DaimlerChrysler Schrempps gefloptes Schlaflied

Auf der Hauptversammlung von DaimlerChrysler gab sich Vorstandschef Jürgen Schrempp geradezu unterwürfig. Doch der rhetorische Trick funktionierte nicht. Unterstützt durch den starken Applaus der Versammlung holten die Kritiker zum Gegenschlag aus.

Berlin - Als DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp am Morgen zu seiner Rede vor der Hauptversammlung der Aktionäre anhob, nestelte ein Japaner im Auditorium noch an dem Kopfhörer, der ihm die Übersetzung liefern sollte. Der Mann verstand offensichtlich kein Wort, doch seine Reaktion auf Schrempps erste Sätze ließ erkennen: Es musste etwas Schlimmes passiert sein. Dabei hatte Schrempp lediglich mit seinem Rechenschaftsbericht begonnen.

Wie sehr der Ton die Musik macht, lässt sich kaum besser illustrieren, als an dieser kleinen Szene. Mit gedehnten Worten hatte Schrempp seine Rede begonnen, jeden Satz voneinander abgesetzt - fast demütig wie ein Angestellter, der beim Fabrikherrn zum Rapport antritt. Die in großer Zahl angereisten privaten Anleger als die Herren im Hause, ein gutes Gefühl, das nachsichtig stimmen sollte.

Doch Schrempps getragener Tonfall entpuppte sich bald als reine Rhetorik. Denn die Problemfälle des Konzerns streifte er nur am Rande. Chrysler habe unter dem harten Wettbewerb mit den US-Konkurrenten zu leiden, beim japanischen Partner seien noch erhebliche Probleme zu lösen. Doch nicht einmal die bekannten Fakten - Chrysler-Chef Dieter Zetsche hatte vor wenigen Tagen einen Verlust in Höhe von fast einer halben Milliarde Euro nach Stuttgart gemeldet - erwähnte er in seiner Rede. Glaubt man Schrempp, spülte Chrysler in der Summe noch Geld in die Kasse.

Problemfälle nur am Rande gestreift

Auch die dramatische Situation des japanischen Partners Mitsubishi Motors Corp  ließ Schrempp kaum durchblicken. Probleme ja, aber wie groß die sind, werde sich erst mit der Vorlage des Geschäftsplans Ende April herausstellen. Danach werde über das weitere Engagement von DaimlerChrysler  entschieden.

Möglich, dass darin eine Andeutung lag, dass die Sanierung von Mitsubishi noch viel Geld kosten wird. Der japanische Automobilhersteller, an dem DaimlerChrysler mit 37 Prozent beteiligt ist, hat das Ende März abgelaufene Geschäftsjahr voraussichtlich mit einem operativen Verlust in Höhe von 780 Millionen Euro abgeschlossen.

Doch Schrempp war schon wieder ein Kapitel weiter. Smart und Maybach bauten hervorragende Autos - dass die Verkäufe weit unter den Erwartungen liegen, sagte er dagegen nicht. Und das Desaster um den Mautbetreiber Toll Collect? Die Verträge seien jetzt neu formuliert, das Geschäft in der Zukunft also gesichert. Die Entwicklung des Börsenkurses war Schrempp nicht einmal eine Fußnote wert. Seit seinem Amtsantritt hat der Stuttgarter Autohersteller um mehr als 50 Prozent an Wert verloren. Erzrivale BMW  dagegen hat im gleichen Zeitraum mehr als 53 Prozent zugelegt.

Denkzettel für Vorstand und Kontrolleure

"Stets hat das Frühwarnsystem versagt"

Stattdessen versuchte Schrempp, seine Zuhörer mit systematischer Unschärfe einzulullen. Man dürfe trotz aller aktuellen Schwierigkeiten "nicht den Blick für das große Ganze verlieren", wenn die Gesamtstrategie richtig sei. Ein Fülle neuer Produkte in bislang nicht gekannter Qualität, das sei das Erfolgsrezept für die Zukunft, erklärte Schrempp. DaimlerChrysler "kenne seine Stärken und habe einen klaren Fahrplan".

Die Kritik der Aktionärsvertreter war so heftig wie angekündigt. Bei dem Autokonzern sei festzustellen, dass auf Fehlentwicklungen zu spät reagiert werde, bemängelte Klaus Kaldemorgen von DWS Investments im Anschluss an Schrempps Rede. "Dies zieht sich wie ein roter Faden durch das Unternehmen."

Kaldemorgen nannte unter anderem die Entwicklungen bei Chrysler und Mitsubishi und schlussfolgerte: "Stets hat das Frühwarnsystem versagt". Noch schlimmer: die problematischen Entwicklungen bei Chrysler und Mitsubishi Motors würden die im Kern gesunde Mercedes-Gruppe schwächen und könnten das Unternehmen insgesamt gefährden. Für DWS jedenfalls, so schloss der Fondsmanager, habe sich das Engagement bei DaimlerChrysler sehr enttäuschend entwickelt.

Denkzettel für Vorstand und Aufsichtsrat

Auch die defizitäre US-Tochter Chrysler wird von den Fondsmanagern kritisch beurteilt. Der Zusammenschluss mit dem US-Konzern habe zu einer massiven Wertvernichtung geführt, beklagte Thomas Meier von Union Investment. Ebenso habe die regionale Ausdehnung mit dem Ziel eines Weltautomobilkonzerns nicht zu Mehrwert geführt. "Welche langfristigen Renditeziele können wir als Investoren realistisch erwarten, und ist DaimlerChrysler bereit, bei Nichterreichen die Strategie des Konzerns zu verändern", fragt Meier stellvertretend für viele Aktionäre.

Viel mehr noch als die Schärfe der Einwände dürfte Schrempp der rauschende Beifall in Erinnerung bleiben, mit dem die Aktionäre die Beiträge bedachten. Versammelter Missmut also, der Vorstand und Aufsichtsrat an diesem Nachmittag begegnete.

Vorstand und Aufsichtsrat wurden dann auch mit deutlich weniger Ja-Stimmen entlastet als im Vorjahr. Aufsichtsratschef Hilmar Kopper verkündete am Mittwochabend, dass der Vorstand um Konzernchef Jürgen Schrempp mit 88,49 Prozent entlastet worden sei. Im Jahr davor waren es noch 99,44 Prozent.

Ein ähnliches Bild gab es beim Aufsichtsrat: Er wurde mit 87,28 Prozent entlastet, auf der Hauptversammlung 2003 waren es 99,34 Prozent. Beobachter führten den Rückgang darauf zurück, dass diesmal auch große Aktienfonds den Führungsgremien die Entlastung verweigert haben. Damit wurde die Hauptversammlung nach rund zwölfstündiger Dauer beendet.

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