Aktienoptionen Abschied vom Reichmacher

Immer mehr Konzerne wollen sich von Aktienoptionen als Vergütungsbestandteil für führende Mitarbeiter verabschieden. Das hat aber wenig mit vermeintlicher Begeisterung für Corporate Governance zu tun. Dahinter steckt vor allem kühle Berechnung.

Frankfurt/Hamburg - Wenn DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp am kommenden Mittwoch offiziell den Abschied von Aktienoptionsprogrammen für Vorstände und Führungskräfte verkünden wird, dann ist dies sicherlich nicht nur eine Reaktion auf die andauernde Kritik an diesen Programmen. Dahinter steht auch ein gehöriges Maß an Kalkül.

Wer Aktienoptionen gewährt, muss sie künftig als Gewinn mindernden Aufwand verbuchen. So sehen es die europäischen Rechnungslegungs-Vorschriften IFRS vor, die ab 2005 Pflicht sind. Auch in den USA ist mit einer entsprechenden Änderung der Bilanzierungsvorschriften zu rechnen. Die Berechnung solcher Kaufoptionen - und nichts Anderes sind Aktienoptionen - ist allerdings schwierig, denn sie werden an der Börse nicht frei gehandelt.

Ein Dorn im Auge der Aktionärsschützer

Aktionärsschützern sind Aktienoptionsprogramme als Vergütungsbestandteil für Vorstände schon lange ein Dorn im Auge. So hatten Unternehmen in der Vergangenheit mitunter die Programme in ertragsschwachen Zeiten angepasst und die Hürden für die Bezugsrechte niedriger gelegt. Das empfanden Aktionärsschützer als unzulässige Belohnung der Vorstände. Gegen eine nachträgliche Veränderung der definierten Erfolgsziele hatte sich zwar bereits im vergangenen Jahr die Cromme-Kommission ausgesprochen. Doch der von ihr geformte Corporate-Governance-Kodex hat keinerlei rechtsverbindlichen Charakter für die Unternehmen.

Wenn Experten die negativen Auswirkungen von Aktienoptionen auf die Bilanzen europäischer Unternehmen auch geringer einschätzen als in den USA, so dürften die neuen Rechnungslegungsvorschriften dennoch der entscheidende Impuls für die Konzerne sein, über neue Anreizprogramme für das Management nachzudenken.

Experten erwarten Gewinneinbrüche

Nach einer Studie von Merrill Lynch , über die das "Handelsblatt" (Montagausgabe) berichtet, werden in den USA die zu erwartenden neuen Bilanzierungsvorschriften vor allem die Ergebnisse von Technologie-Unternehmen belasten. In Ihrer Modellrechnung für 84 ausgewählte Tech-Konzerne geht die Bank davon aus, dass der Gewinn dieser Unternehmen in 2004 im Schnitt um 35 Prozent fallen wird. In 2005 sollen es rund 27 Prozent sein, um die der Gewinn allein in Folge der Verbuchung von Aktienoptionen als Aufwand fallen werde. Nach den Bilanzierungsregeln US-Gaap zählen Kaufoptionsprogramme für die Mitarbeiter bislang nicht als Kosten.

Auf der kommenden Hauptversammlung (HV) nun will DaimlerChrysler  ein neues Modell für die variable Vergütung seiner Führungskräfte vorstellen. Sie soll sich künftig nach dem Wettbewerbsvergleich, der Wertschaffung im Unternehmen und dem Aktienkurs richten.

Die "Welt am Sonntag" hatte berichtet, dass der Erfolg zur einen Hälfte an der erzielten Nettokapitalrendite gemessen werden soll und zur anderen Hälfte an der Umsatzrendite. Dabei müssten die Kennziffern für drei Jahre im Durchschnitt mindestens auf Platz drei innerhalb einer vergleichbaren Gruppe von Autoherstellern liegen, sonst bleibe es beim Festgehalt. Die Bezüge der Führungskräfte waren bei den vergangenen Aktionärstreffen stets ein Streitpunkt.

Deutsche Konzerne entdecken "Phantom-Aktien"

Deutsche Konzerne entdecken "Phantom-Aktien"

Dabei hatte der Konzern bereits im Vorfeld der HV einen Rückzieher gemacht und die "Phantom-Aktien" als Vergütungsbestandteil für die Aufsichtsräte kurzerhand von der Tagesordnung genommen.

So genannte Phantom-Aktien lassen sich als fiktive Aktienoptionen interpretieren. Der Anspruchsberechtigte wird so gestellt als hätte er eine Option. Der mögliche Kursgewinn am Bezugstag soll jedoch in bar ausgezahlt werden.

Bei der Aktienoption selbst hat der Mitarbeiter das Recht, Anteilsscheine des Unternehmens zu einem späteren Zeitpunkt zu einem zuvor festgelegten Preis zu kaufen. Voraussetzung für das Ausübungsrecht ist in der Regel eine bestimmte Kurssteigerung.

DaimlerChrysler hatte die veränderte Tagesordnung mit der "möglichen Rechtsunsicherheit" nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) zu Aktienoptionsprogrammen für Aufsichtsräte begründet. Dem Urteil vom 15. März dieses Jahres zufolge sollen Aufsichtsräte keine Aktienoptionen erhalten. Es sei aber nicht auszuschließen, dass der BGH eine Ausrichtung der variablen Aufsichtsratsvergütung am Aktienkurs generell für unzulässig halte, teilte DaimlerChrysler weiter mit. Ursprünglich wollte der Konzern die bisher feste Aufsichtsrats-Vergütung um ein Viertel reduzieren und diesen Bestandteil künftig in Abhängigkeit vom Aktienkurs flexibel gestalten.

Nach Informationen des "Handelsblatt" sind indes bereits bei etwa der Hälfte der Dax-30-Konzerne so genannte Phantom-Aktien oder Wertsteigerungsrechte in Gebrauch. So nutzten Siemens , Deutsche Bank , Infineon , Henkel , Metro , RWE , Eon , MAN , ThyssenKrupp , Tui , Allianz , Münchener Rück , Commerzbank  und die HypoVereinsbank  letztlich diese Instrumente für ihre Führungskräfte und Mitarbeiter.

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