Die Goldman-Sachs-Kolumne Die Produktivität ist nicht das Problem

Es ist zwar enttäuschend, dass das trendmäßige Wachstum in Euroland vermutlich nur sehr verhalten sein wird, aber dennoch gibt es einige Hinweise auf eine Erholung.
Von David Walton

Das trendmäßige Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Euroland ist seit 1990 mindestens einen Prozentpunkt schwächer als in den USA. Das durchschnittliche BIP-Wachstum der USA betrug in den 90er Jahren 3,2 Prozent, verglichen mit 2,0 Prozent in Euroland.

Und diese Entwicklung wird sich fortsetzen: Für 2003 und 2004 prognostizieren wir für die USA eine Wachstumsrate von 2,1 Prozent bzw. 3,3 Prozent, verglichen mit 0,7 Prozent bzw. 2,6 Prozent für Euroland.

Vor allem ausserhalb Europas wird das stärkere Wirtschaftswachstum in den USA oft auf den dort höheren Produktivitätsfortschritt zurückgeführt. Es stimmt zwar, dass das Produktivitätswachstum in den USA in den letzten Jahren zugenommen hat, allerdings auch nicht mehr als in Euroland.

Das schlechtere Abschneiden der Euroland-Wirtschaft im Vergleich zu den USA lässt sich gänzlich durch die langsamere Zunahme des Arbeitseinsatzes erklären. Zum einen ist das Beschäftigungswachstum in Euroland wesentlich schwächer (0,6 Prozent jährlich, verglichen mit 1,6 Prozent in den USA), was größtenteils auf eine langsamere Zunahme der Erwerbsbevölkerung zurückzuführen ist.

Arbeitsstunden-Zahl um 0,6 Prozent jährlich gesunken

Euroland hat deutlich niedrigere Geburten- und Zuwanderungsraten als die USA. In den 90er Jahren stand einer Zunahme der Zahl der Erwerbstätigen um nur 0,7 Prozent jährlich in Euroland eine Rate von 1,3 Prozent in den USA gegenüber. Der Unterschied beim Beschäftigungswachstum ist zu 60 Prozent hierauf zurückzuführen.

Zum anderen hat die Zahl der von den Beschäftigten in Euroland geleisteten Arbeitsstunden abgenommen. Von 1991 bis 2000 ist die durchschnittliche Zahl der Arbeitsstunden um 0,6 Prozent jährlich zurückgegangen.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang weniger, dass die Arbeitszeit in Euroland zurückgegangen ist, als vielmehr die Tatsache, dass sich die Zahl der gearbeiteten Stunden bei den Beschäftigten in den USA und Großbritannien in den 90er Jahren nicht geändert hat. Dagegen betrug der Produktivitätsfortschritt (die Produktionsleistung pro Stunde) in Euroland in den 90er Jahren 2,1 Prozent und lag damit um 0,5 Prozentpunkte jährlich über dem der USA.

Gute Nachricht für Investoren

BIP-Wachstum von 2 Prozent erwartet

Eurostat (das europäische Statistikamt) prognostiziert für Euroland, dass die Zunahme der Zahl der Erwerbstätigen in den nächsten zehn Jahren von gegenwärtig 0,7 Prozent jährlich auf nur noch 0,1 Prozent sinken wird. Dieser negative Beitrag zum Potenzialwachstum wird vermutlich teilweise durch einen langsameren Rückgang der durchschnittlichen Zahl der Arbeitsstunden ausgeglichen werden.

In den nächsten zehn Jahren gehen wir für Euroland von einem durchschnittlichen BIP-Wachstum von 2 Prozent aus. Dies entspricht zwar der durchschnittlichen Wachstumsrate der 90er Jahre, liegt aber an der Untergrenze des Wachstumskorridors von 2 bis 2,25 Prozent, den wir üblicherweise für Euroland angenommen haben, und auch im unteren Bereich der Bandbreite, in der sich die Schätzungen verschiedener Notenbanken - darunter die EZB - , Regierungen, der IWF und OECD bewegen. Andererseits sind wir in bezug auf das trendmäßige Wachstum Eurolands weniger pessimistisch als manche anderen Analysten.

Anhaltend hohes Produktivitätswachstum in Euroland

Es ist zwar enttäuschend, dass das trendmäßige Wachstum in Euroland vermutlich nur sehr verhalten sein wird, schließt aber nicht aus, dass Euroland 2004 mit einer über dem Trend liegenden Rate wachsen wird, um den gesamtwirtschaftlichen Auslastungsgrad zu erhöhen.

Außerdem werden die realen Kapitalrenditen viel mehr durch das Produktivitätswachstum als durch das Wachstum der Erwerbsbevölkerung bestimmt. Das anhaltend hohe Produktivitätswachstum in Euroland sollte demnach eine gute Nachricht für Investoren sein.

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