Microsoft Sonderausgaben belasten

Vergleichszahlungen und Kartellstrafen drücken den Quartalsgewinn deutlich. Dagegen gibt der anziehende Verkauf von PCs keinen Anlass zur Sorge - mittelfristig dürften dem Konzern allerdings seine strukturellen Probleme zu schaffen machen.

New York/Redmond - Microsoft  verdiente im dritten Quartal des laufenden Geschäftsjahres 2003/04 nur noch 1,3 Milliarden Dollar, gegenüber 2,1 Milliarden Dollar im entsprechenden Zeitraum des Vorjahres.

Am Geschäft mit Windows und Office-Produkten liegt das nicht: Der Konzernumsatz erhöhte sich um 17 Prozent auf 9,2 Milliarden Dollar. Microsoft  profitierte von der starken Nachfrage nach Computern, weil diese in der Regel mit dem Betriebssystem Windows ausgeliefert werden. "Alle Geschäftsbereiche haben unsere Erwartungen übertroffen", sagte Finanzvorstand John Connors auf einer Telefonkonferenz.

Zu schaffen machte Microsoft im abgelaufenen Quartal die von der EU-Kommission in Brüssel gegen das Unternehmen verhängte Kartellstrafe von 497 Millionen Euro. Ebenfalls Ergebnis belastend war der Vergleich, den Microsoft-Chef Steve Ballmer unlängst mit seinem langjährigen Erzfeind Scott McNealy von Sun Microsystems ausgehandelt hatte. Weitere Vergleiche dürften auch im kommenden Quartal den Gewinn drücken - denn Microsoft versucht derzeit juristisch reinen Tisch zu machen. Neben Sun hat sich das Unternehmen bereits mit Intertrust Technologies, Time Warner (Netscape) und AT&T geeinigt. Auch mit jenen US-Staaten, die noch kartellrechtlich gegen Microsoft vorgehen, will sich der Konzern demnächst verhandeln.

Wann ist endlich Cash-Day?

Dass dies einige Milliarden kosten wird, ist der Preis der Freiheit. Redmond kann es sich leisten - derzeit hat das Unternehmen liquide Mittel von 56,4 Millairden Dollar. Tendenz steigend. Manche Anleger hoffen auf den großen Zahltag. Sie erwarten, dass Microsoft einen Teil des Geldes demnächst etwa in Form von Dividenden an die Anteilseigner ausschüttet. Konkret hat sich der Konzern hierzu noch nicht geäußert.

Connors sagte am Donnerstag jedoch, man werde fortfahren Microsofts "rechtliche Angelegenheiten abzuschließen". Dies werde dem Unternehmen die Möglichkeit geben, den Shareholder-Value zu fördern.

Neil Herman von Lehman Brothers erwartet, dass die verbleibenden juristischen Fragen bis zum Sommer geklärt sind. "Wir glauben, dass Microsoft seine Cash-Strategie auf seinem Analystentreffen am 29. April ... umreißen könnte", heißt es in einer jüngeren Studie der Bank. Herman rechnet damit, dass Microsoft einen Teil des Geldes verwendet, um aggressiv am Markt Aktien zurückzukaufen.

Bills Milliardengräber

Bills Milliardengräber

Viele Investoren fragen sich dennoch, ob Microsoft langfristig noch ein gutes Investment ist. Die Aktie steht heute dort, wo sie schon im Sommer 1998 notierte. Es sind nicht nur die zahlreichen Rechtstreitigkeiten die dem Papier zugesetzt haben - Beobachter zweifeln zunehmend auch daran, dass Microsoft in Zukunft noch innovative Produkte kreieren kann.

In den vergangenen Jahren hat das Unternehmen auf Befehl von Konzerngründer Bill Gates Milliardenbeträge in neue Projekte gepumpt. Der Erfolg ist allerdings bescheiden. Im Markt für Spielkonsolen kämpft das Unternehmen mit mäßigem Erfolg gegen Sony und Nintendo. Als Internet Provider (MSN) sieht sich Microsoft mit einer erodierenden Kundenbasis konfrontiert. Und auf dem Markt für Handy-Betriebssysteme hat der Konzern auch nach drei Jahren einen Marktanteil, der kaum im messbaren Bereich liegt.

Longwait statt Longhorn

Das Geld verdient der Konzern nach wie vor fast ausschließlich mit Windows und dem Programmpaket Office (Word, Excel, Outlook). Umso beunruhigender ist es, dass der Konzern auch in diesem Bereich Probleme hat. Der Windows-XP-Nachfolger Longhorn wird in der Branche inzwischen als "Longwait" verspottet. Der Auslieferungstermin der ersten größeren Test-Version (Longhorn Beta) wurde von Microsoft auf das Frühjahr 2005 verschoben - eine endgültige Version wird wohl nicht vor 2006 verfügbar sein. Auch bei der Serversoftware SQL passiert erst 2005 etwas - die aktuelle Version datiert noch aus dem Jahr 2000.

Vor allem Unternehmenskunden sind vom Redmonder Schlendrian irritiert. Erst waren sie von Microsoft bedrängt worden, auf ein neues Abo-Modell für Software umzusteigen. Dieses sieht vor, dass einzelne Produktupdates nicht mehr separat gekauft werden. Stattdessen zahlt der Kunde einen festen Betrag und bekommt dafür alle neuen Versionen frei Haus - wenn es denn welche gibt.

Was ist mit dem Geld passiert?

Aus Anlegersicht ist vor allem unerfreulich, dass der Konzern trotz enormer Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) außer gelegentlichen Updates der wichtigen Produktlinien kaum echte Innovationen vorzuweisen hat. "Sie haben zu viel Geld, zu vielen gute Leute und zuviel Zeit" höhnte Ex-Microsoft-Manager und Quantum-Chef Richard Belluzzo in der Business Week".

Seit 1990 investierte Redmond 32,6 Milliarden Dollar in F&E - mehr als irgendein anderes Technologieunternehmen auf dem Planeten. Geholfen hat es indes wenig. Bei den großen IT-Themen der vergangenen Jahre fällt einem seltsamerweise nie der Name Microsoft ein. Digitale Musik? Apple. On-demand-computing? IBM. Dreidimensionale Benutzeroberflächen? Sun Microsystems.

Am besten auf den Punkt brachte Microsofts Innovationsproblem der "ZDNet"-Kolumnist Michael Parsons: "Kann mir mal jemand erklären, warum Google Milliarden von Webseiten schneller durchsuchen kann als Microsoft [Outlook] meine 600 Emails?"

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