Die Goldman-Sachs-Kolumne Wird sich die deutsche Wirtschaft jemals wieder erholen?

Deutschland wird vielleicht nicht an der Spitze des Konjunkturaufschwungs in Euroland stehen, aber es gibt dennoch gute Gründe für vorsichtigen Optimismus.
Von David Walton

Im ersten Quartal dieses Jahres ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland um 0,2 Prozent geschrumpft. Viele Beobachter sind skeptisch, ob sich die deutsche Wirtschaft so bald wieder erholen wird. Dies ist angesichts des schwachen Binnennachfragewachstums, dem möglicherweise noch länger unter dem Trend liegenden Wirtschaftswachstum in den USA und der kräftigen Aufwertung des Euro nicht verwunderlich.

Seit 1995 war das Wirtschaftswachstum in Deutschland jedes Jahr niedriger als im übrigen Euroland. Mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von 1,5 Prozent blieb Deutschland dabei um ca. ein Prozent hinter den übrigen EWU-Mitgliedsländern zurück.

Die Geld- und Fiskalpolitik kann die deutsche Wirtschaft nicht im selben Maße unterstützen wie das übrige Euroland. Hierzulande liegen die realen Geldmarktzinsen immer noch bei 1,5 bis zwei Prozent, verglichen mit null Prozent in den anderen EWU-Ländern, und das deutsche Haushaltsdefizit wird in diesem Jahr vermutlich vier Prozent übersteigen.

Außerdem sind die relativen Lohnstückkosten im übrigen Euroland in den letzten zehn Jahren im Vergleich zu Deutschland um ungefähr ein Viertel zurückgegangen, so dass deutsche Unternehmen die Aufwertung des Euro eher und stärker zu spüren bekommen dürften.

Kein Grund für weiteren Rückgang der Konsumausgaben

Schließlich will die Bundesregierung mit der Agenda 2010 ein Strukturreformprogramm auf den Weg bringen, das das Wachstum zwar letztlich positiv beeinflussen wird, dessen Auswirkungen in den nächsten 12 bis 18 Monaten aber unklar sind.

Trotz allem wäre es aber falsch, eine Erholung der Binnennachfrage in Deutschland auszuschließen. Denn angesichts der deutlichen Verbesserung der Finanzlage im Privaten Sektor gibt es eigentlich keinen Grund dafür, dass sich der Rückgang der Konsumausgaben im nächsten Jahr fortsetzen sollte.

Interessanterweise hat das Binnennachfragewachstum in den letzten drei Quartalen sogar jeweils leicht zugelegt. Damit der Private Sektor in Deutschland aber bereit ist, seinen freien Cashflow abzubauen, ist jedoch ein Katalysator erforderlich. In der Vergangenheit kam dieser Katalysator häufig vom Außenhandel. Dies wird vermutlich auch jetzt wieder der Fall sein.

Mehrere Gründe für Zuversicht

Wettbewerbsfähigkeit wurde erhöht

Es gibt mehrere Gründe dafür, dass die kräftige Aufwertung des Euro gegenüber dem Dollar und anderen Währungen der deutschen Wirtschaft viel weniger schaden wird als in der Vergangenheit. Denn nahezu zwei Drittel des deutschen Exports gehen in andere Euroland-Mitgliedsländer oder in Länder, deren Währungen eng an den Euro angebunden sind.

Außerdem haben deutsche Unternehmen in den letzten Jahren ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Firmen aus anderen EWU-Ländern allmählich erhöht. Die Inflationsdifferenzen in Euroland - die deutsche Inflationsrate liegt um gut einen Prozentpunkt unter dem Euroland Durchschnitt - haben nämlich zu einer realen Abwertung des deutschen Wechselkurses gegenüber den anderen EWU-Ländern geführt.

Geldpolitik hat sich deutlich geändert

Ein andere wichtiger Punkt ist, dass die Aufwertung des Euro diesmal nicht mit einer restriktiveren Geldpolitik im Rest Eurolands einhergeht. Vor dem EWU-Beitritt bedeutete eine D-Mark-Aufwertung gegenüber dem Dollar in der Regel, dass auch die andere Währungen Eurolands gegenüber der D-Mark aufwerteten, und damit waren die Zentralbanken gezwungen, die Zinsen zu erhöhen, um die Wechselkursparität mit der D-Mark zu gewährleisten.

Und schließlich kann die Geldpolitik in der EWU ganz anders auf eine starke Währung reagieren, als dies in der Vergangenheit der Fall war. Die EZB kann als Reaktion auf den starken Euro die Zinsen für alle EWU-Länder zurücknehmen. So sind die realen Zinssätze derzeit mit Ausnahme Deutschlands in Euroland ungewöhnlich niedrig. Zu gegebener Zeit wird dies der Binnennachfrage außerhalb Deutschlands einen deutlichen Schub geben und damit auch die Nachfrage nach deutschen Exporten kräftig stimulieren.

Schwäche der US-Wirtschaft zeigt Folgen

Nach unserer Schätzung wird der Außenhandelsüberschuss in 2004 voraussichtlich 0,4 Prozent zum deutschen BIP-Wachstum beitragen. Dieser Wachstumsbeitrag ist zwar deutlich geringer als in den letzten Jahren, aber immer noch positiv.

Die Schwäche der US-Wirtschaft und die rasante Aufwertung des Euro in den letzten Monaten stellen zweifellos eine Belastung für die deutsche Wirtschaft dar, was aber nicht überbewertet werden sollte. Tatsächlich gehen nur etwa zehn Prozent der deutschen Exporte in die USA im Gegensatz zu über elf Prozent für Osteuropa.

Kräftige Zunahme der Binnennachfrage zu erwarten

Durch die weitreichende Anpassung der Finanzlage des Privaten Sektors wird der Weg für eine kräftige Zunahme der Binnennachfrage frei. Als Katalysator für eine solche Entwicklung wird vermutlich eine Erholung in anderen Teilen Eurolands dienen, durch die die Nachfrage nach deutschen Exporten angekurbelt wird.

Deutschland wird vielleicht nicht an der Spitze des Konjunkturaufschwungs in Euroland stehen; im Gegensatz zu den meisten anderen Analysten gehen wir aber davon aus, dass nicht Deutschland das übrige Euroland "ausbremsen", sondern dass umgekehrt das übrige Euroland Deutschland aus der Rezession herausführen und mitziehen wird.

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