Die Trinkaus-Kolumne Zu früh gefreut!

Die Kursschwankungen der letzten Tage haben es gezeigt: Der Aufschwung bei den Halbleiter-Aktien steht auf sehr wackeligen Beinen. Für kaufinteressierte Anleger gilt daher: Abwarten und Tee trinken.
Von Klaus Lüpertz

Noch bis vor wenigen Tagen konnten sich die Freunde der Halbleiteraktien über steigende Notierungen ihrer Papiere freuen. Die Börse insgesamt lief tendenziell nach oben - zwar nach dem Motto: "Drei Schritt vor und zwei zurück" - aber immerhin: Die Richtung stimmte.

Alles ging so lange gut, bis die World Semiconductor Trade Statistics (kurz: WSTS), der globale Branchenverband der Chiphersteller, seine neue Prognose für die Entwicklung auf dem Chipmarkt veröffentlichte. Dieses Papier brachte die Kurse der großen Chiphersteller wieder spürbar unter Druck.

Einzelne Aktien, z.B. die deutsche Infineon , verloren im ersten Moment über zehn Prozent. Die WSTS-Daten stammen aus Prognosen von über 60 Firmen in aller Welt, die zusammen einen Marktanteil von über 90 Prozent erreichen und somit als repräsentativ anzusehen sind.

Auswirkungen der Lungenkrankheit SARS

Was war genau geschehen? Die WSTS argumentierte, dass, bedingt durch die Folgen der Lungenkrankheit SARS, den Irak-Krieg und die globale Konsumunlust der Chipmarkt in 2003 nur noch um 11,4 statt der zuvor 16,2 Prozent wachsen werde und somit nur ein Volumen von knapp 157 Milliarden Dollar erreiche. Auch die Schätzung für 2004 wurde von 19,2 auf 18,4 Prozent herabgesetzt.

Alles in allem ist die Korrektur der Zahlen keine große Sache, gilt doch der Markt für Halbleiter als sehr volatil und somit schwer zu prognostizieren. Was mich jedoch skeptisch stimmte, das war die Aussage des WSTS-Vorsitzenden, der den Aufschwung nur als verschoben ansieht. Er rechne damit, dass der Swing erst in 2004 zum Tragen komme, so hieß es.

Obwohl der Chipsektor ein guter Frühindikator für den gesamten Technologiemarkt ist und deshalb die Branchentrends früher als andere Teilbereiche mitmacht, scheint diese Prognose vor dem aktuellen konjunkturellen Hintergrund immer noch recht vage zu sein. Bestätigt sehe ich mich in meiner Aussage durch die massiven Kursverluste, die umgehend an der Börse entstanden sind. Ein Markt, der auf einem soliden Fundament langsam aber stetig nach oben strebt, der lässt sich nicht so leicht von einer solchen Nachricht so weit zurückwerfen.

Kaufen oder warten?

Beim zweiten Blick auf die Zahlen gab es allerdings einige bemerkenswerte Dinge zu vermelden. Nicht in allen Segmenten mussten die Wachstumsschätzungen revidiert werden. So soll zum Beispiel der Bereich optoelektronischer Bauteile, die beispielsweise in Telefonnetzen Verwendung finden, im laufenden Jahr um über 37Prozent wachsen.

Bei einer regionalen Differenzierung fällt Japan mit einem erwarteten Wachstum von 17,4 Prozent auf; Europa liegt dagegen mit 14,1 Prozent deutlich dahinter. Besonders negativ stach die Region Amerika heraus, wo das Umsatzwachstum nur auf 0,1 Prozent im laufenden Jahr geschätzt wird, da viele Firmen ihren Produktionsstandort aus den Vereinigten Staaten in die asiatische Region verlegen.

Die Bewertung aus fundamentaler Sicht

Was heißt das alles für die Aktien? Wer die jüngste Rallye mitgemacht hat und vielleicht sogar das Glück hatte, diese Aktien nahe ihrem zwischenzeitlichen "Hoch" zu verkaufen, der kann ruhig noch ein bisschen abwarten. Fundamental scheint der jüngste Anstieg kaum begründbar zu sein.

Für kaufinteressierte Anleger gilt: Abwarten und Tee trinken. Die Kursschwankungen der letzten Tage haben es gezeigt: Der Aufschwung steht auf sehr wackeligen Beinen. Sobald eines davon etwas einknickt kann aber gekauft werden. Für den sehr volatilen Tech-Bereich kann das aber durchaus bedeuten, dass die Kurse bis dahin 20 oder 30 Prozent niedriger stehen.

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