Finanzplatz Deutschland Goldman Sachs schlägt Alarm

Der Finanzplatz Deutschland steht vor großen Herausforderungen. Will er im internationalen Wettbewerb nicht weiter zurück fallen, bedarf es tiefgreifender Veränderungen. Dabei ist auch der Gesetzgeber gefordert. Alexander Dibelius, Chef von Goldman Sachs in Deutschland, bezieht Position.

Ob Vertrauenskrise am Kapitalmarkt, mangelnde Investitionsbereitschaft, leere Rentenkassen, angeschlagene Banken oder überbordende Regulierung und Bürokratisierung - die Probleme Deutschlands treten immer offener zutage, sagt Alexander Dibelius. Was muss sich ändern?

In einer öffentlichen Anhörung des Finanzausschusses des deutschen Bundestages hat der Chef von Goldman Sachs Deutschland jetzt Position bezogen. Er gibt Denkanstöße und unterbreitet Lösungsvorschläge. manager-magazin.de präsentiert exklusiv Dibelius' Analyse, seine zentralen fünf Thesen und die daraus abgeleiteten Forderungen.

Letztere dürften so manchem Politiker, Finanzmarktteilnehmer aber auch bestimmten gesellschaftlichen Gruppen nicht gefallen. Doch wer den Finanzplatz und Wirtschaftsstandort Deutschland aus der Krise führen will, muss ihn für in- und ausländische Investoren attraktiver gestalten. Er muss im Zweifelsfall dazu bereit sein, angestammte Erbhöfe und (nationale) Schutzräume einzureißen.

Wer die weitere Abwanderung von Geschäft und Kapital ins Ausland verhindern will, müsse neuen, innovativen Finanzprodukten den Weg ebnen. Deshalb fordert Dibelius derzeit bestehende regulatorische und steuerliche Rahmenbedingungen zu überdenken (These 1). Der Finanzexperte diskutiert dies unter anderem am Beispiel von Hedgefonds, die auch unter deutschen Anlegern immer beliebter werden. Die Möglichkeiten der vollen Wertschöpfung gebe Deutschland durch seine Finanzmarktverfassung allerdings unverständlicherweise nicht nur in diesem Fall aus der Hand.

Das Vertrauen der Anleger muss wachsen

Die besten Finanzprodukte nützen jedoch wenig, wenn das Vertrauen der Investoren in die Integrität der Kapitalmärkte nicht zurück gewonnen werden kann (These 2). Vor diesem Hintergrund fordert der Experte von Goldman Sachs eine mit weiteren Befugnissen und auch personell stärker ausgestattete Kapitalmarktaufsicht. Angesichts zahlreicher Unternehmensskandale in der Vergangenheit sei es ebenso notwendig, die Jahresabschlussprüfer stärker zur Verantwortung zu ziehen. Das Vertrauen der Investoren ließe sich zweifelsohne auch über einheitlichere Offenlegungsvorschriften der Unternehmen und mehr Transparenz bei den Bezügen von Vorständen und Aufsichtsräten steigern, schreibt Dibelius.

Verkrustete Strukturen aufbrechen

Wer den Finanzplatz Deutschland im internationalen Wettbewerb stärken will, solle bereit sein, die verkrustete Finanzierungsstruktur des privaten und öffentlichen Sektors weiter aufzubrechen (These 3). Deutsche Unternehmen seien zu stark von Fremdkapital abhängig, ihre Eigenkapitalausstattung im internationalen Vergleich viel zu niedrig, stellt Dibelius fest.

Wie lässt sich die Attraktivität für externe Eigenkapitalgeber steigern? Welche bedeutendere Rolle könnten hier Private Equity Fonds in Zukunft spielen, und wie sollte die Gesetzgebung sie fördern? Unter anderem diesen Fragen geht Dibelius im dritten Teil seines Positionspapiers nach.

Mit Blick auf die zukünftige Finanzierung vor allem des Mittelstandes hält der Autor den eingeschlagenen Weg über "Basel II" für richtig. Doch wer den Unternehmen hier den Weg weise, müsse sie auch in die Lage versetzen, ihre Kostenstrukturen flexibler und schneller anzupassen. Kosten, die in anderen Ländern als variabel gelten, seien in Deutschland de facto Fix-Kosten. Hier sei erneut die Politik gefordert: Die weitere Flexibilisierung des Arbeitsmarktes als auch die Senkung der Lohnnebenkosten, Steuern und Abgaben, sind nur einige Beispiele.

Die Abkehr vom "Drei-Säulen-Prinzip"

Eine zentrale Rolle in den Überlegungen des Experten von Goldman Sachs spielt der Bankensektor in Deutschland. Finanz- und steuerpolitische Rahmenbedingungen hätten zur desolaten Situation dieses Sektors beigetragen, konstatiert Dibelius. Er fordert eine stärkere Abkehr vom althergebrachten "Drei-Säulen-Prinzip" (These 4).

Im Sinne eines profitableren und innovativeren Finanzsystems, das dann gleichermaßen für Kunden und ausländisches Kapital attraktiver wäre, sollte der Gesetzeber Bankenzusammenschlüsse und -kooperationen auch über Sektorgrenzen hinweg ermöglichen und dafür die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen.

Altersvorsorge: Die große Herausforderung

Wie kann sich Deutschland aus der Krise der Rentenkassen und -versicherung befreien? Dieser Frage geht der Autor im letzten Teil seiner Ausführungen nach. Die Sicherung einer langfristig angemessenen Altersvorsorge ist aus Sicht von Dibelius die zentrale Herausforderung nicht nur der öffentlichen Finanzen sondern auch der Unternehmen (These 5).

Für ihn steht fest: Das Prinzip der Umlagefinanzierung als einzige Grundlage zur Erfüllung von Renten- und Pensionsansprüchen ist angesichts des demographischen Wandels hinfällig geworden. Die Notwendigkeit von Leistungskürzungen bejaht der Experte dabei genauso wie mehr Eigenvorsorge und -verantwortung des Einzelnen. Dieser Umstand eröffne aber zugleich dem Kapitalmarkt und seinen Akteuren eine Vielfalt neuer Chancen.

Lesen Sie im folgenden den Wortlaut des Positionspapiers von Goldman Sachs

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