Goldman-Sachs-Kolumne Bringen die Terroristen die Märkte ins Wanken?

Die Terroranschläge von Madrid könnten bedeutende Auswirkungen auf Euroland haben. Zwar sollte die EZB vorerst nicht von ihrer Linie weichen, auf politischer Ebene zeichnen sich jedoch Veränderungen ab.
Von David Walton

In Spanien selbst könnten sie in Verbindung mit dem überraschenden Regierungswechsel zu einer vorübergehenden Dämpfung der Verbraucherausgaben und der Unternehmensinvestitionen führen, wobei wir aber mit einer baldigen Normalisierung des wirtschaftlichen und politischen Lebens rechnen.

Die Auswirkungen der Terroranschläge auf die Wirtschaft Spaniens und der im übrigen Euroland lassen sich nur sehr schwer quantifizieren. Es hängt viel davon ab, ob es sich bei den Anschlägen von Madrid um ein Einzelereignis oder aber um den Auftakt zu einer größer angelegten Terrorkampagne in Europa handelt.

Das wahrscheinlichste Ergebnis ist eine vorübergehende Verlangsamung der Verbraucherausgaben und Unternehmensinvestitionen. Wir hatten für das zweite Quartal mit einer Beschleunigung des BIP-Wachstums (Bruttoinlandsprodukt) auf 0,8 Prozent gegenüber dem Vorquartal gerechnet. Jetzt könnte es durchaus nur 0,6 Prozent werden.

Keine übereilte Reaktion der EZB erwartet

Von der Europäischen Zentralbank (EZB) erwarten wir keine übereilte Reaktion. Sie kann gut mit einer längeren Phase des Abwartens leben, wahrscheinlich bis Ende 2004.

Sollte sich jedoch herausstellen, dass die Bombenanschläge von Madrid der Anfang einer längeren Serie von Terroranschlägen waren, würde die EZB Zinserhöhungen sicherlich wieder ernsthaft in Betracht ziehen; ähnlich wie dies auch nach den Anschlägen vom 11. September 2001 der Fall war. Mit ersten Zinserhöhungen durch die EZB rechnen wir jetzt im ersten Quartal 2005.

Neues politisches Umfeld in Spanien

In Spanien deuten die wichtigsten Versprechungen der Sozialistischen Partei Spaniens (PSOE), die nur drei Tage nach den Terroranschlägen völlig überraschend die Parlamentswahlen gewonnen hat, nicht auf drastische Veränderungen in der Wirtschaftspolitik hin. Den Einfluss des Wahlausgangs in Spanien auf die Wahlergebnisse in anderen Ländern (insbesondere in denen, die die Irak-Invasion unterstützt haben) würden wir nicht überbewerten.

Vielleicht nutzen die Bürger die Wahlen zum Europäischen Parlament am 14. Juni, um ihre Unzufriedenheit mit den nationalen Regierungen zum Ausdruck zu bringen, aber diese Wahlen sagen meist nicht viel über den Ausgang zukünftiger nationaler Parlamentswahlen aus. Die Auswahl von Kandidaten für das Amt des nächsten EU-Kommissionspräsidenten könnte beeinflusst werden, falls es bei den Europa-Wwahlen einen klaren Linksruck geben sollte. Da in Deutschland, Frankreich und Großbritannien aber vermutlich Mitte-Rechts-Parteien die Mehrheit erringen werden, ist kaum davon auszugehen.

Risikoaversion lastet auf der Börse

Was die neue EU-Verfassung angeht, gibt es deutliche Hinweise darauf, dass die neue spanische Regierung hier eher Entgegenkommen und Kompromissbereitschaft zeigen wird als die noch amtierende. Dies erhöht zwar die Chancen, dass bis Ende des Jahres eine neue Verfassung verabschiedet werden wird. Aber wir glauben, dass es auch nach dem Wahlsieg der PSOE nur langsamen Fortschritt geben wird - auch weil die politische Lage in Polen schwierig bleibt.

Was den EU-Stabilitätspakt betrifft, wird die neu gewählte spanische Regierung diesen vermutlich flexibler interpretieren als ihre Vorgängerin. Dies schwächt das Lager derer, die eine Reform des Pakts ablehnen, wobei Spanien aber ohnehin nicht zu den Ländern gehörte, die Deutschland und Frankreich wegen ihrer Defizitüberschreitung am lautesten kritisiert haben. Auch beim Stabilitätspakt erwarten wir allerdings keinen baldigen Durchbruch.

An unserer Wechselkursprognose hat sich durch die Bombenanschläge von Madrid kaum etwas geändert. Was die Bedrohung durch den Terrorismus betrifft, sitzen Europa und die USA seit dem 11. März im selben Boot.

Der voraussichtliche Kurswechsel in der spanischen Außenpolitik wird möglicherweise die Gegensätze zwischen Europa und den USA beispielsweise in der Frage des Rückzugs aus dem Irak verschärfen und in der Folge die internationale Zusammenarbeit bei Wechselkursverschiebungen beschränken. Diese Wirkungen dürften aber vernachlässigbar sein, sodass wir weiterhin einen Euro-Kurs von 1,20 Dollar auf Sicht von drei Monaten beziehungsweise von 1,30 Dollar auf Sicht von sechs Monaten erwarten.

Steigende Risikoaversion lastet auf den Börsenkursen

Was die Geldmarktzinsen angeht, deckt sich unsere Erwartung inzwischen mit der, die in den Terminsätzen zum Ausdruck kommt. Folglich entspricht auch unsere Anleihenprognose für die nächsten drei bis sechs Monate weit gehend dem, was der Markt gegenwärtig eskomptiert. Auf Sicht von zwölf Monaten erwarten wir einen Anstieg der Anleiherenditen auf 4,5 Prozent, verglichen mit 4,3 Prozent ausgehend von den Terminkontrakten.

Unserer Meinung nach werden die Anschläge von Madrid keine dauerhafte Wirkung auf die Aktienmärkte haben, es sei denn, sie stellen tatsächlich den Beginn einer neuen Terrorkampagne dar. Der Kursrückgang an den europäischen Börsen in der vergangenen Woche ist vor allem einer wachsenden Risikoaversion zuzuschreiben, die aber bereits vor dem 11. März zu beobachten war.

Wir rechnen an den europäischen Börsen nicht mit kräftigen Kurssteigerungen, da die Anleger unter anderem auf weitere Anzeichen für deutlich anziehende Unternehmensgewinne warten. Der Index des amerikanischen Institute of Supply Management, ein verlässlicher Indikator für die relative Wertentwicklung europäischer Aktien, liegt fast auf dem höchsten Stand seit 30 Jahren und hat bereits gedreht. Dies ist einer der Gründe, warum wir europäische Aktien nach wie vor untergewichten und Aktien aus dem asiatisch-pazifischen Raum und Japan bevorzugen.

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