Tui Frenzels Flucht nach vorn

Nachdem Gerüchte um schlechte Quartalszahlen die Aktie enorm belastet hatten, zieht der Konzern die Veröffentlichung der Quartalsbilanz vor. Der Verlust ist geringer als befürchtet.

Frankfurt/Hamburg - Die Tourismus-Branche steckt in der Dauerkrise. Die Unternehmen hatten noch nicht einmal die Folgen der Terroranschläge vom 11. September richtig verarbeitet, da vergraulten der Irak-Krieg und die Sars-Epidemie in diesem Jahr erneut den Urlaubern die Reiselust. Die sich verschärfende Konjunkturschwäche und die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes tragen derzeit ihr Übriges zur Krise bei.

Das Buchungsminus in den ersten vier Monaten dieses Jahres beziffert der Reiseveranstalter-Verband DRV auf zehn Prozent. Zugleich schwächt ein gnadenloser Preiskampf die Branche.

Diese Entwicklung bekommt auch Tui  schmerzlich zu spüren. Der unter Vorstandschef Michael Frenzel zum weltgrößten Touristikunternehmen umgebaute ehemalige Preussag-Konzern sei tiefer als erwartet in die Verlustzone gerutscht, berichtete die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" am Mittwoch.

Verlust geringer als befürchtet

Fast panisch flüchteten die Anleger aus der Aktie  und bescherten dem Papier einen Verlust von zeitweise mehr als zehn Prozent. Frenzel trat daraufhin die Flucht nach vorn an und legte bereits am Mittwoch Abend, eine Woche früher als geplant, die Quartalszahlen vor.

Händler bezeichneten am Abend vor allem das Nettoergebnis des Konzerns in Höhe von minus 96 Millionen Euro als "besser" als vom Markt erwartet. Die Ergebnisse seien "in-line" mit seinen Prognosen und "gar nicht so schlecht", sagte ein Analyst der Commerzbank. Der Rückgang bei den Sommerbuchungen um 13 Prozent sei eine Verbesserung gegenüber dem vorigen Bericht, als der Rückgang noch 15 Prozent betragen habe.

Aktie fährt Achterbahn

Die Aktie von TUI  konnte am Abend ihre Verluste vollständig ausgleichen und schloss sogar mit einem leichten Kursplus. Am Donnerstag Vormittag gab sie jedoch wieder nach. Die Verunsicherung unter Anlegern ist groß.

Der Verlust vor Steuern und Abschreibungen (EBTA) hat sich mit 80 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahreszeitraum mehr als verdoppelt. Im ersten Quartal des vergangenen Jahres hatte das Minus 29 Millionen Euro betragen. Seit Anfang April sei allerdings eine deutliche Verbesserung bei den Buchungen festzustellen, teilte der Konzern am Abend weiter mit.

Der Umsatz fiel im ersten Quartal um mehr als sechs Prozent von vier Milliarden Euro auf 3,8 Milliarden Euro. Der Nettoverlust erhöhte sich von 83 auf 96 Millionen Euro. Die Entwicklung begründete Tui vor allem mit dem schwächeren Abschneiden der Touristik-Sparte. Zuwächse in den Sparten Logistik und Zentralbereich hätten die Verluste nicht ausgleichen können.

"Buchungen auf Erholungskurs"

Dramatisch vergrößerte sich allerdings der operative Verlust der Touristiksparte, die mittlerweile 60 Prozent des Gesamtumsatzes ausmacht. Mit 250 Millionen Euro fiel das Minus deutlich höher aus als im Vorjahreszeitraum (168 Millionen). Der Kriegsmonat März hätte zu einem starken Rückgang der Buchungen geführt. Seit Ende April befänden sich die Sommerbuchungen aber "auf Erholungskurs und liegen aktuell konzernweit 12,6 Prozent unter Vorjahr". Für das Gesamtjahr werde die Sparte voraussichtlich ein positives operatives Ergebnis vorlegen.

Vorstandschef Michael Frenzel sagte, die durch den Krieg bedingte extreme Zurückhaltung scheine sich aufzulösen. Es bleibe allerdings abzuwarten, inwieweit der Nachholeffekt ausreicht, um für die Sommersaison am Ende wieder an das Vorjahresniveau heranzureichen.

Wie Frenzel die Krise bewältigen will

Billig, billig lautet die Devise

Frenzel will der Misere noch stärker durch Billigangebote sowie mit Reisen für Kurzentschlossene entgegentreten und sich damit dem veränderten Verhalten der Kunden anpassen, wie er sagt. Erst kürzlich hob Tui den Billigveranstalter "Dicount-Travel" aus der Taufe. Der hauseigene Billigflieger Hapag-Lloyd-Express soll genauso expandieren wie die Billigmarke "1-2Fly", die sich mit günstigen Pauschalreisen vornehmlich an Familien richtet. Um Hotels und Flieger zu füllen wird Tui auch nicht davor zurück schrecken, Reisen gegebenenfalls auch unter dem Einkaufspreis anzubieten.

Diese "Aldisierung" des Reisegeschäfts mag zwar dem Zeitgeist Kurzentschlossener und den geschmälerten Geldbeuteln der Verbraucher entgegen kommen, doch birgt sie Gefahren. So befürchten etwa Analysten der HypoVereinsbank, dass die starke Fokussierung auf Schnäppchenreisen die Margen und damit die Gewinne des Unternehmens kräftig drücken wird.

Zugleich ist das Segment der Billigreisen hart umkämpft, und der zu verteilende Kuchen wird immer kleiner. Bis zu 50 Prozent und mehr Rabatt auf den Katalogpreis bieten die Internet-Discount-Anbieter "Expedia" und "Opodo". Doch auch Thomas Cook oder Rewe Touristik (IST, Tjaereborg) wollen verstärkt mitmischen.

Widerspruch wird nicht geduldet

Von seiner Strategie will Frenzel sich indes nicht abbringen lassen. In den kommenden fünf Jahren soll dieser so genannte Low-Cost-Bereich mindestens 20 Prozent des Konzernumsatzes erwirtschaften, gibt der Vorstandschef das Ziel vor.

Kritik an dem Ausbau der Billigschiene duldet er nicht. Die für das Kerngeschäft Touristik verantwortlichen Manager Ralf Corsten und Charles Gurassa wurden kurzerhand geschasst. Vor allem Corsten befürchtete, dass unter Frenzels Neuausrichtung der über viele Jahre hinweg hart erarbeitete Qualitätsstandard der Tui geopfert würde.

Analysten senken den Daumen

Branchenkenner kritisierten die Entscheidung Frenzels, der sich verstärkt um das operative Geschäft kümmern will, scharf. Verzichte der promovierte Jurist damit doch gerade in der größten Krise auf erfahrene Vorstände und touristisches Know-How. Frenzel bürstete derlei Befürchtungen ab und begründete den Rauswurf schlicht mit der notwendigen "Effizienzsteigerung".

Analysten allerdings quittierten bislang Frenzels Entscheidungen und Ankündigungen mit äußerster Skepsis. Seit Anfang Mai reißt der Strom negativer Kommentare zu dem Konzern nicht ab. So stuften etwa die Deutsche Bank, die Landesbank Baden-Württemberg und auch die Experten von SEB die Aktie auf "Verkaufen".

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