Euro Zarte Grüße an Duisenberg

Kanzler Schröder hat sich besorgt über den Euro-Kurs geäußert und indirekt die EZB zu einer Zinssenkung aufgefordert. Analysten kritisieren den Vorstoß als ärgerlich und unnötig.

London/Berlin - Bundeskanzler Gerhard Schröder hat sich besorgt über die derzeitige Stärke des Euros geäußert und die EZB indirekt zum Gegensteuern auf den Devisenmärkten aufgerufen. Der "Financial Times" (Freitagausgabe) sagte Schröder, die durch die Euro-Stärke ausgelöste Verteuerung deutscher und europäischer Produkte auf dem Weltmarkt bremse das Wirtschaftswachstum in der Eurozone.

Die Währungshüter in Frankfurt am Main lehnten jede Stellungnahme zu den Äußerungen Schröders ab. Analysten sprachen von einer "ärgerlichen Einmischung" in die Arbeit der EZB.

"Ich gehe davon aus, dass die klugen Menschen in der Europäischen Zentralbank jeden Tag diskutieren, ob sie im Rahmen des Euro-Dollar-Wechselkurses genug tun, um die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Exporte zu erhalten", zitierte die Zeitung den Kanzler. Exportfirmen in Deutschland und anderen europäischen Ländern litten unter dem starken Euro, sagte Schröder weiter.

Mehr Schlagzeile als Nachricht

Ein Regierungssprecher wollte sich auf Anfrage nicht dazu äußern, ob die Interpretation der Zeitung richtig sei, dass Schröder die EZB damit indirekt zu einer Intervention an den Devisenmärkten aufgefordert habe.

An den Devisenmärkten hatte die Meldung anfangs einen kleinen Kursrutsch des Euro ausgelöst, im weiteren Verlauf beruhigten sich die Gemüter jedoch wieder. "Die Schlagzeile hatte ziemliche Auswirkungen, aber wenn man die Geschichte liest, hat Schröder die EZB nicht direkt zu einer Devisenintervention aufgefordert", sagte Tohru Sasaki von JP Morgan Chase.

EZB hält an Zinsniveau fest

Der Euro hatte Ende Mai mit Kursen über 1,19 Dollar ein Allzeithoch erreicht, hat aber seither angesichts von Hoffnungen auf eine Belebung der US-Konjunktur kontinuierlich an Wert verloren. Am Freitagmittag notierte die Gemeinschaftswährung bei 1,1320 Dollar.

Die EZB hatte am Donnerstag entschieden, ihren Leitzins auf dem historischen Tief von zwei Prozent zu belassen. "Ich kann nicht vorhersagen, wie lange wir auf diesem Kurs bleiben, aber ich würde erwarten, dass es für einen beträchtlichen Zeitraum gilt", hatte EZB-Chef Wim Duisenberg gesagt und die Geldpolitik mit Blick auf die Aussichten für die Preisstabilität als angemessen bezeichnet.

Die EZB gehe von einer sehr langsamen konjunkturellen Erholung im zweiten Halbjahr und von einer Beschleunigung 2004 aus. Doch auch im kommenden Jahr werde das Wachstum nur schrittweise zulegen. Das niedrige Zinsniveau stützt Duisenberg zufolge die Konjunktur und schirmt sie gegen Risiken ab.

"Er macht Politik über die Medien"

Schröders Vorstoß stößt bei Analysten auf Kritik

Devisenexperten haben in einer ersten Reaktion die Äußerungen vom Bundeskanzler kritisiert. "Es ist sicherlich löblich, dass sich Schröder um das Wohl und Wehe der europäischen Exportindustrie Gedanken macht. Offensichtlich ist ihm dann jedoch die Importindustrie weniger wichtig", sagte Chefanalyst Folker Hellmeyer von der Bremer Landesbank im Morgenkommentar des Bankhauses.

Hellmeyer verwies zudem darauf, dass die meisten Exportunternehmen gleichzeitig Importeure von Rohstoffen und Halbfertigprodukten seien und damit von der Euro-Stärke profitierten.

"Schröder sollte sich nicht einmischen"

Devisenexpertin Antje Praefcke von der Landesbank Hessen Thüringen (Helaba) meinte zu der von Schröder getroffenen Bemerkung: "Die Tiefsinnigkeit, die hinter einer solchen Aussage steckt, wollen wir nicht weiter kommentieren", heißt es in einer Kurzstudie der Bank.

Johannes Reich, Chefanalyst vom Bankhaus Metzler, kritisierte im Gespräch mit manager-magazin.de den Versuch des Bundeskanzlers, sich in die Geschäfte der EZB einzumischen. Die Europäische Zentralbank sei aus gutem Grund autonom, und Schröder habe sich nicht in ihre Politik einzumischen.

Vorwurf: Schröder macht Politik über die Medien

Reich weiter: "Er macht Politik über die Medien und wittert erneut seine Chance, über die Medien wieder stärker als der Macher zu gelten. Es ist schon auffällig, mit welcher Eifrigkeit und Chuzpe der Kanzler hier medienwirksam agiert."

Natürlich habe Schröder Motive. Es stelle sich aber die Frage, ob diese der Sache wirklich nützten und letztlich auch "ehrenvoll" seien. Aus Sicht eines Marktbeobachters seien diese Versuche der Einmischung immer wieder ärgerlich, weil Schröder oder Andere aus durchsichtigen Motiven damit ordnungspolitische Rahmenbedingungen schlichtweg negierten.

Zu Recht habe Duisenberg den Regierungschefs jüngst bei seinem vermutlich letzten Auftritt vor dem Europaparlament zu verstehen gegeben, dass die EZB ihren Beitrag zu mehr Wachstum und Beschäftigung geleistet habe und nun die jeweiligen Regierungen am Zuge seien, den Reformprozess voranzutreiben, konstatiert Reich. Der EZB könne man beim besten Willen nicht vorwerfen, am Markt vorbei zu agieren und es stehe der Politik jedenfalls nicht an, diese Aufgabenteilung zu torpedieren.

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