Pharmakonzerne Getriebene der Kapitalmärkte

Vor allem die Finanzmärkte treiben durch ihre steigenden Renditeforderungen die Pharma-Konzerne zur Größe. Deshalb dürfte die mögliche Fusion von Aventis und Sanofi nicht der letzte Paukenschlag in der Branche sein, sagen Analysten.

München - Der Zwang zur Größe treibt die internationalen Pharma-Konzerne in immer neue Megafusionen. "Am Ende werden deutlich weniger als zehn weltweit aktive, große Unternehmen übrig bleiben", sagte Fusions-Experte Thomas Kautzsch von der Unternehmensberatung Mercer am Montag der dpa. Die immensen Kosten für das Marketing und für die Entwicklung neuer Medikamente ließen den Firmen keine andere Wahl.

Daher werde der mögliche Zusammenschluss zwischen Sanofi-Synthélabo und der deutsch-französischen Aventis  bei weitem nicht der letzte Paukenschlag sein. Die einst führende deutsche Pharmaindustrie hat dabei in den vergangenen Jahren den Anschluss verpasst.

"Übernahmeversuch macht strategisch Sinn"

Sollte die feindliche Übernahme mit einem Volumen von 47 Milliarden Euro gelingen oder sollten sich die beiden Unternehmen gütlich auf einen Zusammenschluss einigen, würde der neue französisch dominierte Pharma-Riese unter die weltweiten "Top 3" aufsteigen. "Mit Aventis zusammen könnte Sanofi Synthelabo  in allen Regionen weltweit eine wichtige Rolle spielen", sagte Sabine Annette Blumenthal, Analystin bei der BayernLB. Daher mache der Übernahmeversuch auf den ersten Blick strategisch Sinn. Ziel sei die Bildung eines der am schnellsten wachsenden Pharmaunternehmen weltweit.

Auch die Konkurrenz wuchs durch Übernahmen

Auch die Konkurrenten sind durch Übernahmen gewachsen. So schluckte Marktführer Pfizer  2002 den Konkurrenten Pharmacia. Bei GlaxoSmithKline , zeugt schon der Name von der Fusionsgeschichte. Auch Aventis selbst wurde aus der französischen Rhône-Poulenc und der deutschen Hoechst AG geschmiedet und gilt vielen als insgesamt erfolgreiches Beispiel für einen Zusammenschluss.

Die zwanzig größten Pharmakonzerne der Welt*

Umsatz Marktanteil (%)
1. Pfizer (USA) 40,3 11,0
2. GlaxoSmithKline (GB) 27,0 7,2
3. Merck Co. (USA) 21,6 5,6
4. AstraZeneca (GB) 17,3 4,5
5. Johnson Johnson (USA) 17,2 4,5
6. Aventis (F) 16,6 4,3
7. Bristol-Myers-Sqibb(USA) 14,7 3,8
8. Novartis (Schweiz) 13,6 3,5
9. Roche (Schweiz) 12,4 3,2
10. Wyeth (USA) 11,7 3,1
11. Eli Lilly (USA) 10,3 2,6
12. Schering-Plough (USA) 8,9 2,3
13. Abbott (USA) 7,3 1,9
14. Sanofi-Synthélabo 7,0 1,8
15. Takeda (Japan) 5,9 1,5
16. Boehringer Ingelheim (D) 5,3 1,3
17. Amgen (USA) 5,0 1,2
18. Bayer 4,3 1,1
19. Sankyo (Japan) 4,2 1,1
20. Schering 3,3 0,8
*nach Umsatz in Milliarden Dollar; Stand: 2002

Finanzmärkte stellen immer höhere Renditeforderungen

Die Pharma-Unternehmen stehen von verschiedenen Seiten unter Druck. "Zum einen stellen die Finanzmärkte immer höhere Renditeforderungen", sagte Merck Finck-Analystin Sabine Eberhardt. Diese könnten nur mit umsatzstarken Produkten erfüllt werden. Die Finanzmärkte achten insbesondere auf so genannte Blockbuster-Medikamente, die mehr als eine Milliarde Dollar Umsatz im Jahr machen.

Die Kosten laufen den Unternehmen davon

Die Ausgaben wiederum sind in der Pharmabranche explodiert. "Allein die Marketing-Kosten für die Einführung eines neuen Medikaments liegen weit im Milliardenbereich", sagte Mercer-Experte Kautzsch. Zuvor müssten die Unternehmen aber erst die milliardenschweren Ausgaben für die Entwicklung der Medikamente stemmen. Nur eine Hand voll Produkte übersteht die verschiedenen Erprobungsphasen, erhält die Zulassung und hat die Chance, sich zu einem Megaseller zu entwickeln.

Pipeline mit neuen Medikamenten muss gefüllt sein

Doch auch an den Blockbustern können sich die Pharmafirmen nur eine Zeit lang erfreuen. Nach dem Ablauf von Patenten drängen so genannte Generika auf den Markt. Wegen dieser Nachahmerpräparate kann das Originalmedikament enorm an Marktanteilen verlieren.

"Daher brauchen die Konzerne immer eine gut gefüllte Pipeline", sagte Kautzsch. Dieser Vorrat an künftigen Medikamenten ist bei der Bewertung von Pharmaunternehmen an der Börse einer der wichtigsten Maßstäbe. Haben die Unternehmen nicht genug aussichtsreiche Kandidaten in der Pipeline, bleibt nur die Übernahme von Konkurrenten mit lukrativen Medikamenten in der Erprobung. Dabei sind sowohl Biotech-Unternehmen als auch andere Pharmafirmen im Visier.

Bleiben kleinere Unternehmen auf der Strecke?

Angesichts der Mega-Fusionen drohen kleinere, aber breit aufgestellte Unternehmen auf der Strecke zu bleiben. "Bayer zum Beispiel ist zu klein, um weltweit bestehen zu können", ist Analystin Eberhardt überzeugt. Bayer  hatte in den vergangenen Jahren mehrmals den Kurs gewechselt. Nach dem Lipobay-Desaster im August 2001 machte sich der Vorstand auf die Suche nach einem Partner, inzwischen soll das Geschäft aber in eigener Regie fortgeführt werden - ohne den Anspruch zu den weltweiten Spielern zu gehören.

Auch Kautzsch ist allerdings überzeugt: "Wer breit aufgestellt ist, tut sich im Wettbewerb extrem schwer, wenn die Größe unterkritisch ist." Leichter täten sich da schon Nischenanbieter wie zum Beispiel Schering , das auf seinem Spezialgebiet gut vertreten ist, aber keine weit gestreute Produktpalette anbietet.

Chronik: Die größten Fusionen in der Pharmabranche

Die größten Fusionen in der Pharmabranche

1996: Die Schweizer Pharma- und Chemieunternehmen Sandoz und Ciba-Geigy fusionieren in einem 27-Milliarden-Dollar- Geschäft zur Novartis AG.

1999: Die britische Zeneca und Schwedens Astra bilden die AstraZeneca Plc. Das Geschäft hat ein Volumen von 36 Milliarden Dollar und schafft Europas zweitgrößtes Pharmaunternehmen mit starken Positionen bei Mitteln für Herzkranzgefäße und Magen-Darm-Erkrankungen.

1999: Das französische Pharma- und Chemieunternehmen Rhone-Poulenc verschmilzt mit seinem deutschen Konkurrenten Hoechst in einem 26 Milliarden-Dollar-Geschäft zu Aventis. Aventis war aktiv in den Bereichen Pharma, Agrochemie und Tiermedizin. Viele Unternehmen wollten damals ein breites Angebot bedienen. So wollte sich der Aventis-Konzern unter Jürgen Dormann als Life-Science-Unternehmen positionieren und vor allem in den Geschäftsfeldern Pharma, Agrochemie und Tiermedizin tätig sein. Mittlerweile hat sich Aventis aber als reiner Pharma-Konzern fokussiert.

1999: Nachdem sie eine Fusion mit American Home Products (jetzt Wyeth) bekannt gab, um das weltgrößte Pharmaunternehmen zu werden, wurde die Warner-Lambert Co. ein Übernahmeziel von Pfizer Inc, die auch an die Weltspitze wollten. Warner-Lambert entwickelte das Cholesterin-Mittel Lipitor und das Krampfmedikament Neurontin. Die Übernahme durch Pfizer wurde 2000 abgeschlossen und hatte ein Volumen von 114 Milliarden Dollar.

Die zwanzig größten Pharmakonzerne der Welt*

Umsatz Marktanteil (%)
1. Pfizer (USA) 40,3 11,0
2. GlaxoSmithKline (GB) 27,0 7,2
3. Merck Co. (USA) 21,6 5,6
4. AstraZeneca (GB) 17,3 4,5
5. Johnson Johnson (USA) 17,2 4,5
6. Aventis (F) 16,6 4,3
7. Bristol-Myers-Sqibb(USA) 14,7 3,8
8. Novartis (Schweiz) 13,6 3,5
9. Roche (Schweiz) 12,4 3,2
10. Wyeth (USA) 11,7 3,1
11. Eli Lilly (USA) 10,3 2,6
12. Schering-Plough (USA) 8,9 2,3
13. Abbott (USA) 7,3 1,9
14. Sanofi-Synthélabo 7,0 1,8
15. Takeda (Japan) 5,9 1,5
16. Boehringer Ingelheim (D) 5,3 1,3
17. Amgen (USA) 5,0 1,2
18. Bayer 4,3 1,1
19. Sankyo (Japan) 4,2 1,1
20. Schering 3,3 0,8
*nach Umsatz in Milliarden Dollar; Stand: 2002

2000: Die britischen Rivalen Glaxo Wellcome and SmithKline Beecham fusionieren zu einem Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 29 Milliarden Dollar und einer Marktkapitalisierung von 195 Milliarden Dollar. Das Unternehmen ist heute das zweitgrößte in der Pharmabranche.

2002 Das Biotechnologie-Unternehmen Amgens übernimmt Immunex Corp. und zementiert damit seine Position unter den Top-Unternehmen der Pharmabranche. Amgen stellt Medikamente her, die die Nebenwirkungen von Chemotherapien reduzieren. Immunex stellt das Arthritis-Medikament Enbrel her.

2003: Pfizer schließt die Übernahme der Pharmacia Corp. ab. Beide Firmen hatten das Arthritis-Medikament Celebrex gefördert. Pfizer erhielt durch die Fusion alle Rechte an dem umsatzstarken Medikament. Außerdem baute Pfizer seine Führung vor GlaxoSmithKline als größter Pharmahersteller aus. Das Unternehmen beherrscht elf Prozent des Weltmarktes an verschreibungspflichtigen Medikamenten.

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