Pharmaindustrie Die Glanzjahre sind vorbei

Der Pharmaindustrie in Deutschland steht 2004 auf Grund der Gesundheitsreform ein schwieriges Jahr ins Haus. Branchenexperten rechnen aber damit, dass die Zahl der Produkteinführungen wieder steigt.

Frankfurt - "Wir sehen ein Risiko, dass die Arzneimittelpreise in allen wichtigen Pharmamärkten durch wirtschaftliche und politische Faktoren weiter unter Druck stehen werden", prognostiziert das Bankhaus WestLB in seinem Ausblick 2004. "Die Gesundheitsreform wird 2004 alle börsengelisteten Pharmaunternehmen treffen, beim Umsatz etwa mit einem jeweils zweistelligen Millionenbetrag", schätzt Pharmaanalyst Karl-Heinz Scheunemann vom Bankhaus Metzler.

Unternehmen hatten auf die erwarteten Einbußen mit der Ankündigung von Schritten zur Kostensenkungen reagiert. Im Blickpunkt der Experten steht daher im kommenden Jahr auch, in wie weit die Maßnahmen die erwarteten Einbußen abfedern können.

Die Branche übt Kritik insbesondere an den geplanten Festpreisen, der Erhöhung der Zwangsrabatte für verschreibungspflichtige patentgeschützte Arzneimittel von derzeit sechs auf dann 16 Prozent. Dazu kommt der Ausschluss von rezeptfreien Arzneimitteln aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen. Deutsche Branchengrößen wie Boehringer Ingelheim, Altana , Merck  und Schering , Bayer und Schwarz Pharma  hatten bereits vor Millioneneinbußen durch die Reform gewarnt.

Deutsche fallen immer weiter zurück

"Für eine Mehrzahl der Unternehmen werden 2004 und 2005 eine Übergangszeit sein, in der die Ergebnisauswirkungen neuer Produktstarts sich in Form von Einführungskosten oder steigenden Forschungsausgaben zeigt", schreibt HVB-Analystin Isabella Zinck in ihrem Ausblick.

Einst noch als "Apotheke der Welt" bewundert, lagen in den vergangenen Jahren deutsche Konzerne bei der Einführung neuer Medikamente klar hinter den weltweit führenden US-Branchengrößen zurück. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass deutsche Unternehmen im Vergleich zu den vielfachen Umsatzmilliardären wie Pfizer  und Merck & Co nur einen Bruchteil der Forschungskosten der US-Größen stemmen können.

Nach Schätzungen der Ratingagentur Standard & Poor's haben die sechs größten deutschen Pharmakonzerne derzeit zusammen mehr als 50 Produktkandidaten in der zweiten oder dritten Phase der klinischen Entwicklung. "Schering und Merck sind mit insgesamt 33 Phase-II- und Phase-III-Medikamenten die produktivsten", urteilen die Ratingspezialisten. Angesichts der geringeren Größe im Vergleich zu den Branchengiganten entsprächen die Pipeline-Zahlen aber den Jahresumsätzen der deutschen Konzerne.

Bangen um Angeliqs Zukunft

Bangen um Angeliqs Zukunft

Zu den mit großen Erwartungen begleiteten neuen Medikamenten gehört etwa das Krebsmittel Erbitux der Darmstädter Merck-Gruppe. Das Mittel zur Behandlung gegen fortgeschrittenen Darmkrebs hatte unlängst in der Schweiz erstmals die Zulassung erhalten. Jährliche Spitzenumsätze von 250 bis 500 Millionen Euro werden dem Medikament zugetraut.

Noch höhere Umsatzhoffnungen werden an die Atemwegsmittel Alvesco und Daxas des Bad Homburger Wettbewerbers Altana geknüpft. Beide Mittel sollen einmal Spitzenumsätze von jeweils rund einer Milliarde Euro erwirtschaften. Für Alvesco wartet Altana zurzeit auf die Europa-Zulassung. Der Zulassungsantrag für Daxas soll in Europa im Februar eingereicht werden.

"Bei Schering ist die Frage: Wird das Hormonersatzpräparat Angeliq 2004 in den USA zugelassen? Im optimalen Fall könnte es sein, dass die US-Zulassung schon im ersten Halbjahr kommt," schätzt Pharmaexperte Scheunemann. Im Sommer hatten die europäischen Zulassungsbehörden den Weg für das Präparat freigemacht, das weltweit einmal jährliche Spitzenumsätze von 250 Millionen Euro einfahren soll.

Blockbuster für Bayer?

Da Angeliq bereits Ende vergangenen Jahres in den Niederlanden genehmigt wurde, war auch die europaweite Zulassung erwartet worden. In den USA hatte die US-Gesundheitsbehörde FDA im Oktober 2002 aber die Markteinführung zunächst untersagt.

Beim Leverkusener Bayer-Konzern steht 2004 insbesondere die Umsatzentwicklung des neuen Potenzmittels und Viagra-Konkurrenten Levitra im Fokus. Nachdem mit Cialis von Eli Lilly und Icos vor kurzem ein weiterer Wettbewerber die Marktzulassung für den lukrativen US-Markt erhalten hatte, erwarten Experten nun ein hartes Ringen um Marktanteile. Bayer zufolge hat Levitra das Potenzial ein Blockbuster mit Jahresumsätzen von mindestens einer Milliarde Euro zu werden.

Insgesamt stufen die Analysten des Bankhauses Sal. Oppenheim den Pharmasektor an der Börse derzeit in ihrer Sektorenbetrachtung mit "Neutral" ein. Für den Welt-Pharmamarkt erwarten die Experten 2004 ein Wachstum von sieben Prozent.

Nicola Leske und Frank Siebelt, Reuters

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