Metzler-Kolumne Die neue Weltordnung

Die Wirtschafts- und Rechtshegemonie der USA wird für viele Unternehmen teuer. ThyssenKrupp ließ sich den Frieden mit der Weltmacht eine viertel Milliarde Euro kosten. Doch Lamentieren hilft nicht. Die Krisenstäbe sind gefordert.
Von Johannes J. Reich

Die USA geben den Takt vor. Militärisch, politisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich, juristisch, kulturell, moralisch. Die normative Kraft des Faktischen, die Definitionshoheit der Macht, des fast unbegrenzten und offenbar kaum von Zweifeln angekränkelten Führungs- und Gerechtigkeitsanspruchs der Eliten der USA prägen auf zunehmend irritierende Weise das, was weltweit gedacht und gemacht wird, gedacht und gemacht werden muss, womit sich die Betroffenen - ob sie wollen oder nicht - oft teuer auseinandersetzen müssen.

Man muss nicht Kriegsziel der USA sein, und kein "Schurkenstaat", um dies zu erfahren. Die wirtschaftlichen Konsequenzen sind weitreichend, global und zunehmend häufiger nicht mehr nur indirekter, mittelbarer Natur, sondern unmittelbar und direkt spürbar, auch und vermehrt in Sphären, die man so zunächst nicht für nahe liegend halten mag.

Und kostspielig kann es immer häufiger werden. So kostspielig, dass man von schweren wirtschaftlichen Schäden sprechen muss - direkt, unmittelbar, individuell.

Anlässlich seiner Sitzung am 19. Mai 2003 teilte der Aufsichtsrat der ThyssenKrupp AG  mit, dass die ThyssenKrupp AG von der IFIC Holding AG, Essen, 16,9 Millionen eigene Aktien (rund 3,29 Prozent des Grundkapitals) zu einem Gesamtkaufpreis von rund 406 Millionen Euro erworben habe. Die Beteiligungsquote der IFIC Holding AG, die im Anteilsbesitz der Islamische Republik Iran steht, an der ThyssenKrupp AG sei damit von 7,79 auf unter 5 Prozent gesunken.

ThyssenKrupp investierte rund 250 Millionen Euro

Der Erwerb erfolge gemäß § 71 Abs. 1 Nr. 1 Aktiengesetz zur Abwendung eines schweren, unmittelbar bevorstehenden Schadens. Durch ihn würden aus einschlägigen US-Gesetzen drohende Restriktionen für den uneingeschränkten Marktzugang von Unternehmen des ThyssenKrupp Konzerns in den USA vermieden und gravierende wirtschaftliche Einbußen im US-Geschäft des Konzerns abgewendet.

Mit anderen Worten: Die ThyssenKrupp AG kaufte vom Iran 16,9 Millionen eigene Aktien zurück zu einem durchschnittlichen Preis von rund 24 Euro pro Aktie. Am Tag der Veröffentlichung dieses Vorgangs lag der Börsenkurs von ThyssenKrupp bei rund 9 Euro pro Aktie.

Die Kosten zur Abwendung eines offenbar weitaus schwereren wirtschaftlichen Schadens, der dem Unternehmen aufgrund der neuen, mit dem "Krieg gegen den Terror" gerechtfertigten US-Gesetzgebung drohte, betrugen also etwa eine viertel Milliarde Euro.

Beitrag zum "Krieg gegen den Terror?"

Sieht man von den ewigen Schenkelklopferhumoristen und Witzbolden ab, die diesem Vorgang kurzerhand die Geschäftsidee abgewinnen, müssen sich die knapp 300.000 ThyssenKrupp-Aktionäre (ausgenommen IFIC) durch die Folgen dieser Spielart von Wirtschafts- und Rechtshegemonie der USA geschädigt sehen. Da ist es sicher auch kein Trost, sich einzureden, man habe als Aktionär seinen Beitrag zum Krieg gegen den Terror geleistet.

Doch lamentieren hilft nicht. Es ist stattdessen höchste Zeit, dass sich Politik und Wirtschaft in Europa, insbesondere aber die Krisen- und Planungsstäbe der europäischen Unternehmen selbst, proaktiv strategisch und taktisch mit der "neuen Weltordnung" auseinandersetzen. Sonst werden sie nicht angemessen umgehen können mit den aus dieser neuen Ordnung entstandenen neuen Unternehmensrisiken. Spätestens der Fall ThyssenKrupp sollte exemplarisch verstanden werden.

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