Ratingagenturen Kapitalmarkt-Wächter in der Kritik

DAI-Chef Rüdiger von Rosen fordert eine stärkere Kontrolle von Standard & Poor's und Moody's. Die Dominanz der US-Agenturen müsse gebrochen werden, zudem bräuchten Unternehmen eine Schiedsstelle.

Frankfurt am Main - Nach umstrittenen Bonitätsherunterstufungen in den vergangenen Monaten fordert der Chef des Deutschen Aktieninstitutes (DAI), Rüdiger von Rosen, eine stärkere Kontrolle der Ratingagenturen. Angesichts der Machtfülle der zwei führenden Agenturen sollten Unternehmen die Möglichkeit haben, eine Schiedsstelle anzurufen.

"Die Agenturen müssen sich gefallen lassen, dass ihre Ratingmethoden hinterfragt werden", sagte Rosen am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters. Zumindest in der Vergangenheit seien einige Bewertungen der Kreditwürdigkeit von Firmen zu wenig nachvollziehbar gewesen.

Ende August hatte die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) das Rating der Münchener Rück  zurückgenommen. Im Februar hatte S&P ThyssenKrupp  wegen ihrer Pensionsrückstellungen gleich um zwei Stufen auf den so genannten Ramsch-Status gesenkt, was zu einem deutlichen Kursrückgang bei Aktien und Anleihen des Konzerns geführt hatte. Beide Rating-Entscheidungen waren bei den Unternehmen auf heftige Kritik gestoßen und hatten unter Fachleuten zu Diskussionen um die Aufgaben und Verantwortung von Ratingagenturen geführt.

Ein Rating misst die Fähigkeit eines Schuldners, seinen laufenden Verpflichtungen nachzukommen. Eine schlechtere Einschätzung der Kreditwürdigkeit erhöht meist die Refinanzierungskosten und wirkt dadurch als Wettbewerbsnachteil.

Rosen fordert Einrichtung einer Schiedsstelle '

Rosen forderte Ratingagenturen und Unternehmen auf, eine Schiedsstelle zur Klärung von Meinungsverschiedenheiten auf privatrechtlicher Basis einzurichten. Erst wenn hier keine Einigkeit erzielt würde, sollten sich die Unternehmen an eine staatliche Institution wenden können, um sich gegen ein Rating zu wehren.

In Frage käme hier die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) oder eine Institution auf EU-Ebene. "Auf jeden Fall müsste eine solche staatliche Stelle die Möglichkeit haben, Sanktionen zu verhängen", sagte der DAI-Chef.

Rosen: US-Ratingagenturen zu dominant

Rosen kritisierte zudem die Dominanz amerikanischer Agenturen. "Wir brauchen eine stärkere europäische Komponente", sagte er. Einerseits würde eine solche Einrichtung mehr Verständnis für die europäischen Kapitalmärkte haben. "Andererseits benötigen wir dringend mehr Wettbewerb auf dem Ratingmarkt."

Derzeit werden rund 80 Prozent des Rating-Weltmarktes von den beiden US-Agenturen S&P und Moody's abgedeckt. Die französische Agentur Fitch hat einen Marktanteil von rund 15 Prozent. BaFin-Präsident Jochen Sanio hatte die Ratingagenturen im Juni als die "größte unkontrollierte Machtstruktur im Weltfinanzsystem" bezeichnet.

Auch der finanzpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Michael Meister (CDU), fordert ein stärkeres europäisches Gegengewicht zur US-Rating-Dominanz. Er würde "ein Korrektiv auf europäischer Ebene für sinnvoll halten", sagte Meister dem Handelsblatt (Mittwochsausgabe). Deshalb sollte die deutsche Regierung in der EU initiativ werden, um die Gründung einer europäischen Ratingagentur voranzubringen.

Klaus Wille, Reuters

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.