Deutsche Bank Verpatzt der Prozess die Performance?

Der Vorstandschef der Deutschen Bank steht vor Gericht, und die ganze Branche zittert mit. Ob die Bank unbeschadet aus diesem Prozess hervorgeht, ist offen. Dabei müssten Ackermann und Co. ihre Kraft auf einen ganz anderen Prozess richten.

Hamburg - Josef Ackermann, Vorstandschef der feinsten deutschen Geldadresse, steht seit diesem Mittwoch in Düsseldorf vor Gericht. Kaum anzunehmen, dass ihm einer seiner Vertrauten während einer Verhandlungspause den Kurs der Deutschen Bank  zuflüstert. Auch wenn es Ackermanns erklärtes Ziel ist, den Börsenwert des Branchenprimus zu steigern, in diesen Tagen hat er sicherlich Anderes im Kopf.

Gleichwohl dürfte ihm in den vergangenen Wochen nicht entgangen sein, dass sich die Aktie der Deutschen Bank  im Vergleich zu den anderen Instituten seit Jahresanfang schlechter entwickelt hat. Seit Wochen umkreisen neue Fusionsfantasien die Branche und treiben die Aktien an. Da liegt der Gedanke nahe, dass Investoren schlechte Prozessnachrichten fürchten und sich deshalb mit einem Engagement beim Branchenprimus vorerst zurückhalten. Im Vorfeld des bislang spektakulärsten Wirtschaftsprozesses in Deutschland haben Marktbeobachter diese Befürchtung mehrfach geäußert.

Parmalat-Verstrickung wirkt stärker auf die Aktie

Bankenanalyst Konrad Becker kann der These indes wenig abgewinnen. "Ich halte die Belastung des Kurses durch den Prozess für gering", sagt der Experte von Merck Finck am Mittwoch im Gespräch mit manager-magazin.de. Eher dürfte die Verstrickung der Deutschen Bank in den Skandal um die Insolvenz des italienischen Lebensmittelkonzerns Parmalat den Kurs belastet haben. Zugleich hätten die Titel der HypoVereinsbank  und der Commerzbank  von der zuletzt wachsenden Fusionsfantasie ungleich stärker profitiert, erklärt Becker die relative Schwäche der Deutsche-Bank-Aktie in den vergangenen Wochen.

Der Analyst sieht indes auch kein Management-Risiko für die Bank durch Ackermanns Abwesenheit im Zuge des Prozesses. "Die operative Tagesarbeit leisten ohnehin die Bereichsvorstände." Der Frontmann der Deutschen Bank sei vor allem für die langfristige, strategische Planung verantwortlich. Wichtige Entscheidungen seien hier bereits getroffen worden. Und Ackermann zeichne eben aus, dass er nicht sprunghaft agiere und einmal als wichtig erkannte Ziele seit seinem Amtsantritt im Mai 2002 eben auch umgesetzt hat. "Das haben die Kapitalmärkte registriert und in der Vergangenheit auch honoriert", sagt Becker.

Gleichwohl will der Analyst von Merck Finck nicht ausschließen, dass Ackermann im Falle einer Verurteilung zurücktreten wird, um weiteren Schaden von der Bank abzuwenden. "Doch das ist reine Spekulation", sagt Becker.

Ackermanns Verdienste sind nicht von der Hand zu weisen

Viel erreicht, doch das Privatkundengeschäft hinkt

Kosteneinsparungen, Beteiligungsverkäufe, Outsourcing von Randgeschäften - Ackermann habe seit seinem Amtsantritt viel auf den Weg gebracht. "Das ist eine eindeutig positive Entwicklung", sagt Becker. Im Vergleich zu anderen europäischen Spitzeninstituten sieht der Analyst zwar nach wie vor Schwächen im Privatkundengeschäft der Deutschen Bank. Gleichwohl habe sich der Bereich Private Banking in den vergangenen zwei Jahren immer besser entwickelt und erwirtschafte wieder Gewinne - mit steigender Tendenz. Auch dies sei ein Verdienst Ackermanns. Er habe hier "Klarheit" geschaffen und anspruchsvolle Ziele vorgegeben, während man dies in der Vergangenheit vermisst hätte. "Die Deutsche Bank ist hier auf einem guten Weg."

Hat Ackermann die Latte zu hoch gehängt?

Unlängst hatte Ackermann in einem Brief an seine Mitarbeiter das Jahr 2004 als Jahr der Ertragssteigerung ausgerufen. Operativ soll, ja muss es aufwärts gehen, will man in puncto Profitbilität im internationalen Maßstab nicht noch weiter zurückfallen. Die Eigenkapitalrendite vor Steuern soll mittelfristig auf 25 Prozent steigen. Doch hier zeigt sich der Analyst skeptisch: "Legt man die Geschäftsentwicklung der vergangenen Jahre zugrunde, halte ich das Ziel zumindest in den kommenden zwei, drei Jahren nicht für realisierbar."

Für das laufende Jahr sieht der Analyst das größte Ertragspotential der Deutschen Bank im Investmentbanking. Sollte sich die positive Tendenz im Bereich Merger und Aquisitions der letzten Monate bestätigen, dürften die Erträge deutlich zulegen. Vorausgesetzt die Konjunktur zieht an, sollte auch das Firmenkundengeschäft zur Ertragsverbesserung beitragen. "Ich glaube auch, dass das Privatkundengeschäft im laufenden Jahr zulegen wird", sagt der Analyst von Merck Finck weiter.

Konsolidierung: Die USA machen es vor

Doch wird das alles reichen, um den Aktienkurs weiter nach oben zu schrauben und um möglichen Übernahmeversuchen aus dem Ausland zu widerstehen? Der Konsolidierungsprozess im US-Finanzgewerbe ist im vollen Gange, in Deutschland passiert nichts. Mit der jüngsten Übernahme der Bank One durch J.P. Morgan Chase ist hinter der Citigroup einer weiterer Finanzgigant entstanden. Letztere streckt bereits ihre Fühler nach Europa aus, sucht nach einem geeigneten Übernahmekandidaten.

Konsolidierung - Woran es in Deutschland krankt

Konsolidierung: Woran es in Deutschland krankt

Warum der Konsolidierungsprozess in der deutschen Bankenlandschaft kaum vorankommt, dafür sieht Becker mehrere Gründe. 1. Angst vor nicht erkannten Risiken in den Kreditportfolien und bei Beteiligungen der Banken 2. Die zersplitterte deutsche Bankenstruktur mit der Sparkassen-Dominanz im Retailgeschäft ermöglicht selbst einer fusionierten Bank keine herausragende Ausweitung des Marktanteils 3. Bislang gibt es in Deutschland kein Beispiel für eine erfolgreiche Großbankenfusion 4. Noch immer bestehende Überkreuzbeteiligungen im deutschen Finanzsektor erschweren Übernahmen und damit den Konsolidierungsprozess

Die Angst vor "Kellerleichen"

Dass deutsche Großbanken in naher Zukunft dennoch zusammengehen, will Becker nicht ausschließen. Über eine mögliche Fusion von HypoVereinsbank  und Commerzbank war in der Vergangenheit immer wieder spekuliert worden. "Doch die Angst, dass bei dem jeweils anderen in den Kreditportfolien noch irgendwelche Leichen liegen, ist als Hinderungsgrund nicht zu unterschätzen", wendet Becker ein.

Eine weitere Hürde für eine mögliche Fusion sieht der Analyst in den immer wieder genannten "Klumpenrisiken". Sollten etwa zwei potentielle Fusionspartner noch Kreditforderungen an ein und dasselbe Unternehmen haben, könnten diese kombinierten Kredite ein ernsthaftes Problem für die fusionierte Bank darstellen.

Warum ausländische Banken noch nicht zugreifen

Noch nicht einzuschätzende Kreditrisiken in deutschen Bankenportfolios dürften indes bislang auch ausländische Interessenten von Übernahmeversuchen in Deutschland abgehalten haben, meint Becker. Als entscheidender sieht er in diesem Zusammenhang aber die mangelnde Profitabilität der deutschen Institute an.

"Deutsche Banken sind zwar billig, doch in Sachen Profitabilität stehen sie im internationalen Vergleich ganz klar am unteren Ende. Jeder ausländische Käufer wird mit einer Übernahme in Deutschland seine Konzernprofitabilität deutlich verschlechtern", sagt der Analyst. Gleiche Bedenken - wenn auch mit Abstrichen - dürften ausländische Finanzinstitute indes auch bei einer möglichen Übernahme der Deutschen Bank hegen, glaubt Becker.

Deutsche Banken stehen unter Zugzwang

Gleichwohl sei der Konsolidierungsprozess in der deutschen Bankenlandschaft nicht mehr aufzuhalten. Mit der Entwicklung in den USA steige der Druck auf die hiesigen Institute, sich neu zu positionieren, sagt Becker. "Sie sehen die enorme Kapitalkraft, die sich in Übersee jetzt über Fusionen formiert. Das kann die Vorstände hier nicht gleichgültig lassen." Möglicherweise werde man schon in Kürze Zusammenschlüsse in Erwägung ziehen, vor den man sich gegenwärtig noch sträubt. "Deutschland ist schließlich keine Insel", warnt der Analyst von Merck Finck.

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