Samstag, 14. Dezember 2019

Lebensversicherer "Die Zeche zahlt der Steuerbürger"

Eichels Milliardengeschenke für kranke Lebensversicherer zahlt im Ergebnis der Steuerbürger, sagt Analyst Marco Metzler von Fitch Ratings. Widerstand dürfte sich auch bei Unternehmen regen, die ihre Verluste auf Aktienbestände bereits abgeschrieben haben.

mm.de:

Herr Metzler, Sie haben unlängst vor neuen Insolvenzen bei Lebensversicherern gewarnt. Finanzminister Eichel will nun Lebens- und Krankenversicherern bis zu zehn Milliarden Euro Steuernachzahlungen auf Aktienverluste erlassen. Ist die Branche damit aus dem Schneider?

Noch nicht über den Berg: Analyst Marco Metzler (Fitch Ratings) sieht trotz der Steuergeschenke noch einen enormen Kapitalbedarf der Lebensversicherer in Deutschland
Metzler: Nein, die Lebensversicherer sind mit dem Vorstoß noch lange nicht über den Berg. Damit wurde lediglich vermieden, dass es in näherer Zukunft weitere Protektor-Fälle in der Branche geben wird. Nach wie vor schlummern aber rund 16 Milliarden Euro stille Lasten in den Bilanzen der deutschen Lebensversicherer und rund eine Milliarde Euro bei den Krankenversicherern. Diese werden sich im Laufe des Jahres in den Bilanzen der Unternehmen niederschlagen und negativ auf die Ergebnisse auswirken.

mm.de: Wird das Gesetz durchkommen? Schließlich dürfte es die Neuverschuldung des Staates weiter in die Höhe treiben.

Metzler: Der Staat braucht in der jetzigen Haushaltslage zweifelsohne jeden Euro. Es hätte aber verheerende Auswirkungen, wenn die Versicherer diese Steuern nachzahlen müssten. Deshalb kann es nur im Sinne des Finanzplatzes Deutschland sein, dass dieses Gesetz durchkommt. Ob es gerecht ist, für die Versicherungsbranche eine Ausnahme zu machen und für andere Branchen nicht, das ist allerdings sehr fraglich. Doch die prekäre Lage der Versicherer zwingt die Politik dazu.

mm.de: Welche Unternehmen werden von der Regelung besonders profitieren?

Metzler: Soweit bekannt, sollen die Versicherer rückwirkend ab dem 1. Januar 2003 von dieser Reglung profitieren. Unternehmen, die zuvor reinen Tisch gemacht und alles abgeschrieben haben, sind jetzt die Dummen. Sie müssten dann trotzdem die Steuern zahlen.

mm.de: Werden diese Unternehmen das tolerieren?

Metzler: Damit wird die Branche natürlich gespalten. Ich glaube, dass sich die Gruppe jener Unternehmen, die in 2002 abgeschrieben hat, dagegen wehren wird.

mm.de: Werden Sie Ihre negativen Einschätzungen jetzt zumindest für einige Versicherer überarbeiten?

Metzler: Es gibt eine Reihe finanzstarker Lebensversicherer. Für sechs von ihnen haben wir sehr gute Ratings vergeben. Es ist aber noch nicht der Zeitpunkt, für die gesamte Branche Entwarnung zu geben. Wir müssen die weitere Entwicklung auf den Kapitalmärkten und auch die drohenden Abschreibungen aus den stillen Lasten abwarten.

Wir gehen weiter davon aus, dass den Lebensversicherern in Deutschland 45 bis 50 Milliarden Euro frisches Kapital fehlt, um die neuen Solvabilitätsvorschriften bis zum Jahre 2007 erfüllen zu können. Mit Blick auf den Protektor zeigen die Regelungen doch, dass man der Branche kein frisches Kapital zuführt. Bislang ist diese Auffanggesellschaft wesentlich über die Gelder der Versicherten finanziert.

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