Geldwäsche Was wusste Putin?

Die in Frankfurt börsennotierte Sankt Petersburg Immobilien und Beteiligungs AG (SPAG) soll Millionen für die Russen-Mafia gewaschen haben. Der russische Präsident Putin saß über sieben Jahre lang im Beirat des hessischen Unternehmens.
Von Clemens von Frentz und Andreas Nölting

Wiesbaden/Darmstadt - Dem Bundeskriminalamt (BKA) ist es nach eigenen Angaben erstmals gelungen, eine deutsche Aktiengesellschaft als mutmaßliche Geldwaschanlage der Russen-Mafia zu enttarnen. Nach Informationen von manager-magazin.de handelt es sich dabei um die 1992 gegründete Sankt Petersburg Immobilien und Beteiligungs AG (SPAG)  mit Sitz im südhessischen Mörfelden-Walldorf.

Am Dienstag waren im Rhein-Main-Gebiet, in Hamburg und München insgesamt 28 Firmen und Wohnungen durchsucht worden. Markus Rese, Vorstand der SPAG, bestritt gegenüber manager-magazin.de die Vorwürfe: "Dies ist der Versuch, mit einer Schrotflinte in eine dunkle Scheune zu schießen, um irgend jemanden zu treffen".

Die Vorwürfe der Justiz, so Rese, seien ihm seit langem bekannt, und gegen sein Unternehmen werde bereits seit dem Jahr 2000 ermittelt. Doch bisher hätten die Untersuchungen nichts erbracht.

Auch die Baader AG wurde durchsucht

Unter den durchsuchten Objekten war auch die Baader Wertpapierhandelsbank AG  im bayerischen Unterschleißheim, die laut IR-Sprecher Nico Baader eine rund 30-prozentige Beteiligung an der SPAG erworben und das Unternehmen Ende Dezember 1997 an die Börse gebracht hatte.

Nico Baader gegenüber manager-magazin.de: "Diese Beteiligung ist durch den Kursverfall der SPAG-Aktie auf einen Restbuchwert von unter eine Million Euro gesunken. Unser Engagement bei der Sankt Petersburg Immobilien und Beteiligungs AG ist ein rein finanzielles Investment."

Erste Verdachtsmomente im September 2001

Baader weiter: "Von den laut BKA kriminellen Handlungen des Unternehmens war uns nichts bekannt." Man habe zwar über den Baader-Aufsichtsrat Horst Schiessl, der auch im SPAG-Aufsichtsrat saß, "gewisse Einblicke" in das Unternehmen, aber für eine umfassende Beurteilung der hessischen Gesellschaft reiche das nicht aus. Laut Homepage der Baader AG ist Schiessl seit fast 30 Jahren als Rechtsanwalt tätig und wurde am 10. Juli 2002 zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates gewählt.

Vor einiger Zeit hatte bereits das amerikanische Nachrichtenmagazin "Newsweek" in seiner Ausgabe vom 3. September 2001 über die Verdachtsmomente berichtet. Der Artikel mit der Überschrift "A Stain on Mr. Clean" befasst sich vor allem mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, der seit der SPAG-Gründung im Jahr 1992 einen Sitz im Beirat der SPAG hatte.

Dieses Amt legte er nieder, als er im März 2000 zum Präsidenten gewählt wurde. Vorher war er bis 1996 für einige Jahre stellvertretender Bürgermeister von Sankt Petersburg gewesen.

SPAG-Chef: Putin saß nur "ehrenhalber" im Beirat

Das hessische Unternehmen reagierte mit einem scharfen Dementi auf die Darstellung in "Newsweek". In einer Stellungnahme heißt es über den Artikel: "Irgendwelche Belege oder auch nur Indizien für diese abenteuerlichen Behauptungen werden nicht geliefert."

Gegenüber manager-magazin.de relativierte Vorstand Markus Rese nun Putins Tätigkeit für die SPAG. Diese Position, so Rese, habe Putin nur "ehrenhalber" angenommen. Ansonsten sei der russische Politiker bei der Aktiengesellschaft seines Wissens nie in Erscheinung getreten.

Mehrere Millionen Euro gewaschen?

Vorwurf: mehrere Millionen Euro gewaschen

Nach Angaben von BKA und Staatsanwaltschaft Darmstadt wird Verantwortlichen der südhessischen AG vorgeworfen, für eine mächtige Mafia-Gruppe aus St. Petersburg mehrere Millionen Euro in den legalen Wirtschaftskreislauf geschleust zu haben. Die so gewaschenen Gelder stammten laut BKA aus illegalen Geschäften wie Autoschiebereien, Menschenhandel, Alkoholschmuggel und Schutzgelderpressung.

Manager des Unternehmens sollen laut BKA zum Zweck der Geldwäsche ein komplexes Personen- und Firmengeflecht aufgebaut haben, zu dem auch Scheinfirmen in so genannten Offshore-Ländern mit ungenügenden Finanzkontrollen gehörten. Größere Geldsummen aus Russland wurden offenbar über eine Vielzahl von internationalen Konten geschleust und in Südhessen für Kapitalerhöhungen der AG genutzt, berichteten die Ermittler. Als Immobilieninvestitionen getarnt seien sie nach Russland zurückgeflossen.

Uneingeschränktes Testat für die Geschäftsberichte

Wirtschaftsprüfer der Sankt Petersburg Immobilien und Beteiligungs AG ist das Münchener Büro der früheren Arthur Andersen mbH (heute: Ernst & Young). Die Prüfer haben den Abschluss des Geschäftsjahres 2001 testiert und bereiten das Testat für 2002 vor.

Zuvor war Klaus Lippmann Prüfer der SP AG. Seit dem Börsengang habe er stets uneingeschränkte Bestätigungen der Geschäftsberichte vergeben. "Ich habe sehr gründlich geprüft", sagt Lippmann gegenüber manager-magazin.de, "dazu haben auch Reisen nach Petersburg gehört." Dass er das Prüfer-Mandat nach dem Geschäftsbericht 2000 abgab, habe "einen einfachen Grund": Er schied aus der damals in Pfungstadt ansässigen LUP Lippmann und Partner GmbH aus.

Keiner der Verdächtigen in Haft

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sitzt derzeit keiner der Verdächtigen bei der SP AG in Haft. Die Ermittlungen erstrecken sich auch auf den Verdacht der Untreue, da einige Kartellmitglieder offenbar einen Teil des Geldes für sich selbst abgezweigt haben.

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (BaFin) soll eine Untersuchung gegen die Verantwortlichen wegen des Verdachts der Kursmanipulation und des Insiderhandels aufgenommen haben. Die Information wollte das Amt gegenüber manager-magazin.de allerdings nicht bestätigen. Sprecherin Sabine Reimer verwies auf das BKA und lehnte eine weitere Stellungnahme ab.

Beteiligung an russischen Projektgesellschaften

Die Sankt Petersburg Immobilien und Beteiligungs AG wurde 1992 gegründet und ist unter HRB 54431 beim Amtsgericht Darmstadt eingetragen. Gegenstand des Unternehmens ist nach eigener Auskunft "der Erwerb, die Verwaltung, Vermietung und Verpachtung, der Aufbau und Ausbau sowie die Veräusserung von Grundstücken, Immobilien und grundstücksgleichen Rechten".

Auf der Homepage der SPAG heißt es: "Zur Durchführung ihrer Investitionsvorhaben bedient sich die SP AG russischer Projektgesellschaften, an denen sie mehrheitlich beteiligt ist. Nachdem im Jahre 1997 das erste Projekt, das Business Center Inform Future GmbH fertiggestellt wurde, liegt der Schwerpunkt zur Zeit auf der Entwicklung des Projekts Snamenskaja auf dem Nevskij Prospekt. Verfügbare weitere Projekte werden bei der Gesundung der russischen Wirtschaft weiter verfolgt."

Die Aktie der SPAG ist im so genannten "Third Market"-Segment der Deutschen Börse  gelistet und wird in Berlin-Bremen, Stuttgart, München und auf Xetra gehandelt. Derzeit notiert sie bei 0,64 Euro und hat damit seit ihrem Rekordhoch im Sommer 1998 (35,28 Euro) rund 99 Prozent an Wert verloren.