Wella "Geldgier" gegen "Großmannssucht"

Nach einer hitzigen Hauptversammlung wollen die Vorzugsaktionäre nun eine Sonderprüfung vor Gericht erzwingen. Es geht nicht nur um mehr Geld für die Vorzugsaktien, sondern vor allem um die Art und Weise, wie der US-Konzern Procter & Gamble mit Wella verfährt.

Frankfurt am Main - Da Wella-Mehrheitsaktionär Procter & Gamble die von den Minderheitsaktionären eingebrachten Forderungen ablehnen will, hat eine Gruppe von Aktionären jetzt Klagen angekündigt. "Nächste Woche wird der Antrag beim zuständigen Gericht in Darmstadt gestellt", sagte der Sprecher der Minderheitsaktionäre, Josef Broich, am Dienstag am Rande der außerordentlichen Hauptversammlung.

Broich vertritt ein Konsortium aus Minderheitsaktionären, vornehmlich internationale Investmentfonds, die rund 19 Prozent des Wella-Grundkapitals halten und die vollständige Übernahme Wellas durch P&G blockieren. Mit ihrer Klage wollen die Minderheitsaktionäre eine Sonderprüfung durchsetzen.

Dabei soll geklärt werden, ob es vom Wella-Vorstand im Zuge der Übernahme durch Procter & Gamble zu Pflichtverletzungen gekommen ist. Zudem solle geprüft werden, ob P&G unrechtmäßig Know-How aus dem übernommenen Unternehmen gezogen habe, was nur auf Grundlage eines Beherrschungsvertrages hätte erfolgen dürfen, sagte Broich.

Ein Beherrschungsvertrag hat seinen Preis

Der Vorwurf der Minderheitsaktionäre: P&G versuche, sich Wella einzuverleiben, obwohl der Konzern lediglich 81 Prozent des Grundkapitals besitzt. "Diese Großmannssucht können wir nicht dulden", sagte Matthias Schröder von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Nach Meinung der Kritiker hat das US-Unternehmen (Meister Proper, Pampers) Wella zu einer bloßen Betriebsabteilung degradiert. Erst in der vergangenen Woche hat Wella dem US-Konzern per Lizenzvertrag das Recht zur weltweiten Vermarktung seiner Produkte eingeräumt.

Ohne einen Beherrschungsvertrag sei eine solche schleichende Integration nicht möglich, so die Kritiker. Sofern P&G mit Wella einen Beherrschungsvertrag abschließe, müsste der US-Konzern Wella neu bewerten lassen und das Angebot an die Aktionäre deutlich erhöhen. P&G hatte den Vorzugsaktionären 65 Euro je Vorzugsaktie geboten, die Minderheitsaktionäre halten aber einen Preis von 80 bis 100 Euro für angemessen. Ein Beherrschungsvertrag dürfte Procter daher rund eine weitere Milliarde Euro zusätzlich kosten.

Procter: Die Arroganz der Macht

Gürtler: Vorwürfe "haltlos"

Offiziell spricht P&G nicht mehr von einer Integration, sondern nur noch von einer "Kollaboration" mit Wella. Der Vorstandsvorsitzende des Darmstädter Kosmetik-Konzerns, Heiner Gürtler, hat unterdessen die Vorwürfe der Minderheitsaktionäre als "haltlos" bezeichnet. Gürtler wies auch Kritik an seiner zusätzlichen Position als Präsident für das weltweite Friseur- und Parfümgeschäft von Procter & Gamble zurück. Die Position bei Procter helfe ihm dabei, die Wella-Belange besser zu vertreten.

Der Vorstandsvorsitzende rechtfertigte außerdem den Lizenzvertrag, mit dem P&G den Vertrieb für Wella-Haarpflegeprodukte übernimmt. Eine solche Allianz habe Wella seit Jahren angestrebt. Allerdings verlören damit rund ein Drittel der weltweit 2400 Wella- Mitarbeiter in diesem Bereich ihre Stelle.

"Geldgier" der Minderheitsaktionäre?

Der von den Minderheitsaktionären geforderte Beherrschungsvertrag liege in der Entscheidung von P&G, sagte Gürtler. Der Sonderprüfung, die die Kritiker nun vor Gericht durchsetzen wollen und mit deren Hilfe sie Unregelmäßigkeiten bei der Übernahme nachweisen wollen, sehe er gelassen entgegen.

Der P&G-Präsident für Westeuropa, Paul Polman, warf den Kritikern Geldgier vor. Der von P&G gezahlte Preis für die Vorzugsaktie von 65 Euro entspreche den gesetzlichen Regeln. Der Preis von mehr als 90 Euro für die Stammaktie sei mit der Bedeutung dieser Papiere zu erklären. "Sie bringen die Kontrolle", sagte Polman.

Polman: Beherrschungsvertrag "nicht notwendig"

Einen Beherrschungsvertrag halte P&G nicht für notwendig, um die angestrebten Synergie-Effekte mit Wella erzielen. Polman kündigte an, dass P&G mit seiner Mehrheit beide Anträge auf Vertrauensentzug für Gürtler und auf eine Sonderprüfung ablehnen werde.

P&G hatte die Mehrheit der Wella-Aktien im vergangenen Jahr für mehr als fünf Milliarden Euro von der Erbengemeinschaft gekauft. Ein Beherrschungsvertrag würde das Unternehmen schätzungsweise mehr als eine Milliarde Euro zusätzlich kosten.