Wall Street Feierstimmung vor Thanksgiving

Mit dem Thanksgiving-Festessen am Donnerstag beschließen viele US-Investoren ihr Börsenjahr. Die verkürzte Handelswoche hat schon oft positive Überraschungen gebracht: Vor der Konjunktur-Datenflut am Mittwoch gehen Schnäppchenjäger in Position.

New York - Es ist das Fressen des Jahres. Rund 50 Millionen Truthähne, so prognostiziert die National Turkey Federation, werden die Amerikaner allein dieses Jahr zu Thanksgiving verschlingen. Thanksgiving, zu dem die Nation am Donnerstag zu Tisch bittet, ist nicht nur der größte Familienfeiertag der USA, sondern auch der wichtigste Bilanztag für die Acht-Milliarden-Dollar-Truthahnbranche.

Die Händler an der New York Stock Exchange (NYSE) dürften sich am Montag also nicht wundern, wenn sie plötzlich auf dem Balkon über dem Parkett einen Greis mit altmodischem Pilgervater-Hut stehen sehen, womöglich mit einem Truthahn im Arm. Der Greis ist Lonnie Bo Pilgrim (ja, so heißt er wirklich), 74, Multimillionär, Gründer und Vorstandschef von Pilgrim's Pride, dem größten börsennotierten US-Geflügelkonzern.

Truthahn-Konzern schluckt Konkurrenten

Mr. Pilgrim darf die Eröffnungsglocke der Börse läuten. Nicht nur, weil es die Thanksgiving-Woche ist. Sondern auch, weil sein Familienbetrieb, 1946 mit einem 2500-Dollar-Kredit gestartet, ein Rekordjahr hinter sich hat. 2,6 Milliarden Dollar hat Pilgrim's Pride im Geschäftsjahr 2003 umgesetzt, mehr als je zuvor. Zur Belohnung schluckt es jetzt die Hühnerabteilung des Konkurrenten ConAgra, vereinigte seine Stamm- und Vorzugsaktien und debütiert mit dem neuen Tickerzeichen PPC an der NYSE.

Ansonsten herrscht an der Börse alles andere als Festtagsstimmung. Alle drei bedeutenden Indizes schlossen die vergangene Woche mit einem Minus ab: der Dow bei 9628 Punkten, der S&P 500 bei 1035, der Nasdaq bei 1893. "Die Bullen stehen vor einer Prüfung ", berichtet Mark Fulton von Smith Barney. "Die Märkte sorgen sich." Und zwar wegen des Fondsskandals, der Rückkehr Washingtons zum Protektionismus (Handelsstreit an gleich zwei Fronten, Europa und China), und natürlich der Terrorgefahr.

Datenflut am Mittwoch

Verkürzte Handelswoche

Trübe Aussichten für eine verkürzte US-Börsenwoche, in der sich der Großteil der Anleger und Händler schon ab Mittwoch bis übers Wochenende zum heimatlichen Gelage abmeldet. "Dies ist eine der schlechtesten Wochen des Jahres, was die Börsenaktivität angeht", weiß Art Hogan von Jefferies & Co.

Obwohl, historisch gesehen, die zwei Tage um Thanksgiving oft ein Kurzzeit-Renner sind. Der "Stock Trader's Almanac" rät denn auch allen Truthahn-Freunden, einen Cold Turkey nach dem Feiertag folgendermaßen zu vermeiden: "Mittwoch einsteigen und bis Montag drin bleiben verbessert das Ergebnis immens."

Konjunktur-Datenflut am Mittwoch

Sozusagen als statistische Vorspeise serviert die Regierung am Tag vor Thanksgiving sage und schreibe sieben Berichte mit Konjunkturdaten, ein Jahresrekord für 2003. Darunter sind: Arbeitslosenzahlen, Verbraucherausgaben, Verbraucherstimmung, neue Hausbauten. Die Experten erwarten hier, dass sich die Indizien für einen kräftigen Aufschwung im vierten Quartal verstärken. "Der Impuls wächst", sagt Tim O'Neill von der Bank of Montreal.

Hinzu kommt am Dienstag eine aktualisierte Festlegung des Bruttoinlandsprodukts im dritten Quartal. Dessen Wachstum dürfte wahrscheinlich von 7,2 auf mindestens 7,7, wenn nicht acht Prozent nach oben korrigiert werden. Dies wäre das stärkste Wachstum seit dem Anfang 1984.

Anleger wollen "Turkeys" loswerden

Jahresziele in Dow und Nasdaq wackeln wieder

Trotzdem haben die Anleger wenig Lust, ihre bisherigen, flotten Jahresgewinne (15 Prozent im Dow, 41 Prozent im Nasdaq) weiter zu riskieren. Die noch im Oktober so optimistisch angepeilten Index-Rekordmarken - Dow 10.000, Nasdaq 2000 - sind deshalb wohl für den Rest dieses Jahres in weite Ferne gerückt.

2004, sagt zum Beispiel Todd Leone von SG Cowen (der sich zu den Bullen zählt), werde die 10.000er-Schwelle bestimmt fallen, "da ist noch viel Geld in petto". Doch vor Neujahr? "Da bin ich mir nicht mehr so sicher."

Schnell noch die "Turkeys" los werden

Das Conference Board, das regelmäßige Trend-Umfragen unter den US-Anlegern veranstaltet, hat dem ebenfalls nichts entgegen zu setzen. Zwar ist demnach die Zahl der Amerikaner, die das derzeitige Investment-Klima für schlecht halten, von 62 Prozent (im September 2002) auf 46 Prozent gefallen. Doch nur jeder Vierte plant, innerhalb der nächsten sechs Monate noch sein Geld an der Börse anzulegen.

Außerdem sei in diesen Zahlen der Schock des Fondsskandals noch gar nicht mit abzulesen, warnt Lynn Franco, die Forschungsleiterin des Conference Boards. "Die jüngste Skandalwelle könnte den Fortschritt des letzten Jahres nichtig machen."

Thanksgiving, der offizielle Beginn der Jahresend-Holidays (eine durchgehende Schlemm- und Kauforgie bis Silvester), ist auch anderweitig ein Börsenphänomen: Viele Investoren nehmen diesen Zeitpunkt zum Anlass, sich schnell noch von ihren "Turkeys" zu trennen, den Verliererwerten, um das steuerlich noch abschreiben zu können.

Warten auf "Januar-Effekt"

Michael Santoli von "Barron's" nennt diesen Mechanismus "kalte Füße, warme Herzen". Dies führe wiederum nach dem Jahreswechsel oft zum "Januar-Effekt", einem traditionellen Boom der Small Caps, bei dem die Börsianer die selben Aktien zurückkauften, die vor Weihnachten los geworden seien.

So finden sich die Turkeys diese Woche überall: an der Wall Street, auf dem Börsenbalkon und auf den Esstischen der Nation. "Amerikaner lieben Truthahn", erklärt die National Turkey Federation, "weil es ein Wohlfühl-Essen ist." Und das können die Börsianer in diesen Tagen sicher gebrauchen.

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