DaimlerChrysler Der Patient fällt ins Koma

Fünf Jahre nach der Fusion erhalten die Kritiker erneut Oberwasser. Chrysler stürzt tief in die Verlustzone und belastet den Gesamtkonzern. Eine Wende bei dem amerikanischen Patienten sehen Analysten nicht. Für den Hoffnungsträger und Chrysler-Chef Zetsche wird die Luft immer dünner.

Stuttgart/Hamburg - Ende März schien die Welt für DaimlerChrysler  noch in geordneten Bahnen zu verlaufen. Mit satten 38 Prozent hatte der Konzern im ersten Quartal das operative Ergebnis des Vorjahres getoppt. Auch im Gesamtjahr wolle man noch zulegen und die 5,8 Milliarden Euro von 2002 übertreffen. Finanzchef Manfred Gentz indes schien der eigenen Courage nicht ganz zu trauen. Vorsichtig wies er auf den hart umkämpften US-Markt hin und dass Chrysler möglicherweise doch nicht die erwarteten zwei Milliarden Euro Gewinn am Jahresende in Stuttgart abliefern werde.

Derlei Worte klangen am Mittwoch wie aus einer fernen Zeit. Die US-Tochter hat in Folge eines gnadenlosen Preiskampfes in den USA nach bisherigen Berechnungen im zweiten Quartal einen Milliardenverlust erwirtschaftet. Ob sie das Jahr 2003 überhaupt mit schwarzen Zahlen abschließen wird, ist unsicherer denn je. Prompt schraubte DaimlerChrysler seine Gewinnerwartung für den Gesamtkonzern auf fünf Milliarden Euro runter. Und selbst die sind noch nicht einmal sicher, sagen Analysten.

Er habe zwar damit gerechnet, dass Chrysler seine hochgesteckten Ergebnisziele revidieren müsse, sagte Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler im Gespräch mit manager-magazin.de am Mittwoch. "Das dramatische Ausmaß allerdings ist erschreckend." Der Experte setzte die Aktie von DaimlerChrysler  von "Kaufen" auf "Verkaufen" herab und sieht das Kursziel bei 25 Euro. Prügel bezog der Wert auch von zahlreichen anderen Banken.

Es sei eine sehr massive Gewinnwarnung gewesen, sagte Pieper. Zudem bestehe die Gefahr, dass Chrysler seine Händlerbestände und die Restwerte von Leasingfahrzeugen zum Jahresende wiederholt abwerten müsse, sollte die Rabattschlacht in den USA weiter anhalten. Der Auto-Analyst wollte nicht ausschließen, dass Chrysler das Jahr 2003 mit einem hohen Verlust abschließen werde und dies den operativen Gewinn des Gesamtkonzerns auf bis zu vier Milliarden Euro drücken könnte.

Dabei läuft der Autoabsatz in den USA gar nicht mal so schlecht, wie die jüngsten Mai-Zahlen belegen. Selbst bei Chrysler fiel das Minus mit drei Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum noch vergleichsweise moderat aus. Doch der Markt ist so hart umkämpft wie kaum ein anderer in der Welt. Rabatte, Null-Zins-Programme und andere Kaufanreize halten vielleicht die Absatzzahlen über Wasser. Die Margen und Gewinne indes schrumpfen fortgesetzt. Bereits im ersten Quartal gab Chrysler eigenen Angaben zufolge 20 Prozent seines Umsatzes für Werbung und Verkaufshilfen aus.

Unlängst warnte Robert Pottmann von M.M. Warburg, dass diese deflationären Tendenzen den amerikanischen Automarkt in die Sackgasse führen könnten. "Der Kunde gewöhnt sich mehr und mehr an diese Incentives. Schränkt der Konzern sie irgendwann ein, reagiert der Verbraucher mit Kaufverweigerung", erklärte der Experte seinerzeit gegenüber manager-magazin.de.

Pieper rechnet indes nicht mit einem Ende des für Chrysler so schädlichen Preiskampfes in den USA. "Unter den 'Big Three' hat der Marktführer General Motors die besseren Produkte. Sie glauben, aus der Position der Stärke heraus, dieses Preisspiel weiter treiben und auch gewinnen zu können", sagte Pieper. Den Konkurrenten bliebe keine andere Wahl, als diese Rabattschlacht mitzumachen.

Kritisch beurteilte der Analyst vom Bankhaus Metzler die Preisgestaltung der US-Tochter. "In der Vergangenheit fuhren sie hier einen Zick-Zack-Kurs, gewährten Kaufanreize, nahmen sie wieder zurück und fanden einfach keine klare Linie." Vor diesem Hintergrund überrasche ihn die Absetzung des Chrysler-Vertriebschefs Jim Schroer nicht. Schroer musste in der vergangenen Woche seinen Platz für den Deutschen Joe Eberhardt räumen.

Chrysler-Chef Zetsche kündigte in Reaktion auf die schwachen Zahlen an, die Kosten noch weiter zu senken. Analyst Pieper zeigte sich überzeugt davon, dass Zetsche dies gelingen werde. Auch die Produktpipeline sei viel versprechend. Schrempps US-Statthalter habe aber offenbar die Entwicklung des Marktes zu positiv eingeschätzt. Sein zu Jahresbeginn ausgegebenes Ergebnisziel von zwei Milliarden Dollar war aus Sicht des Analysten "gewagt, wenn nicht sogar leichtsinnig".

Ob Zetsche jetzt auch persönlich Schaden davon getragen habe, wollte Pieper nicht kommentieren. Sicher ist aber, der 50-Jährige wird nur dann auf den Sessel von Vorstandschef Schrempp Platz nehmen können, wenn es ihm gelingt, den Sanierungsfall Chrysler endgültig zum Erfolg zu führen.

Hoffnungen auf Trendwende bei Chrysler sind geplatzt

Hoffnungen auf Trendwende bei Chrysler sind geplatzt

An einem Erfolg Zetsches haben allerdings auch andere Experten mittlerweile ihre Zweifel. Die Gewinnwarnung von Chrysler für das laufende Jahr sei eine herbe Enttäuschung und lasse den Glauben an eine Trendwende bei Chrysler gegen Null sinken, urteilte die HypoVereinsbank. DaimlerChrysler habe das Schlimmste noch nicht überstanden, erklärte auch Arndt Ellinghorst von WestLB Panmure. Den Analysten sorgen vor allem mögliche faule Kredite auf Grund der vielen Null-Prozent-Finanzierungen. Er riet vom Kauf der Aktie ab.

Die Experten der HypoVereinsbank stuften die Titel des Autokonzerns auf "Verkaufen" von "Neutral" ab und kappten zugleich das Kursziel um rund ein Drittel auf 20 Euro. Anleger sollten ihr Geld besser in BMW investieren, hieß es am Mittwoch weiter. Bei 20 Euro sehen mittlerweile auch die Analysten von UBS Warburg die Aktie des deutsch-amerikanischen Autokonzerns.

Experten der US-Investmentbank Morgan Stanley bestätigten zwar die Einstufung "Equalweight", reduzierten aber ihre Gewinnprognose genauso wie die Analysten von J.P Morgan, die ihre Einstufung von "Übergewichten" auf "Neutral" senkten. Die Analysten von Morgan Stanley erwarten indes, dass auch auf die Konkurrenten General Motors und Ford aufgrund von Bestandsaufnahmen ähnliche Belastungen im Laufe des Jahres zukommen werden wie bei DaimlerChrysler.

Die Ratingagentur im Nacken

Die WGZ-Bank stufte die DaimlerChrysler-Aktie von "Akkumulieren" auf "Reduzieren" zurück. Gleichzeitig empfahlen sie jedoch dem langfristigen Investor deutliche Kursabschläge zum Positionsaufbau zu nutzen. Die Schätzungen für den Gewinn je Aktie werde man nach unten revidieren müssen, kündigten die Experten an Mittwoch an.

Zu allem Überdruss zeigte noch die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) dem Autokonzern die gelbe Karte. Die Analysten erklärten, die "BBB+"-Bewertung in den kommenden Monaten überprüfen zu wollen. Den langfristigen Ausblick senkten sie von "stabil" auf "negativ".

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