Die Trinkaus-Kolumne Tech-Bullen vor dem Kreislaufkollaps

Wer zum Jahresanfang nicht eingestiegen ist und den jüngsten Aufschwung verpaßt hat, der kann sich trösten: Der Trend hat deutlich an Dynamik verloren und es wird vielleicht sogar noch eine zweite Chance geben.
Von Klaus Lüpertz

Vom Jahresbeginn an bis heute konnte mit Technologieaktien Geld verdient werden, viel Geld sogar, wenn man die richtigen Titel hatte. In den letzten Wochen erreichten mich nach und nach immer mehr Nachrichten aus dem Sektor selber, die recht viel versprechend klangen.

Die Absatzzahlen für Mobiltelefone erreichten im zweiten Quartal dieses Jahres mit 102 Mio. ein Niveau, dass nur die wenigsten Marktbeobachter zu Jahresbeginn für möglich hielten. Als Reaktion darauf, wurden die Absatzschätzungen nach oben revidiert und die Gewinnerwartungen ebenfalls heraufgeschraubt.

Gründe für das kollektive Hochsetzen waren schnell gefunden: SARS sei keine langfristige Gefahr mehr für den asiatischen Markt, in Europa erfreuten sich Farbdisplays großer und steigender Beliebtheit, MMS entwickele sich mit guten Zuwachsraten und so weiter. Die Welt der Handys ist wieder in Ordnung, oder?

PC-Absatz ist wieder angelaufen

Die Chipindustrie sang unter Leitung des Branchenverbandes SIA das hohe Lied der Hoffnung. Die Lager seien leer, die Nachfrage ziehe an ... so stand zu lesen. Tatsächlich war der globale Absatz im zweiten Quartal auf 37,6 Milliarden Dollar angesprungen, ein Plus von über 10 Prozent!

Dieses Wachstum könne sogar auch im weiteren Jahresverlauf erreicht werden. Doch mit welch schwachen Zahlen vergleicht man da! Zweifelsohne ist der PC-Absatz wieder angelaufen. Das ist für die Halbleiter deshalb so wichtig, weil diese Subbranche ein Großabnehmer ist. Außerdem besteht die Möglichkeit, dass die DRAM-Preise noch etwas klettern können. Somit also auch "klar Schiff" für Semiconductor?

Wie ist das Verhalten der Fonds einzuschätzen?

Dazu kommt, dass viele der Fonds, die zu Zeiten des Hightech-Booms herausragende Kursgewinne gezeigt hatten und in der nachfolgenden Flaute böse abgestürzt waren, mittlerweile wieder mit guten Schlagzeilen von sich reden machen. Also haben auch die institutionellen Anleger wieder die Zeichen der Zeit erkannt und sind ganz vorne mit dabei?

Mir kommen bei so vielen positiven Punkten ernsthafte Zweifel. Natürlich sind viele Mobiltelefone verkauft worden. Zweifellos hat die Chipbranche ein gutes erstes Halbjahr hinter sich mit durchaus ansprechenden Aussichten. Folgerichtig sind auch die Fonds im Wert gestiegen. Aber die Gretchenfrage lautet: Ist all das nicht bereits in den Kursen enthalten?

Zuviel Euphorie im Spiel

Kaum positive Überraschungen in der Berichtssaison

Es gab in der Berichtssaison seitens der Tech-Unternehmen kaum positive Überraschungen - Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Das heißt nichts anderes als: Diese Trends, die momentan in den Medien so bejubelt werden, sind alle seit Monaten erwartet worden.

Es sind keine "News" mehr im engeren Sinne des Wortes, sondern es sind vielmehr die erhofften Bestätigungen der eigenen Annahmen. Die bloße Erfüllung von Prognosen war in den letzten Wochen aber kein Nährboden für weiter steigende Kurse, dafür hätte es schon einiger positiver Überraschungen bedurft.

Alles nur ein "Sommerloch-Thema"?

Ich glaube vielmehr, dass das jährliche Sommerloch wieder "zugeschlagen" hat und aktuell die Tech-Aktien ein gern genommenes Thema sind. Nun ist es wahrlich nicht so, dass ich etwas gegen eine ausführliche Berichterstattung aus diesem Sektor hätte, schließlich gilt doch für jeden von uns: "Never bite the hand that feeds you". Aber: Ich werde das Gefühl nicht los, dass deutlich zuviel Euphorie verbreitet wird.

So könnte es durchaus passieren, dass der dynamische Tech-Bulle, der uns seit Jahresanfang viel Spaß gemacht hat, ins Sommerloch tritt und strauchelt. Deshalb: Treiben Sie den Bullen nicht zum Kollaps, sondern warten Sie lieber ab, was sich in den nächsten Wochen und Monaten tut.

Wer zum Jahresanfang nicht eingestiegen ist und den letzten Aufschwung verpaßt hat, der kann sich trösten: Der Trend hat deutlich an Dynamik verloren und es wird vielleicht sogar noch eine zweite Chance geben.

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