Wall Street Gier besiegt Selbstkontrolle

Der Druck auf Börsenchef Richard Grasso nimmt zu. Händler bereiten eine Unterschriftenliste vor, um ihn abzusetzen. Der Imageschaden für die New Yorker Börse ist beträchtlich: Die so oft propagierte Selbstkontrolle hat kläglich versagt.

New York - Kommen 100 Unterschriften zusammen, müsste eine auf diesem Wege erzwungene außerordentliche Sitzung der NYSE und ihrer Mitglieder über Grassos Absetzung beraten. Es wäre das erste Mal seit 1976, dass ein NYSE-Chef vorzeitig seinen Hut nehmen müsste.

Zur Erinnerung: Nach amerikanischen Presseberichten hat sich Grasso seine Zusage, bis 2007 Chef der NYSE zu bleiben, angeblich mit der Forderung erkauft, dass rund 140 Millionen Dollar an bislang aufgelaufenen Pensionsbezügen und Boni auf einen Schlag ausgezahlt werden.

Dabei war der selbsternannte "Saubermann" in der Vergangenheit immer wieder gegen überzogene Gehälter bei Vorstandschefs börsennotierter Unternehmen zu Felde gezogen. Auf weitere 48 Millionen Dollar hat der 57-jährige in der vergangenen Wochen unter dem enormen Druck vor allem der amerikanischen Presse verzichtet.

Vorstand großzügig versorgt

Kurz nach den ersten Berichten vor etwa zwei Wochen über die exorbitanten Zahlungen hatte sich der Chef der amerikanischen Börsenaufsicht SEC, William Donaldson, eingeschaltet und in einem geharnischten Brief an Grasso mehr Details über seine Entlohnung gefordert. Donaldson war Vorgänger Grassos an der NYSE. Zugleich haben Investoren und Mitgliedsfirmen scharfe Kritik an den hohen Gehaltszahlungen des Börsenchefs geübt.

Grasso scheint kein Einzelfall zu sein. So berichtet die Süddeutsche Zeitung am Montag, dass sich auch andere Mitglieder des NYSE-Vorstands mit großzügigen Gehältern und Bonuszahlungen versorgt hätten. So sollen Grassos Stellvertreter Catherine Kinney und Robert Britz jeweils rund drei Millionen Dollar kassiert haben.

Keine aktive Rolle im Gehaltspoker?

Grasso selbst hat zuletzt am vergangenen Freitag den Unwissenden gemimt: Er habe nie etwas mit der Festlegung seines Gehaltes zu tun gehabt. Das Ausmaß seiner Entlohnung sei ihm vielmehr jedes Jahr präsentiert worden. Darüber hätte es nie irgendwelche Rücksprachen oder Verhandlungen mit dem Gehaltsausschuss der Börse gegeben. Dass die Summen so hoch ausgefallen seien, könne man ihm nun nicht zum Vorwurf machen.

Sitzungsprotokolle weisen dagegen nach US-Presseberichten dem Börsenchef indes eine aktive Rolle bei seiner Gehaltsgestaltung zu. Auch an der Bestimmung von Bonuszahlungen für andere Mitarbeiter der Börse soll er mitgewirkt haben.

Ahnungslos haben sich überraschenderweise auch die Aufsichtsratsmitglieder der Börse gezeigt. Sie seien über die Zahlungen an Grasso nicht ausreichend informiert worden. Die NYSE, die ihren Mitgliedern gehört, behauptet nach Medienberichten dagegen, das 27 Köpfe zählende Board habe die Zahlungen sogar unterstützt.

Aufsichtsrat im Visier

In diesem Zusammenhang sei mittlerweile auch der Aufsichtsrat selbst wegen seiner finanziellen Verbindungen zwischen einigen seiner Mitglieder und der Börse in ein schiefes Licht geraten, berichtet die FTD. Firmen, an denen die NYSE mehrheitlich beteiligt ist, spendeten dem Bericht zufolge Geld an wohltätige Organisationen, die mit Mitgliedern des so genannten Kompensationsausschusses des Aufsichtsrates verbunden seien. Und eben dieser Ausschuss habe Grassos üppige Bezahlung abgesegnet.

Der Council for Institutional Investors (CII) hatte diese Spendenzahlungen unlängst aufgedeckt. Die CII vertritt die Interessen von 130 Pensionsfonds, die insgesamt rund zwei Billionen Dollar verwalten.

Grassos "verdeckte Gegenleistung"

"Verdeckte Gegenleistung"

Bereits in der vergangenen Woche hat ein Kommentator des Wall Street Journal gemutmaßt, ob nicht womöglich Interessenkonflikte zu den enormen Gehaltszahlungen geführt haben könnten. "Das Gehaltspaket riecht nach einer verdeckten Gegenleistung", schrieb Jesse Eisinger. Bewiesen ist indes nichts.

Für Sarah Teslik, Direktorin des Council for Institutional Investors (CII), liegt der Fall dagegen klar auf der Hand. "Die Börse gehört praktisch den Leuten, die sie beaufsichtigen soll. Da bietet es sich an, den Polizisten zu schmieren", zitiert die Neue Züricher Zeitung (NZZ) die CII-Chefin. Ihrer Ansicht nach hätte Grasso leichtes Spiel, gehabt, den Kompensationsausschuss willfährig zu machen.

"Zwölf Mitglieder kommen aus dem Kreis der NYSE-Mitglieder. Sie verdienen ihr Geld mit dem Handel und wollen keinen Ärger mit dem Regulierer Grasso. Zwölf weitere müssen unabhängige Personen sein." Doch diese Kandidaten schlage eben Grasso vor. Diese Leute verdankten also ihren gut dotierten Nebenjob dem Börsenchef. Eine derartige Organisation könne nur unzureichend die Interessen der Anleger schützen, kritisiert Teslik.

Raffgier beim Chefverkäufer

Grassos Leistungen als Chefverkäufer der New Yorker Börse stellen die Medien nicht in Frage. Besorgniserregend sei aber das "Ausmaß der Raffgier". Die "New York Post" etwa bezeichnet Grasso als "gierigsten Mann in New York". Sein Fall mache deutlich, dass die viel gelobte Selbstkontrolle der Börse kläglich versagt habe, heißt es.

Diese Ansicht wird auch von wissenschaftlicher Seite gestützt. Die NYSE-Führung habe das Gefühl und den Blick für die Realität verloren. Die Kriterien für Bonuszahlungen seien im höchsten Maße subjektiv, erklärte unlängst Professor Henry Hu, Professor für Unternehmensführung an der Universität Texas dem Wall Street Journal. Andere Kritiker bezeichneten die NYSE gar als kaum zu durchschauenden Selbstbedienungsladen.

Ruf nach Reform - Nasdaq als Vorbild

Ruf nach Reformen - Nasdaq als Vorbild

Vor diesem Hintergrund ist in den vergangenen Tagen der Ruf nach Reformen an der NYSE laut geworden. Das Prinzip der Selbstregulierung müsste zur Diskussion gestellt werden. Anstatt dessen sei auch eine Art zentrale Aufsicht für alle Börsen möglich.

Kritiker fordern schon länger eine Trennung zwischen dem Handelsplatz NYSE und der Aufsicht. Zum Beispiel nach dem Vorbild der US-Technologiebörse Nasdaq. Hier hatte man sich nach unzulässigen Absprachen zwischen den Marktmachern entschlossen, die NASD als Aufsichtsorgan abzuspalten.

Die Aufsicht der NYSE will sich in dieser Woche mit dem SEC-Chef Donaldson treffen. Donaldson hat bereits im Vorfeld dieses Treffens durchblicken lassen, dass die NYSE mindestens ebenso strengen Kriterien der Unternehmensführung gerecht werden müsse wie private Unternehmen. Auch der US-Kongress wird sich mit dem Thema beschäftigen. "Die Luft für Grasso wird dünner. Es gibt große Zweifel, dass er noch im Amt bleiben kann", zitiert die Süddeutsche Zeitung einen Wall Street Banker.

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