Märkte Jetzt müssen Zahlen sprechen

Genug der Vorschusslorbeeren - jetzt müssen Zahlen sprechen. In den USA läutet heute der Aluminium-Riese Alcoa die Berichtssaison ein. Für den weiteren Verlauf des Zahlenreigens zeigen sich die Börsianer optimistisch. Kann der Dax davon profitieren? Sollte er, doch Merrill Lynch gießt Wasser in den Wein.

Hamburg - Die Grantler sterben nie aus. Da schießt der Dax  auf Jahreshoch, erwarten Analysten immerhin im Schnitt acht Prozent Gewinnzuwachs bei den Top-30-Konzernen in Deutschland im zweiten Quartal - doch "Deutschland drohen immer noch japanische Verhältnisse". So sieht es die US-Investmentbank Merrill Lynch. Nicht, dass wir an dieser Stelle die Weitsicht der Experten in Zweifel stellen wollten. Nein. Aber, muss es denn gerade jetzt sein?

Jetzt, wo doch gerade das zarte Reformpflänzchen gedeihen könnte, wo doch gerade jetzt die geschundene deutsche Börsianerseele ein wenig den Balsam steigender Kurse zu spüren beginnt? Aber nichts da. Der Höhenflug am deutschen Aktienmarkt könne nicht die Parallelen zu Japan vertuschen - im Gegenteil.

Die Experten erklären, dass auch Japans Aktienmarkt vor rund einer Dekade angesichts deutlicher steuerpolitischer Signale nahezu um 50 Prozent zugelegt hatte. Auch damalige Wechselbeziehungen von Anleihen, Aktien und Devisen im Land der aufgehenden Sonne glichen in "erstaunlicher Weise" dem gegenwärtigen Bild in Deutschland. Es stünde zu befürchten, zitiert die FAZ am Dienstag aus der Studie, dass sich der Dax noch auf Jahre hinaus in einer ähnlichen Bandbreite bewegen könne wie der Nikkei - bei weiter fallenden Zinsen.

Doch eine Hoffnung bleibt uns. Die Politik muss es anfassen. Wenn sie ihren Reformabsichten auch tatsächlich Taten folgen lasse und eine auf Konjunkturbelebung abzielende Politik auch die deflationären Folgen der Reformen auszugleichen im Stande ist - ja dann könnte es klappen. Der Beweis, dass sich Deutschland auf dem richtigen Weg befindet, sei erst erbracht, wenn die Abwärtsspirale von sinkenden Zinsen und Preisen ein Ende findet, wenn Kreditvergabe und Investitionen zunehmen und niedrige Zinsen sich eher positiv auf Aktien der Finanzbranche auswirken.

Wir wissen natürlich nicht, was EZB-Chef Duisenberg in seiner verbleibenden Amtszeit noch an Überraschungen parat hat, was Frau Meier zu konsumieren oder Unternehmer Müller zu investieren bereit ist, wenn ihn seine Bank denn keinen Strich durch die Rechnung macht. Wir können aber beobachten, dass harte Widerstände im Blockade- und Verbände-Staat Deutschland zusehends aufweichen. Es besteht begründete Hoffnung, dass etwa die IG Metall zur Vernunft und zu einem auf Kooperation basierenden Neuanfang kommt. Und mag auch die CDU/CSU ihren steuerpolitischen Konflikt vorerst nur aus rein strategischen Erwägungen begraben haben, besteht doch auch hier Hoffnung, dass die Union bei der vorgezogenen Steuerreform letztlich mitzieht.

Es wird nicht zum Schaden der Konjunktur sein, sollte der Bürger am Monatsende mehr Geld in der Tasche behalten. Irgendwann wird er es ausgeben - vielleicht sogar für Aktien. Mögen es derzeit auch vornehmlich institutionelle Investoren sein, die derzeit die Märkte hochtreiben. Ihr Geld beziehen große Fondsgesellschaften aber eben auch von privaten Anlegern. Die Kauflaune an den Börsen scheint allen Zweifeln zum Trotz ungebrochen.

An der Wall Street ging der Dow Jones mit einem Plus von 1,6 Prozent bei 9216 Zählern aus dem Handel. Optimistische Kommentare von Investmentbanken zur Chipbranche beflügelten Technologie-Aktien und trieben den Nasdaq Composite  auf plus 3,4 Prozent bei 1720 Zählern. Selbst der marktbreitere S&P 500 ließ die psychologisch wichtige Marke von 1000 Punkten hinter sich.

Niedrige Zinsen und die Erwartungen einer Wirtschaftserholung in den USA hätten die Anleger ihr Geld von Anleihen in Aktien umschichten lassen, sagten Händler. Die Investoren blickten hoffnungsvoll auf die in dieser Woche anstehende Berichtssaison zum zweiten Quartal. Sie dürften sich aber vor allem auf den Ausblick der Unternehmen konzentrieren. Denn genügend Vorschusslorbeeren habe die Börse mit ihren steigenden Kursen bereits geliefert.

Traditionsgemäß macht der (noch) weltgrößte Aluminium-Produzent Alcoa  heute den Auftakt. Zudem werden in dieser Woche unter anderem die Geschäftszahlen von General Electric  erwartet. Erste Trends für den Technologiesektor versprechen sich die Investoren von den Bilanzen des Netzwerkausrüsters Juniper Networks  und des Internetkonzerns Yahoo .

Der Alcoa-Konkurrent, die kanadische Konkurrent Alcan , hat indes heute Morgen nachgelegt. Er könne die Offerte für die französische "Pechiney", der weltweiten Nummer vier, noch erhöhen, teilte Alcan mit. Das Unternehmen habe die Ressourcen, das Angebot von 41 Euro je Aktie aufzustocken. Am Montag hatte der Pechiney-Kurs um 23,5 Prozent höher bei 42 Euro geschlossen. Die Märkte erwarten offenbar noch eine höhere Offerte.

Aus deutscher Sicht ist der Terminkalender dünn gesät. Für die angeschlagene Frankfurter Beteiligungsholding WCM  steht heute viel auf dem Spiel. Gläubigerbanken und potenzielle Investoren verhandeln über einen möglichen Einstieg. Ob hier allerdings schon eine Entscheidung getroffen wird, ist unklar.

Spekulationen über eine fünfjährige Anleihe der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) haben vorbörslich die Aktien der Deutsche Telekom  belastet. Die Papiere verloren vor Handelsbeginn bei Lang & Schwarz 3,8 Prozent, während der Dax  fester gesehen wurde. Am Montag hatte die T-Aktie bei 13,25 Euro geschlossen.

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