Versicherer Weitere Pleiten in Sicht

Die Insolvenz der Mannheimer Leben wird kein Einzelfall bleiben. Einige Vertreter der Assekuranz-Branche halten entgegen ursprünlichen Aussagen ihres Verbandes weitere Pleiten für möglich. Im Zweifelsfall werden diese nur "kaschiert".

Hamburg - Ein lauter Aufschrei war durch die Versicherungsbranche gegangen, als die Ratingagentur Fitch in einer Aufsehen erregenden Studie erklärte, jedem dritten Lebensversicherer in Deutschland drohe das Aus. Nicht zuletzt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) wehrte sich vehement gegen diese düsteren Szenarien. Die Krise werde herbeigeredet. Der Fall der insolventen Mannheimer Leben sei ein Einzelfall und weitere Pleiten nicht zu erwarten. Doch mittlerweile sehen einzelne Branchenvertreter die Lage der Versicherer offenbar kritischer als der Verband selbst und prognostizieren weitere Unternehmensschließungen.

So rechnet etwa Michael Pickel, Vorstandsmitglied der Hannover Rückversicherung, noch mit "einige bösen Überraschungen" für die Branche. Verantwortlich macht der Experte dafür insbesondere hohe stille Lasten bei Wertpapieren und einen nach eigenen Aussagen enormen Nachreservierungsbedarf in der Schaden und Unfallversicherung.

Nach den jüngsten Erfahrungen mit der Mannheimer, die bekanntlich von der Protektor AG aufgefangen worden ist, will er sogar offene Pleiten nicht mehr ausschließen, erklärte Pickel während einer Veranstaltung des Deutschen Versicherungs-Schutzverbandes (DVS).

Zustimmung erhielt er in dieser Einschätzung von dem Vorstandschef der Axa Konzern AG, Claus-Michael Dill. Auch er erwartet in den kommenden zwei Jahren weitere Insolvenzen in der deutschen Assekuranzwirtschaft, ohne sich dabei explizit auf Lebensversicherer zu beziehen.

Fraglich sei seiner Meinung nach nur, ob diese Insolvenzen nun offen zutage treten oder ob sie - wie im Fall der Mannheimer - durch Auffanglösungen lediglich kaschiert werden. Der Widerspruch, den die Politik und die deutsche Finanzaufsicht (Bafin) gegen einen eindeutigen Marktaustritt der Mannheimer geleistet hätten, werde sich Dills Worten zufolge so wohl kaum wiederholen.

Mit "kaschierten Geschäftsaustritten" rechnet indes auch Axel Thies, Vorstandsmitglied der Allianz Versicherungs-AG. Seiner Überzeugung nach dürfte dies vor allem Schaden- und Unfallversicherer treffen. Mercer Oliver Wyman, ein Unternehmen für Finanzdienstleistungen und Risikomanagement, hält einer eigenen Studie zufolge insbesondere die Kapitalausstattung der deutschen Schaden- und Unfallversicherer für alarmierend. Ohne die Großen der Branche sei die Solvabilität kritisch.

Lebensversicherer: Konsolidierung setzt sich fort

Bei den Lebensversicherern, erklärte GDV-Chef Bernd Michaels unlängst im Inverview gegenüber manager-magazin.de, werde sich die Konsolidierung vielmehr durch Übernahmen und Fusionen fortsetzen, um so finanzielle Engpässe zu überwinden oder erst gar nicht aufkommen zu lassen. Freilich dürften auch in 2003 einige Lebensversicherer angesichts hoher stiller Lasten und Abschreibungsbedarf Probleme haben. Von einer finanziellen Krise der gesamten Branche könne aber keine Rede sein. Die Konsolidierung werde eher moderat ausfallen.

Das böse Erwachen kommt zum Jahresende

Das böse Erwachen kommt zum Jahresende

Hintergrund der nun erneut aufgeflammten Befürchtungen der Versicherungswirtschaft dürfte die Tatsache sein, dass Finanzminister Eichel entgegen früheren Aussagen gegenüber der Branche keine steuerrechtlichen Zugeständnisse mehr machen will. Um die Jahreswende 1999/2000 hatte die Bundesregierung verfügt, dass Konzerne ihre Gewinne aus Beteiligungsverkäufen nicht mehr versteuern müssen. Daraufhin waren die Kurse der Banken und Versicherer in die Höhe geschossen.

Angesichts zu jener Zeit noch steigender Aktienmärkte hatte die Finanzbranche allerdings verdrängt, dass mögliche Verluste auf Aktienbestände ab diesem Zeitpunkt beim Finanzamt nicht mehr von der Steuer abzusetzen sind. Als die Börsen in den Folgejahren steil abstürzten, war das Wehklagen insbesondere bei den Versicherern groß. Abschreibungen auf Aktienbestände rissen riesige Löcher in die Bilanz und drückten die Unternehmen in die Verlustzone.

Weitere Abschreibungen bedrohen die Versicherer

Über starken Druck des GDV erreichte die Branche insbesondere für die Lebens- und Krankenversicherer, dass sie die horrenden Verluste auf ihre Aktienbestände nicht sofort abschreiben mussten. Die in dem Paragraphen 341b Handelsgesetzbuch getroffene Regelung erlaubt, die Abschreibung für einen bestimmten Zeitraum zu verschieben, solange die Wertminderung als "nicht dauerhaft" anzusehen ist.

Was eine dauerhafte Wertminderung ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Bislang ist des dem GDV aber nicht gelungen, eine Verlängerung dieser Fristen in Berlin durchzusetzen. Auch wenn viele Lebensversicherer mittlerweile ihre Aktienbestände drastisch heruntergefahren haben und der Dax  seit seinen Tiefständen im März dieses Jahres rund 60 Prozent zugelegt hat, dürfte in der Tat mancher Versicherer zum Jahresende arg in die Klemme geraten. Jochen Sanio, Chef der deutschen Finanzaufsicht warnte unlängst davor, dass die Abschreibungen auf Aktienbestände "tiefe Spuren" in der Bilanz bei so manchen Versicherer hinterlassen werden.

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