Aktionäre wenigstens wieder Kurschancen sehen.

Beispiel Maut: Das Debakel bei der geplanten Einführung der Lkw-Maut auf Deutschen Autobahnen hat die Deutsche Telekom auch im ersten Quartal dieses Jahres 149 Millionen Euro Rückstellungen gekostet. Der Maut-Makel hat die Bilanz für das erste Quartal verhagelt: Zwar hat die Telekom das operative Ergebnis gesteigert, doch der Nettogewinn ist geringer als vor Jahresfrist. Die Kosten für die Maut sind umso ärgerlicher, da der Umsatz im Festnetz, dem wichtigsten Ertragsbringer der Deutschen Telekom, um 6 Prozent zurückgegangen ist. Seit die Menschen auch im Ortsnetz mittels Vorwahlnummer den Anbieter wechseln und billiger telefonieren können, ist das Geschäft rauer geworden.

Schuldenabbau als Hoffnungsschimmer

Beispiel UMTS: Von den rund acht Milliarden Euro, die die Deutsche Telekom im Herbst 2000 für zwei UMTS-Frequenzen bezahlt hat, ist bislang nur ein winziger Bruchteil abgeschrieben. Konkurrenten wie Vodafone oder O2 gehen da anders vor. Beim deutschen Branchenriesen herrscht dagegen noch immer das Prinzip Hoffnung.

Doch Hoffnungsschimmer gibt es auch für die Aktionäre. Allen voran der hohe Cashflow und der deutliche Schuldenabbau. Der Konzern hat seine Schulden von einst 65 Milliarden Euro auf 45 Milliarden gesenkt, der freie Mittelzufluss (Cashflow) dürfte bis Jahresende von drei Milliarden auf sechs Milliarden Euro steigen. Was mit dem vielen, frei verfügbaren Geld anfangen? Die Schulden weiter und schneller senken und damit das Unternehmen bei niedriger Bewertung für ausländische Eroberer attraktiver machen? Das Geld für Übernahmen nutzen und damit den Wachstumsmarkt in Osteuropa erschließen? Oder doch wieder Dividende zahlen und die leidgeprüften Aktionäre am Aufschwung beteiligen?

Zum Vorspiel Entspannung

Zum Vorspiel Entspannungsmusik

9.30 Uhr: Entspannungsmusik im Saal. Auch hier mehr Normalität als vor zwei Jahren, als die Vorstandsreden von Pfiffen und Buhrufen begleitet wurden. Der Saal ist mit bislang rund 2000 Gästen deutlich leerer, die Fotografenriege vor dem Podium dünner als vor einem Jahr, als Ricke Premiere feierte.

Die ersten Vorstandsmitglieder nehmen hinter dem eisgrauen Vorstandstisch Platz, der immer noch wie ein Schutzschild wirkt. Vielleicht hat sich Ricke vorgenommen, eines Tages sogar mit Applaus die Bühne zu betreten.

Neu lediglich die riesigen Hintergrundposter im Saal. Links eine Frau in Fliegerjacke, die an einer Propellermaschine hantiert. Es soll losgehen also. Klar zum Start. Auf zum Höhenflug. Aber sachte, ganz so hoch wie im Jahr 2000 muss es nicht sein.

Das Bild rechts gibt schon mehr Rätsel auf. Zwei Herren, die ein wenig an Ricke und Aufsichtsratschef Zumwinkel erinnern, weisen auf ein menschenleeres Fußballstadion. Leere Ränge, grüner Rasen. WM, das war doch eher die Postbank? Und warum ist niemand da außer den beiden Chefs? Die kommen noch, es geht jetzt los, könnte das heißen. Aber halt: Das Stadion ist leer, klar, weil es jetzt Fußballtore live von T-Mobile gibt. Die derweil 3000 Gäste richten ihre Blicke auf den Vorstand, der jetzt vollständig eingetroffen ist.

Zumwinkel und der Aktienkurs

10 Uhr: Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel eröffnet um 10 Uhr die Hauptversammlung. Er erntet Applaus, als er verkündet, dass das Fixgehalt des Aufsichtsrates reduziert und außerdem vom Konzernüberschuss abhängig gemacht wird. Weiterhin sollen die Gehälter des Vorstands künftig individuell veröffentlicht werden. Auch der Vorstand werde im Zuge der Tarifeinigung mit den Mitarbeitern auf ein Monatsgehalt verzichten. Kleine Gesten, die die Stimmung spürbar auflockern.

Buhrufe erntet Zumwinkel lediglich, als er von der "nach oben zeigenden Aktienkurve" spricht. Er hätte während der vergangenen Wochen noch einmal auf die Kurve schauen sollen.

Ricke und der "Makel mit der Maut"

"Der Makel mit der Maut"

10.30 Uhr: Ricke beginnt seine Rede mit viel Optimismus und dem Versprechen einer Dividende für das laufende Geschäftsjahr. Die Doppelstrategie aus Schuldenreduzierung und Förderung des profitablen Wachstums sei aufgegangen. "Wäre da nicht der Makel der Maut gewesen - ich wäre mit dem vergangenen Geschäftsjahr zufrieden".

Der "Turnaround" sei harte Arbeit gewesen, und neben den Mitarbeitern haben auch die Aktionäre Opfer gebracht. Der Verzicht auf die Ausschüttung einer Dividende auch in diesem Jahr habe "den so wichtigen Schuldenabbau deutlich vorangebracht".

"Deshalb werden wir uns mit aller Kraft dafür einsetzen, Ihnen im kommenden Jahr wieder eine Dividende zur Ausschüttung vorschlagen zu können", betont der Vorstandschef.

Marktanteile im Festnetz verloren

Die Finanzziele für 2003 seien in wichtigen Punkten sogar übererfüllt, meint Ricke: Die Schulden seien nicht nur wie geplant auf 49, sondern sogar auf 46,6 Milliarden Euro gedrückt worden. Der Umsatz habe sich um 2,1 Milliarden Euro auf 55,8 Milliarden Euro erhöht - eine Steigerung um 4 Prozent sei angesichts des härteren Wettbewerbs ein gutes Ergebnis. "Der schwache Dollar war dabei eine Bremse", sagt Ricke. Ohne Wechselkurseffekte habe das Wachstum 8 Prozent betragen. Ricke ist ehrlich genug, um auch den verschärften Wettbewerb durch Call by Call und Preselection im Ortsnetz zu erwähnen: "Wir haben dadurch Marktanteile und Umsatz verloren".

Trotz dieser Unbill verweist der Konzernchef auf profitables Wachstum und die Verbesserung der Margen. Strategie bei der Festnetztochter T-Com angesichts des steigenden Wettbewerbs: "Die Anschlüsse stärker aufzuwerten, um Rückgängen bei den Verbindungsgebühren entgegenzuwirken." Durch höhere Umsätze bei den Anschlüssen sei der Rückgang bei den Verbindungsgebühren "zum erheblichen Teil" kompensiert worden.

Stärkstes Wachstum in USA

Größter Hoffnungsträger bleibt für Ricke T-Mobile USA. Mit 3,2 Millionen Kunden sei die Zahl der Kunden auf 13,2 Millionen gestiegen. T-Mobile sei mittlerweile eine der "wichtigsten Mobilfunkmarken weltweit". Sie soll entscheidend dazu beitragen, dass die Telekom im Jahr 2004 ihr bereinigtes Ebitda auf mindestens 19,2 Milliarden Euro steigern will.

T-Online-Rückkauf nicht ausgeschlossen

10.40 Uhr: Die Geschäftskundensparte T-Systems müsse sich einem "schwierigen Markt stellen". Teams wurden gebildet, die sich um die Akquisition von Großaufträgen kümmern würden. Ricke nennt Projekte mit Partnern wie Airbus, DaimlerChrysler , Deutsche Bank  und WestLB. Das Auftragspolster von T-Systems für das neue Jahr betrage 12,6 Milliarden Euro und sei bereits höher als der Umsatz des vergangenen Jahres.

Besondere Aufmerksamkeit im Saal, als der Konzernchef über die Zukunft der Online-Sparte T-Online  spricht. Der Umsatz sei um knapp 17 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro gesteigert worden - dank einer "gestiegenen Nachfrage nach Inhalten und Services". Besonders wertvoll sei die wachsende Zahl von Breitbandnutzern in Deutschland.

"Es gibt derzeit keine Planung für einen Rückkauf der T-Online-Aktien durch die Deutsche Telekom", betont Ricke in seiner Rede. Aber er könne "dies auch nicht grundsätzlich ausschließen, sofern sich die Bedingungen in diesem dynamischen Marktumfeld verändern."

Nicht alles sei optimal gelaufen - die Maut habe viele Probleme bereitet, so Ricke. Das Maut-Desaster habe das Ergebnis 2003 mit rund 442 Millionen Euro belastet. Dazu kam eine weitere Rückstellung von 148 Millionen im ersten Quartal. "Das Konsortium will und wird das satellitengestützte Mautsystem zum Erfolg führen", betont Ricke trotzig.

Die Ziele für 2004

10.50 Uhr: Ricke kommt auf die Ziele für das laufende Jahr zu sprechen: Nach dem "Jahr des Umbruchs" gehe es jetzt um eine "angemessene Kapitalrendite" für die Aktionäre. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) soll mindestens 19,2 Milliarden Euro betragen, begleitet von profitablem, organischem Wachstum.

Der Cashflow in Höhe von derzeit rund drei Milliarden Euro soll "flexibel" genutzt werden: Zum Schuldenabbau sowie für weitere "selektive Akquisitionen". "Wir sind jedoch nicht auf dem Akquisitionspfad", betont Ricke. Seit der milliardenschweren Voicestream-Übernahme ist den Aktionären der Appetit auf teure Übernahmen erst einmal vergangen.

Die Chancen durch Übernahmen müssen "wertsteigernd für den Konzern sein", sagt Ricke: "Wir wollen im laufenden Jahr eine Dividende erwirtschaften, um sie 2005 auszuschütten". Zur Höhe der Dividende könne er noch nichts sagen - doch dass es nach zwei Jahren Nulldiät im Jahr 2005 wieder eine Dividende geben wird, gilt als sicher.

Die sechs wichtigen Initiativen der Telekom

11.25 Uhr: Konzernchef Kai-Uwe Ricke erläutert während seiner Rede die "Agenda 2004" der Telekom: Die sechs wichtigsten Initiativen, mit denen Wachstum und Gewinne gesteigert werden sollen. Die "übergreifende Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Divisionen" sei dabei entscheidend - ein zarter Hinweis, dass das Thema Konzernumbau noch nicht abgehakt ist.

Für die sechs Geschäftsinitiativen gibt es klare Verantwortlichkeiten im Vorstand. Ricke benennt sie kurz und kühl. "Breitband Herr Holtrop. Geschäftskunden Herr Reiss. Personal Herr Klinkhammer. Effizienz soll durch Herrn Eick sichergestellt werden. Innovation und Qualität durch mich". Chefsache eben. Keine Ausflüchte mehr. Auch im Vorstand weht derweil ein anderer Wind.

Rettung durch Breitband

T-Online-Chef Holtrop hat mit der Breitband-Initiative dafür zu sorgen, dass die Zahl der Breitbandkunden (T-DSL, Wireless Lan und UMTS) bis 2007 auf zehn Millionen steigen soll. T-DSL für alle lautet die Devise - Filme, Musik und Spiele per PC sollen zur Selbstverständlichkeit werden. Namhafte Partner aus der Medienindustrie seien bereits im Boot, so Ricke.

Die zweite so genannte Geschäftskundeninitiative soll durch eine stärkere Zusammenarbeit der Säulen T-Systems und der Festnetzsparte T-Com vorangetrieben werden. Vor allem für den Mittelstand wolle man mehr bieten, sagt der Vorstandschef.

Nullrunde und der Beitrag der Manager

Die Personalinitiative bedeutet im Klartext: Kosten senken, Mitarbeiter entlassen. "Personalaufwand senken", sagt Ricke in bestem Vorstands-Deutsch. Doch es gehe um "sozialverträglichen Abbau" und um das Bemühen, den Beschäftigten neue Perspektiven zu bieten. Die Telekom-eigene Gesellschaft Vivento fungiert aber nach Ansicht vieler Mitarbeiter als "Drehtür nach draußen". Immerhin gibt es den Versuch, sie weiterzuvermitteln, und wenigstens die Bundesanstalt für Arbeit hat jetzt Bedarf für 3000 Telekom-Beamte angemeldet.

Mit der Gewerkschaft Verdi habe man sich auf eine tarifliche Nullrunde für 2004 geeinigt - auch der Vorstand werde sich daran beteiligen, indem er auf ein Bruttomonatsgehalt im Jahr 2004 verzichtet.

Innovation: "4i" klingt weniger abgegriffen

Auch Ricke weiß, dass jeder Konzernchef in jedem Jahr sehr häufig das Wort "Innovation" bemüht. Er rettet sich in das neue Kürzel "4i". Die vier geheimnisvollen I stehen für "intuitive Bedienbarkeit", also einfache Nutzung des Handys statt fingerdicker Handbücher.

"Intelligenter Zugang" soll den Ausgleich dafür schaffen, dass der Kunde meist weniger intelligent ist als von den hochintelligenten Technikern erwünscht. Statt des Kunden soll nun die Technik selbst den schnellsten verfügbaren Anschluss wählen - HAL lässt grüßen. "Integrierte Kommunikation" grüßt als das dritte I. Ricke redet von "nahtloser Techniknutzung quer über alle Divisionen", darüber muss sich der Kunde nicht weiter den Kopf zerbrechen. Die "Infrastrukturentwicklungen" stehen schließlich für die weitere Verbesserung der Netze.

"4i" klingt schick. Doch zur Telekom-Zauberformel taugt es nicht. "Besser werden, näher an den Kunden rücken", hätte auch gereicht.

Qualität: Der Welcome-Manager soll es richten

Zum Thema Qualität gibt es sehr viel zu sagen. Das tut Ricke auch. Er redet von optimierten Schnittstellen zwischen Festnetz und Online, mehr Callcenter-Mitarbeitern, die verärgerte Mobilfunkkunden betreuen sollen, sowie technischen Verbesserungen und schnelleren MMS-Nachrichten.

Natürlich findet sich Ricke während seiner Rede auch in einem T-Punkt wieder. Lange Schlangen, der falsche Berater, unzufrieden nach Hause gegangen und so weiter. Hier will Ricke mit einem neuen, so genannten "Welcome-Manager" im T-Punkt helfen und sorgt damit für größte Heiterkeit im Saal. "Uns ist wirklich noch kein besserer Begriff dafür eingefallen", ruft Ricke und lacht selbst mit. Der Manager beweist ein gutes Gespür, die Bindung zu den Menschen im Saal nicht zu verlieren.

Wie als sechste Initiative künftig die Effizienz verbessert werden soll, das handelt Ricke in wenigen Minuten ab. Breitband, Mobilfunk und Geschäftskunden seien die zentralen Wachstumsfelder. Wichtig für Ricke ist, zum Ende seiner mehr als einstündigen Rede wieder näher an die Aktionäre zu rücken: "Ich bedauere es, nein, ich ärgere mich außerordentlich, dass sich unser Turnaround noch nicht in unserem Aktienkurs ausdrückt", so Ricke. "Ziel ist, Sie, die Eigentümer des Konzerns, zufrieden zu stellen." Die Telekom habe "bewiesen, wie schnell sie sich aus der Krise wieder nach vorne gearbeitet hat".

Nach der langen Rede gibt es Applaus. Der Vorstand hat an Glaubwürdigkeit gewonnen - auch dies ein Stück in Richtung bessere Zeiten.

Kritik der DWS - vier Säulen zeitgemäß?

Fondsmanager: "Die vier Säulen gehören ins Museum"

11.45 Uhr: Nach Konzernchef Kai-Uwe Ricke melden sich die Aktionärsvertreter zu Wort. Ralf Oberbannscheidt von der Fondsgesellschaft DWS kritisiert als erster Aktionärsvertreter die enttäuschende Kursentwicklung. Die T-Aktie  habe den Dax  im vergangenen Jahr nicht schlagen können, obwohl das Umfeld dafür recht günstig war. Immerhin konnte das Gespenst der Überschuldung verjagt werden, schränkt der Fondsmanager ein.

Schärfer wird sein Ton mit Blick auf die Vier-Säulen-Strategie der Telekom. Er fordert den Vorstand auf, die Trennung in vier operative Einheiten aufzugeben. "Unseres Erachtens nach gehören die Säulen ins Museum." Die Telekom sollte dem Beispiel der France Telecom folgen und die Geschäftseinheiten miteinander verschmelzen. Früher oder später werde der Kunde ohnehin nur noch zwischen Breitbandanschluss und Handy differenzieren.

Leise Töne statt ätzender Kritik

"Wie will die Telekom auf dem müden deutschen Mobilfunkmarkt für Wachstum sorgen?", fragt Oberbannscheidt. "Wie begegnen Sie einer möglichen Konkurrenz durch kostenlose Gespräche über DSL? Welche Gefahren lauern dort?" Der Übertragungspreis für Ortsgespräche werde in einigen Jahren sowohl im Firmen- wie im Privatkundenbereich gegen null tendieren. Hier müsse die Telekom durch höhere Anschlusskosten vorsorgen.

Die Rede des Fondsmanagers ist aber insgesamt eher ermutigend: Kein Vergleich mit der ätzenden Kritik, die DWS-Manager Klaus Martini noch vor zwei Jahren an Telekom-Chef Sommer geübt hat.

Ist die Telekom ein Übernahmekandidat?

Außerdem stimme den DWS-Mann unruhig, dass die Deutsche Telekom an den internationalen Märkten immer mal wieder als Übernahmekandidat gehandelt werde. Die Übernahme einzelner Gesellschaften in Osteuropa könne dieses Vorhaben erschweren. "Vergessen Sie aber darüber nicht, die Geduld der Aktionäre mit einer Dividende zu belohnen", beendet der DWS-Mann unter Applaus seine Rede.

"Problemlöser" statt "Welcome Manager"

12 Uhr: Michael Schmitz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) sieht das Maut-Debakel als "bislang einzigen dunklen Fleck auf der sonst weißen Weste" des Telekom-Konzernchefs. "Die Maut war die Lachnummer der Nation - wenn sie nur für die Telekom-Aktionäre nicht so traurig wäre", sagt Schmitz.

Die Ausflucht, die Telekom sei beim Maut-Desaster nur Beifahrer gewesen, könne nach Ansicht des Bonner Rechtsanwalts nicht gelten: "Wer sich in einen fahruntüchtigen Wagen setzt, macht sich auch damit strafbar". Hier hätte Ricke viel früher einschreiten müssen, die Kontrolle habe in diesem Punkt versagt.

12.15 Uhr: Lars Labryga von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) will wegen des Toll-Collect-Desasters den Vorstand wie schon im vergangenen Jahr nicht entlasten. Die Geschäftszahlen seien dagegen zufrieden stellend. Zufrieden seien die Kapitalanleger jedoch erst, wenn die T-Aktie die Entwicklung des Dax hinter sich gelassen habe.

Die Marschroute ist klar. Statt bissiger Kritik gilt nun das "Einerseits ... andererseits." Es gibt positive wie negative Entwicklungen bei der Deutschen Telekom, damit fällt auch die Kritik weniger spektakulär aus. Sogar mit dem Ausfall der Dividende 2004 könne Labryga leben, wenn sie den Grundstein für eine vernünftige Ausschüttung im kommenden Jahr setze.

Zum Thema Vorstandsgehälter sagt Labryga: "Nerven Sie nicht die Aktionäre mit variablen Vergütungen, sondern senken Sie das Gesamtgehalt." Zum "Welcome Manager" der Telekom hat Labryga immerhin einen produktiven Gegenvorschlag: "Nennen Sie ihn doch einfach Problemlöser."

Stimmungswende offensichtlich

Gelassenheit statt Zorn, Hoffnung statt Enttäuschung

13.00 Uhr: Die Stimmungswende unter den Telekom-Aktionären ist offensichtlich. Gelassenheit statt Zorn, Hoffnung statt Enttäuschung, schwarzer Humor, wenn über die Pannen des vergangenen Jahres geredet wird. Zahlreiche Privatanleger machen während der Mittagszeit ihrem Ärger über das Unternehmen Luft. Doch ihre Reden werden nur noch selten von Beifall unterbrochen. Unruhe macht sich breit, wenn die einzelnen Reden zu lange dauern.

Wirklich lange reden durfte nur Vorstandschef Ricke: Es geht um Ideen für das kommende Jahr. Reden, die sich zu lange mit den Versäumnissen der Vergangenheit befassen, werden als Ärgernis empfunden.

Zumwinkel: "Qualität vor Schnelligkeit"

13.10 Uhr: Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel beantwortet die ersten Fragen. Noch sei kein Nachfolger für den ausgeschiedenen T-Com Chef Jo Brauner zu vermelden. Es gelte die Devise "Qualität vor Schnelligkeit", so Zumwinkel. Gegen voreilige Änderungen haben sich offenbar auch die Verfasser der Hauptversammlungs-Zeitung entschieden: Auf dem großen Foto auf der ersten Seite, die den Vorstand zeigt, ist Brauner noch mit von der Partie.

Rickes "Relax-Tarife"

Konzernchef Ricke spricht über Risken bei T-Mobile. Das Kernproblem des nur schleppenden Wachstums auf dem Heimatmarkt sei die geringe Nutzung der Mobiltelefonie in Deutschland. Ein Lösungsansatz seien die neuen "Relax-Tarife" der Deutschen Telekom. In den USA wolle T-Mobile von der Konsolidierung profitieren: Was nach einer Fusion der amerikanischen Konkurrenten geschehen werde, sei noch offen, gehöre in den Bereich der Spekulation.

Die Höhe der versprochenen Dividende lasse sich nicht nur aus dem freien Cashflow ableiten, so Ricke. Auch der operative Ertrag spiele eine wichtige Rolle. Ein Konzernüberschuss 2004, der eine "ordentliche Dividende" im Jahr 2005 ermöglicht, gehöre zu den wichtigsten Zielen des Konzerns.

Warme und warnende Worte für den Chef

Warme und warnende Worte für den Chef

14.15 Uhr: "Sie sind ein sympathischer Konzernlenker" lobt Aktionär Henry Matthews, Interessenvertreter vieler Telekom-Beschäftigten, den Vorsitzenden Kai-Uwe Ricke. Doch mit Personalchef Klinkhammer habe Ricke auch stets den "Mann fürs Grobe" parat: Matthews kritisiert massiv die Einsparungen im Personaletat. Viele tausend ehemalige Telekom-Mitarbeiter, die mit 85 Prozent ihrer Bezüge in die Personalservice-Agentur "Vivento" versetzt wurden, fühlten sich abgeschoben. Der Personalabbau stehe der angestrebten Qualitätsoffensive entgegen: "Wir können mit weniger Mitarbeitern nicht mehr leisten." Er verstehe den Wunsch der Aktionäre nach einer Dividende - doch die werde zum Teil mit höherer Arbeitslosigkeit und steigenden Lohnnebenkosten bezahlt.

14.30 Uhr: Hans Buhlmann, Vertreter einer Privatanlegervereinigung, fordert eine Dividende bereits für das abgelaufene Geschäftsjahr. "Seit Sie angekündigt haben, es gebe keine Dividende, ging es mit der Kursentwicklung bergab", sagt Buhlmann und sieht darin ein fatales Signal für den Kapitalmarkt. Nach dem Toll-Collect-Desaster hätte es dem Großaktionär Bund gut angestanden, seinen Teil einer Ausschüttung an die freien Aktionäre abzutreten.

14.50 Uhr: Konzernchef Ricke präzisiert die Aussichten für die Festnetzsparte T-Com in diesem Jahr. Er rechne mit einem erneuten Umsatzrückgang "im einstelligen Prozentbereich", sagt Ricke. Im Vorjahr war der Umsatz auf Grund schärferer Konkurrenz um 4,4 Prozent geschrumpft.

Ricke betont in diesem Zusammenhang erneut die Bedeutung der Breitband-Offensive für die Deutsche Telekom sowie die "Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Divisionen", um das Geschäft im größten Geschäftsbereich der Deutschen Telekom wieder in Schwung zu bringen. Seine Worte stärken die Spekulationen auf einen Umbau des Konzerns, auch wenn die Sparte T-Online "vorerst" noch nicht reintegriert werden soll.

Breitbandiges Festnetz, Mobilfunk und Geschäftskunden: Das sind die drei wichtigsten Bereiche des Konzerns, betont Ricke. Mit einer Vier-Säulen-Strategie sei dies "noch" vereinbar. T-Online-Chef Holtrop, der zwei Plätze links von Ricke sitzt, hätte vielleicht aber gar nichts dagegen, eines Tages für den Bereich "Breitband" zuständig zu sein.

Auf weiteres Interesse der Aktionäre stoßen Rickes Andeutungen auf "mögliche Akquisitionen" in Osteuropa: Die Telekom hat ihren Blick nicht nur auf eine Dividendenausschüttung für 2005, sondern auch auf die Wachstumsregion Osteuropa gerichtet.

Vier Säulen, aber drei Kernbereiche

15.40 Uhr: Der Saal leert sich, und auch im üblichen Frage-und-Antwort-Spiel lässt die Kondition der Vorstandsmitglieder nach. Aufsichtsratschef Zumwinkel begrenzt die Redezeit der Aktionäre auf zehn Minuten. Nach dem jährlich wiederkehrenden Zahlengewitter von Finanzvorstand Eick, das auch in diesem Jahr ein paar weitere hundert Gäste verscheucht hat, bemüht sich Ricke noch einmal ans Rednerpult: Die Antworten fallen knapper aus, der Ton wird müde.

Wann wird der Großaktionär Bund weitere Telekom-Aktien verkaufen? Über Verkaufspläne des Bundes habe er derzeit keine Kenntnis, sagt Ricke routiniert. Er sei sich ebenso wie der Bund "der Problematik eines solchen Verfahrens bewusst". Es herrsche Einigkeit, einen Verkauf von Anteilen im Ernstfall "möglichst marktschonend" über die Bühne zu bringen. Derzeit gebe es keine Verkaufspläne, wiederholt Ricke gebetsmühlenartig.

Der Bund steht unter Druck

Dem Bund werden jedoch bis zum Jahr 2007 rund 60 Milliarden Steuereinnahmen fehlen. Der Druck, einen Teil der Telekom-Aktien zu versilbern, ist unter diesen Umständen groß. Die Aktionäre wissen: Mit einer Erholung der Aktie steigt auch dieses Risiko. Sie hoffen dennoch auf Erholung - und dass der Großaktionär, der ihnen hohe UMTS-Kosten aufgehalst hat, sich vielleicht noch ein wenig in Geduld übt. Die T-Aktionäre zeigen diese Geduld seit Jahren.

16 Uhr: Die Versammlung geht dem Ende zu. Ein ruhiger Ton und der Blick nach vorn haben das Aktionärstreffen geprägt: Die Kritik hat sich überwiegend auf den Ausfall der Dividende und das Maut-Desaster beschränkt. Beides kann die Deutsche Telekom in Ordnung bringen. Das wichtigste Ziel des Konzerns, profitabel zu wachsen und in diesem Jahr wieder einen ordentlichen Gewinn zu erzielen, nehmen die Aktionäre als Versprechen mit nach Hause. Die Telekom wird ihr Versprechen 2005 in Form einer Dividende einlösen müssen.

Der Vorstand hat ein weiteres Jahr Zeit bekommen, in Ruhe und ohne Aufgeregtheit zu arbeiten und den eingeschlagenen Kurs fortzuführen. Ob die vier Säulen der Telekom den neuen Kurs des Unternehmens langfristig überstehen werden, bleibt trotz wortreicher Beteuerungen des Konzernchefs offen.

Den Aktionären ist es egal, ob die Telekom mit der Vier-Säulen-Strategie oder mit den Bereichen Festnetz, Mobilfunk und Geschäftskunden künftig Geld verdient. Hauptsache, ein Teil des Geldes kommt endlich auch bei ihnen an.

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