Versicherer "Die Lasten müssen alle tragen"

Das Investment der Versicherer in die Protektor AG ist nicht ohne Risiko, aber auch kein verlorener Zuschuss, sagt Vorstand Günter Bost. Im Exklusiv-Interview mit manager-magazin.de verteidigt er die Auffanggesellschaft gegen Kritik und Zweifler.

mm.de:

Herr Bost, wie viel Geld hat der Protektor bislang einsammeln können?

Bost: Bisher verfügt der Protektor über das voll eingezahlte Grundkapital von 3,2 Millionen Euro.

mm.de: Um die Geschäfte der ehemaligen Mannheimer Leben fortzuführen, bedarf es mindestens 340 Millionen Euro. Sind Sie optimistisch, dass das Geld zusammenkommt?

Bost: Selbstverständlich. Das hat indes auch wenig mit Optimismus zu tun. Es gibt eine Verpflichtungserklärung der Gesellschafter. Diese Erklärung haben mittlerweile alle unterschrieben. Insofern sehe ich keine Veranlassung, warum sich die Unternehmen dem entziehen sollten. Die Zahl von 340 Millionen möchte ich indes noch nicht bestätigen.

mm.de: Der Chef der Hamburg-Mannheimer hatte in der zweiten August-Woche erklärt, das Unternehmen habe die Nachschussverpflichtung noch nicht unterschrieben. Wie erklären Sie sich diese Zurückhaltung?

Bost: Ich kann mich da nur wiederholen. Alle Mitglieder des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) sind auch Mitglied von Protektor und haben die Verpflichtung unterzeichnet. Die in den Medien zitierte Aussage des Vorstands der Hamburg-Mannheimer kann sich nur auf den tatsächlichen Nachschuss beziehen, der noch gar nicht angefordert worden ist. Wir können das Geld übrigens auch erst dann einfordern, wenn der Vertrag zwischen Mannheimer und Protektor endgültig unterschrieben ist und die genaue Höhe der Mittel zur Sanierung der Mannheimer Leben feststeht.

mm.de: Die Aufgabe von Protektor ist es auch, Vertrauen zu schaffen. Warum legt der GDV nicht den Inhalt der privatrechtlich abzuschließenden Nachschussverpflichtungen offen? Die Sicherungsfonds der Banken geben hier ein gutes Beispiel.

Bost: Bei den Sicherungsfonds der deutschen Banken handelt es sich um ein eigenständiges Institut. Protektor wiederum ist eine ganz normale Lebensversicherung. Das heißt, alle Regularien sind festgeschrieben, zum Beispiel im Aufsichtsgesetz. Deshalb brauchen wir nichts neu regeln. Wir müssen lediglich sicherstellen, dass die Unternehmen die Beträge, die zur Auffüllung von Deckungslücken erforderlich sind, auch zur Verfügung stellen - mehr aber auch nicht. Das ist eine völlig andere Situation als bei den Banken. Protektor ist eine Lebensversicherung. Punkt.

Wer trägt die Last?

mm.de: Einerseits will man die Versicherungswirtschaft nicht zu sehr belasten, andererseits müssen Protektor ausreichend Deckungsmittel zur Verfügung stehen. Wie will man dieses Dilemma lösen?

Bost: Die Gesellschafter möglichst wenig zu belasten heißt, dass man sich alle möglichen Finanzierungsmittel überlegt, welche die Mitglieder schonen. Eine Überdotierung der Mannheimer streben wir nicht an. Es kann also nicht sein, dass allein die Branche zahlt und es den ehemaligen Mannheimer-Versicherten exzellent geht - vielleicht exzellenter als den eigenen Kunden. Es kann andererseits nicht sein, dass die Versicherungsnehmer das Problem allein bewältigen sollen. Dann bräuchte man keinen Protektor. Bei dem vorliegenden Sanierungsfall müssen alle an den Lasten ausgewogen beteiligt werden.

mm.de: Sie äußerten einmal, dass die Versicherungsgesellschaften das Kapital für den Protektor vermutlich aus freien Mitteln aufbringen oder ihren eigenen Deckungsstock belasten könnten. Im letzten Fall werden damit Kundengelder verwendet, monieren Juristen und halten das für rechtswidrig. Teilen Sie diese Auffassung?

Bost: In dem Fernsehbeitrag des ARD-Verbrauchermagazins "Plusminus" bin ich verkürzt und sinnwidrig wiedergegeben worden. Ich möchte in diese Diskussion nicht noch mal vertieft einsteigen. Die Frage, wie die Unternehmen die Mittel für die Beteiligung aufbringen, also aus dem Deckungsstock oder nicht, diese Frage führt meiner Ansicht nach auch in die Irre. Wichtig ist doch vielmehr die Frage, ist das ein verlorener Zuschuss oder hat die Beteiligung einen Wert?

mm.de: Könnte sich eine Beteiligung an der Protektor AG nun als verlorener Zuschuss erweisen?

Bost: Nein, das sehe ich nicht. Unzweifelhaft hat die Einlage der Unternehmen in die Protektor AG mit ihrem Policenbestand einen Wert. Ich sage andererseits nicht, dass damit nicht eine gewisse Risikoprämie verbunden ist.

mm.de: Wann werden die Unternehmen ihr Investment wieder herausbekommen?

Bost: Das ist sehr schwer zu beurteilen. Im Versicherungsbereich kann man nicht von zwei oder fünf Jahren sprechen, sondern muss mit Zeiträumen rechnen, die auch der Langfristigkeit der Verträge entsprechen. Andernfalls dürfte man sich nicht an einem Lebensversicherer beteiligen. Kurzfristig lassen sich in diesem Bereich keine großen Erträge erwirtschaften.

Greift der Gesetzgeber ein?

mm.de: Die deutsche Finanzaufsicht strebt nicht nur wegen der durchaus umstrittenen Finanzierung, sondern auch angesichts der europäischen und wettbewerbsrechtlichen Dimension von Protektor an, künftige Auffanglösungen auf ein gesetzliches Fundament zu stellen. Unterstützen Sie dieses Vorhaben?

Bost: Mit ihren Überlegungen stellt die Finanzaufsicht den Protektor nicht infrage. Ich glaube vielmehr, dass die BaFin die Protektorlösung sogar als vorbildlich für Europa sieht. Denn eine derartige Lösung, die Versicherungsverträge fortführt in einem sicher geregelten aufsichtsrechtlichen Rahmen, so eine Lösung gibt es noch nicht.

Wir sollten aber darüber nachdenken, ob sich bei einer möglichen weiteren Schieflage eines Lebensversicherers - für die es allerdings derzeit keine konkreten Anhaltspunkte gibt - die Dinge in Zukunft nicht etwas eleganter gestalten lassen. Hier muss man genau analysieren, ob auch der Gesetzgeber insbesondere beim Überleitungsprozess eines Not leidenden Versicherers Hilfestellung leisten kann. Denn hier gab es im Fall Mannheimer gewisse Hürden und Schwierigkeiten, die nicht leicht zu überwinden waren. Um es noch einmal deutlich zu sagen: Es geht nicht darum, dass Protektor durch eine andere Institution oder Lösung ersetzt werden soll, ganz im Gegenteil ...

mm.de: ... aber zum Mindesten gesetzlich manifestiert werden sollte.

Bost: Was meinen Sie damit?

mm.de: Dass etwa nicht nur die Überleitung im Insolvenzfall eines Versicherers genau geregelt ist, sondern auch die Finanzierung des Protektor eindeutig in Gesetzesform gefasst und damit verbindlich für alle Beteiligten wird.

Bost: Das sehe ich nicht unbedingt als das größte Problem an. Man sollte versuchen zu verstehen, dass Protektor keine neue Institution ist. Sie ist ganz klar als Lebensversicherer definiert, wenn der Bestand einmal übertragen ist. Aber bis dahin gibt es eine ganze Reihe von Fragen zu klären. Dies kann per Gesetz womöglich besser gelingen, um den Übergang zu erleichtern.

mm.de: Presseberichten zufolge werden Sie nach der Übertragung des gesamten Versicherungsbestands der Mannheimer Leben an Protektor von Ihrer Vorstandsposition zurücktreten. Hätte es Sie als Gründungsmanager nicht gereizt, an einem für die gesamte Branche so wichtigen Projekt weiter mitzuwirken?

Bost: Das ist auch durch meine Funktion als GDV-Geschäftsführer im Bereich Lebensversicherung gewährleistet. Für das operative Geschäft braucht Protektor Vorstände, und das wird sichergestellt. Ob ich meinen Vorstandsposten aufgeben werde, ist noch offen. Wenn die Überleitung gänzlich abgeschlossen ist, werde ich mich allerdings wieder ganz vorrangig um meinen Job beim GDV kümmern.

mm.de: Die Doppelbelastung dürfte recht hoch sein. Werden Sie erneut zu Hilfe eilen, sollte ein Lebensversicherer wieder in Not geraten?

Bost: Diese Frage stellt sich manchmal nicht. Beide Tätigkeiten sind außerordentlich interessant. Ich möchte meine Erfahrungen bei Protektor auch nicht missen. Ich hoffe, dass ich ein bisschen dazu beitragen konnte, dass diese Überleitung funktioniert und sie vom Markt auch angenommen wird. Dafür lohnt es, sich jederzeit zu engagieren.