G-7-Treffen Wer will schon den harten Dollar

Ein paar warme Worte der G-7-Finanzminister in Boca Raton werden die Abwertung des Dollar kaum aufhalten. Die US-Wirtschaft ist weiterhin auf eine nicht zu starke eigene Währung angewiesen. Die Triebfedern für den Euro-Aufschwung bleiben intakt.

Hamburg - Stoppt der Neue den Euro-Hohenflug? Während der ehemalige EZB-Chef Wim Duisenberg der rasanten Klettertour des Euro mit stoischer Gelassenheit zugesehen hat, trauen Beobachter seinem Nachfolger Jean-Claude Trichet zumindest den Versuch eines Kurswechsels zu.

Der neue Notenbankpräsident könnte einen aktiveren Kurs bevorzugen und möglicherweise mit einer Zinssenkung die rasante Aufwertung des Euro bremsen, heißt es. Allein das Gerücht hatte die Gemeinschaftswährung nach ihrem jüngsten Höhenflug kurzzeitig wieder unter die Marke von 1,25 US-Dollar gedrückt. Händler sehen dies jedoch lediglich als Atempause. So lange den Worten keine Taten folgen, kann von einer Trendumkehr am Devisenmarkt keine Rede sein.

G-7-Treffen in Florida: Snow spült den Dollar weich

Beim Treffen der sieben führenden Industrienationen (G-7) in Boca Raton (Florida) dürfte die Abwertung des Dollar ebenfalls ein Thema sein - was angesichts der unterschiedlichen Interessen der Teilnehmer aber nicht zu einer gemeinsamen Erklärung führen muss. Europäische Notenbanker und Politiker dürften erneut die Gelegenheit nutzen, sich "besorgt" zu zeigen, während US-Vertreter sich in stoischer Gelassenheit üben werden.

US-Finanzminister John Snow hat es seit seinem Amtsantritt vor einem Jahr meisterhaft verstanden, mit leeren Worten den US-Dollar aufzuweichen. Seine Lippenbekenntnisse zum starken Dollar kommen so unmotiviert daher, dass die Märkte bislang jedesmal mit einem Kursrutsch der US-Währung reagiert haben.

Konsens ist: Ein schwacher Dollar kommt der Bush-Administration vor der Wahl gelegen, da er die Gewinne der US-Unternehmen pflegt und das gigantische Leistungsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten zu vermindern hilft. Snow löst seine Aufgabe, diese inoffizielle Politik mit höflichen Floskeln zu übertünchen, mit Bravour. Gegenüber den jammernden Europäern ist von US-Seite in Boca Raton daher bestenfalls ein Achselzucken zu erwarten.

Dollar-Schwächeanfall wie nach Dubai?

Dollar-Schwächeanfall wie nach Dubai?

Es ist höchst zweifelhaft, dass die langfristige Abwertung des Dollar auf diese Weise beendet wird. Nach zehn Wochen rasanter Klettertour hat der Euro Ende Januar lediglich eine Verschnaufpause eingelegt, sagen Beobachter am Devisenmarkt. Am 12. Januar hatte die Gemeinschaftswährung mit knapp 1,29 US-Dollar den höchsten Stand seit ihrer Einführung erreicht. Binnen Jahresfrist hat der Euro mehr als 20 Prozent gegenüber dem Dollar aufgewertet.

Sollte das G-7-Treffen in Boca Raton mit einer zwar im Ton besorgten, aber weitgehend unverbindlichen Erklärung zu Ende gehen, könnte der Dollar erneut einen Schwächeanfall erleiden. Dies war bereits nach dem jüngsten G-7-Treffen im September in Dubai der Fall. Der Verfall der US-Währung "sollte gemäßigt werden", hieß es damals in der Abschlusserklärung. Und die asiatischen Länder sollten doch bitteschön ihrer Währungen gegenüber dem Dollar mehr Spiel geben und eine Aufwertung zulassen.

Von gemeinsamer Stützung kann keine Rede sein

Schöne Worte, keine Taten. Was folgte, war eine rasante weitere Abwertung des Dollar gegenüber Euro und Yen, die erst Mitte Januar vorläufig innehielt.

Die europäischen Notenbanker versuchen zwar seit Wochen, den Höhenflug des Euro zu stoppen, doch wird dies allein mit mahnenden Worten und bloßen Gerüchten über eine mögliche Zinssenkung im Euroraum nicht zu bewerkstelligen sein.

Gemeinsame Stützungsmaßnahmen für den Dollar wären daher für die europäischen Teilnehmer des G 7 Treffens wohl das Höchste der Gefühle. Doch dieser Wunsch, davon gehen Devisenexperten aus, dürfte in Florida unerfüllt bleiben.

Aufschwung, doch kaum neue Jobs: Warum Fed und EZB getrennte Wege gehen

USA kann mit schwachem Dollar sehr gut leben

Zwar könnte eine gemeinsame Aktion der amerikanischen, europäischen und japanischen Notenbank der Euro-Klettertour rasch ein Ende setzen, doch denkt die US-Notenbank derzeit nicht im Traum daran, sich gemeinsam mit der EZB und der Bank of Japan gegen eine weitere Abwertung des Dollar zu stemmen. Solange die USA ein Interesse an einer schwachen eigenen Währung haben und die Zinsen auf einem Niedrigniveau von 1 Prozent halten, spricht alles für steigende Euro-Kurse bis zum Jahresende.

Warum sollte die USA auch den Dollar stärken? Derzeit zeigt sich, dass ein schwacher Dollar der amerikanischen Volkswirtschaft ausgesprochen gut tut. Die Gewinne der US-Unternehmen sind im abgelaufenen Quartal mehr als zweistellig gestiegen, und auch das enorme US-Handelsbilanzdefizit ist dank des schwachen Dollar im November ein bisschen kleiner geworden. Eine Zinserhöhung in den USA ist daher, Greenspans jüngsten Andeutungen zum Trotz, bis zur Präsidentenwahl im November äußerst unwahrscheinlich.

US-Arbeitsmarkt hinkt hinter Aufschwung hinterher

Zwar hat die Fed nach ihrer jüngsten Sitzung Ende Januar auf die zusätzliche Erklärung verzichtet, dass die Zinsen "für einen beträchtlichen Zeitraum" niedrig bleiben werden. Statt dessen heißt es nun, man könne bis zur nächsten Zinserhöhung "geduldig abwarten".

Die Börse interpretierte dies in einer ersten Reaktion als Signal für eine Zinswende noch in diesem Jahr. Doch da der US-Konjunkturaufschwung noch immer nicht voll auf den Arbeitsmarkt durchschlägt, bleibt es höchst zweifelhaft, dass die Zinsen noch vor der US-Präsidentenwahl im November erhöht werden. US-Präsident Bush, der seine Bürger trotz eines neuen Rekord-Defizits mit Steuergeschenken beglückt, kann an höheren Zinsen kein Interesse haben.

Weniger neue Jobs als erhofft

Solange sich am US-Arbeitsmarkt keine deutliche Besserung abzeichnet, wäre eine Zinserhöhung in den USA Gift für die langsam anziehende Konjunktur. Im Januar ist die US-Arbeitslosenquote zwar auf 5,6 Prozent gefallen, doch wurden mit gerade mal 112.000 neuen Stellen weitaus weniger Jobs geschaffen als erhofft.

Da die Firmen sich trotz anziehender Konjunktur mit Neueinstellungen weiterhin schwer tun, dürfte der Leitzins in den USA bis November bei dem eher symbolischen 1 Prozent bleiben. Das ist der niedrigste Stand seit 1958.

Zwar ist die US-Wirtschaft im dritten Quartal 2003 auf hochgerechneter Jahresrate um 8,2 Prozent gewachsen, doch schlägt sich das bislang nicht nennenswert in der Arbeitslosenstatistik nieder. Im 4. Quartal wurden lediglich 144.000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Seit August 2000 sind insgesamt 2,8 Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen.

Das BIP-Wachstum im vierten Quartal betrug dann "nur noch" 4,1 Prozent: Davon kann die deutsche Volkswirtschaft zwar nur träumen, doch ist dies gerade einmal halb so viel wie im dritten Quartal. Die Wachstumsdynamik hat sich auch in den USA also abgeschwächt.

Ein fragiler Aufschwung braucht niedrige Zinsen, um nicht gleich wieder erstickt zu werden. Dass zudem die Politik des schwachen Dollar nicht nur bei exportierenden Unternehmen wie Intel  oder Procter & Gamble  segensreich wirkt, hat sich zu Jahresbeginn erwiesen. Die Gewinne der amerikanischen Unternehmen dürften im abgelaufenen Quartal so stark geklettert sein wie seit zehn Jahren nicht mehr, schätzt der Finanzdienstleister Thomson/First Call.

Leistungsbilanz: Schwacher Dollar schließt die Lücke

Außerdem ist das Defizit in der US-Handelsbilanz im November um fast vier Milliarden Dollar kleiner geworden. Da eine schwache eigene Währung Importe aus dem Ausland verteuert, gingen die US-Importe leicht auf den Wert von 128 Milliarden Dollar zurück. Gleichzeitig konnten die US-Exporteure ihre Waren günstiger im Ausland anbieten - die Exporte stiegen im November deutlich auf 90 Milliarden Dollar und damit auf den höchsten Wert seit fast drei Jahren.

Damit bleibt zwar immer noch ein stolzes monatliches Defizit von 38 Milliarden Dollar, doch entscheidend sind der Trend und die Botschaft: Die bedrohliche Lücke zwischen Importen und Exporten wird langsam kleiner, und der schwache Dollar hilft dabei.

Bush beschert Gründe für den Euro-Aufschwung

US-Defizit: Steuergeschenke trotz Schulden

Steigende Zinsen sind für die USA auch deshalb nicht von Interesse, weil die Staatsverschuldung nach vier Jahren Bush-Regierung wieder deutlich gestiegen ist. Der globale Kampf gegen den Terror ist teuer: Nachdem die USA noch im Jahr 2000 einen Haushaltsüberschuss von 127 Milliarden Dollar ausgewiesen hat, ist das Haushaltsdefizit im Jahr 2003 auf 374 Milliarden Dollar und damit rund 4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes gestiegen.

In diesem Jahr dürfte das Haushaltsdefizit ersten Schätzungen zufolge auf 477 Milliarden Dollar steigen, da bis zur Präsidentenwahl im Nobember mit weiteren Steuergeschenken und nicht mit einem unpopulären Sparkurs gerechnet wird. Der neue Haushaltsentwurf für 2005, den George W. Bush Anfang Februar vorlegt, sieht sogar ein Rekord-Defizit von rund 520 Milliarden Dollar vor.

Der US-Präsident Bush finanziert derlei horrende Ausgaben und freigiebige Steuergeschenke durch neue Schulden - und vor allem die asiatischen Länder nehmen derzeit die amerikanischen Schulden auf, indem sie US-Staatsanleihen kaufen. Auf diese Weise sorgen sie dafür, dass die eigene Währung billig und der Dollar im Verhältnis zu den Handelspartnern erstaunlich robust bleibt - obwohl die USA immer tiefer in die Verschuldung rutscht. Das Leistungsbilanzdefizit, obwohl im November leicht gesunken, beträgt mit rund 550 Milliarden Dollar inzwischen knapp 6 Prozent des BIP.

Vier Gründe für den Euro-Aufschwung

Weiterhin niedrige Zinsen in den USA, der schwache Dollar als US-Konjunkturmotor, kein abgestimmtes Handeln zwischen den wichtigsten Notenbanken und ein weiterhin hohes Doppeldefizit in der größten Volkswirtschaft der Welt: Das sind nach Einschätzung von HSBC Trinkaus & Burkhardt die Voraussetzungen für langfristig weiter steigende Euro-Kurse.

Ein Euro-Kurs von 1,35 US-Dollar bereits im dritten Quartal 2004 ist nach Einschätzung von Chefvolkswirt Stefan Schilbe wahrscheinlich. Bei einem weiterhin hohen Zwillingsdefizit und einem unattraktiven Geldmarktzinsniveau in den USA bleibe der Treibsatz für eine Euro-Aufwertung intakt, so Schilbe.

EZB bleibt allein

Noch kann sich die USA dieses hohe Defizit leisten, da die asiatischen Notenbanken, allen voran Japan und China, zur Stützung der eigenen Währung weiterhin Dollar und US-Anleihen kaufen und somit den Mehrkonsum der US-Bürger finanzieren.

Auf Dauer sei ein Leistungsbilanzdefizit von mehr als 5 Prozent des BIP für eine Volkswirtschaft aber nicht durchzuhalten, warnt nicht nur der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff. Da eine schwache eigene Währung dabei hilft, das Leistungsbilanzdefizit abzuschmelzen, hält er sogar einen Euro-Kurs von mehr als 1,40 US-Dollar für möglich.

Bevor die US-Notenbank den Zinssatz wieder erhöht, sei eher eine weitere Zinssenkung der EZB wahrscheinlich, meint HSBC-Analyst Lothar Heßler. Vielen US-Devisenexperten ist ohnehin unverständlich, warum die Eurobanker ihren Leitzins nicht schon längst weiter nach unten gedrückt haben.

Doch ist fraglich, ob selbst eine Zinssenkung um 50 Basispunkte den Trend umkehren kann: Solange die EZB mit ihrer Forderung nach einer Schwächung des Euro allein dasteht, dürften ihre isolierten Maßnahmen am Devisenmarkt verpuffen. Europäische Unternehmen tun gut daran, sich auf einen weiterhin festen Euro einzustellen.

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