Mannheimer Vom Jäger zum Gejagten

Verkauf, Fusion, Kapitalerhöhung. Bei der Mannheimer Versicherung schließt man derzeit gar nichts mehr aus. Kurz vor dem 125-jährigen Bestehen steckt der Konzern in seiner schwersten Krise.

Hamburg – "Prekär", "katastrophal", "äußerst ernst" – Experten der Versicherungsbranche finden derzeit wenig erfreuliche Worte, wenn sie die Lage der Mannheimer Versicherung beschreiben. Der einstige Garant für zweistellige Millionengewinne ist 2002 mit 50 Millionen Euro in die Verlustzone gerutscht. Fallende Aktienkurse und sinkende Kapitalmarktzinsen haben die Bewertungsreserven des Konzerns kräftig gedrückt. Er braucht schnell frisches Kapital. Für die Krise machen Experten indes auch den eigenwilligen Vorstandschef Hans Schreiber mit verantwortlich.

"Der hohe Verlust hat uns nicht überrascht", sagt Jochen Schmitt im Gespräch mit manager-magazin.de. Mehr Sorgen bereiten dem Analysten von der Landesbank Rheinland-Pfalz aber andere Positionen in der Bilanz der Mannheimer Versicherung. Und damit steht er nicht allein.

So vermerken die Wirtschaftsprüfer Prüfer von KPMG, dass sie den Fortbestand des Konzerns davon abhängig machen, ob er seine Probleme mit den stillen Lasten künftig in den Griff bekommt. "Dies ist ein überaus klares Signal, wie ernst die Lage bei der Mannheimer ist", sagt Schmitt.

In der Bilanz tickt eine Zeitbombe

Ende vergangenen Jahres beliefen sich die stillen Lasten bei der Mannheimer auf rund 233 Millionen Euro. Inwieweit das Unternehmen diese nur aufgeschobenen Wertberichtigungen noch abschreiben wird, ist ungewiss. Damit tickt aber eine Zeitbombe in der Bilanz. Selbst wenn die Kapitalmärkte wieder anziehen und der Dax am Jahresende bei 3500 Punkten notieren sollte, dürfte sich die Situation für die Mannheimer kaum entspannt haben, sagt Analyst Schmitt.

Um den drohenden Kollaps abzuwenden, strebt die Versicherungsbranche nach Medienberichten in einer konzertierten Aktion mit der Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) eine Auffanglösung für die vor allem in Not geratene Mannheimer Lebensversicherung an. Nach jüngsten Meldungen hat sie den BaFin-Stress-Test nicht bestanden.

Von derlei gemeinschaftlichen Plänen wisse man nichts, sagt dagegen ein Sprecher der Mannheimer Holding auf Nachfrage von manager-magazin.de. Man stehe aber im engen Kontakt mit der BaFin und prüfe "strategische Optionen".

Mannheimer - ein Fall für "Protector"?

Das heißt im Klaratext: In Mannheim schließt man den Verkauf des Unternehmens oder einiger Teile nicht aus. Ebenso sei eine Fusion oder Teilfusion wie schließlich auch eine Kapitalerhöhung denkbar, um die angeschlagene Finanzbasis zu sanieren. Die Gespräche mit möglichen Investoren seien noch nicht abgeschlossen, mit einer Entscheidung aber in einigen Wochen zu rechnen, sagt der Sprecher. Ein Fall für die Auffanggesellschaft "Protector" sei die Mannheimer Lebensversicherung allerdings auf keinen Fall.

Davon geht auch Analyst Schmitt aus. "Das wäre ein Imageschaden für die gesamte Branche und kann wirklich nur der letzte Schritt sein", sagt der Experte. Für wahrscheinlicher hält er, dass ein neuer Großaktionär sich bei dem angeschlagenen Versicherer einkaufe. So habe jüngst erst die AMB Generali erklärt, dass sie durch Zukäufe in Deutschland wachsen möchte. Es gebe aber auch andere potenzielle Kandidaten.

Sollte sich kein Käufer finden, rechnet der Experte von der Landesbank Rheinland-Pfalz mit einer "massiven Kapitalerhöhung". Die mittlerweile auf rund 100 Millionen Euro geschrumpfte Marktkapitalisierung dürfte es allerdings deutlich erschweren, frisches Geld in die Kasse zu bekommen, wendet er skeptisch ein.

Über den Kapitalbedarf schweigt sich das Unternehmen indes aus – obwohl die Mannheimer Versicherung nach Angaben ihres Sprechers nicht erst die weitere Entwicklung der Kapitalmärkte abwarten, sondern sofort auf die Krise reagieren will.

Die riskanten Spiele des Vorstandschefs

Die Krise kommt nicht überraschend

Für so manchen Experten kommt die Krise der Mannheimer Versicherung indes nicht völlig unerwartet. "Sie haben viel zu lang und viel zu intensiv auf Aktien gesetzt", sagt ein Insider im Gespräch mit manager-magazin.de. Holding-Vorstandschef Hans Schreiber habe mit dem Geld seiner Versicherten riskant gespielt, konstatieren andere. Er habe den Aktienanteil noch erhöht, als die Börsen schon längst ihren Zenit überschritten und andere Versicherer das Geld ihrer Kunden in geringer verzinste aber sichere Papiere gesteckt hätten, heißt es.

Mit atemberaubender Geschwindigkeit krempelte der gelernte Psychologe Mitte der 90er Jahre den ehemaligen Transport- und Industrieversicherer um, setzte fortan verschärft auf das lukrative Geschäft mit Lebens- und Krankenversicherungen. Der Erfolg gab ihm Recht. Die Gewinne sprudelten. Die Wachstumsstory kam an, die positiven Schlagzeilen waren Schreiber sicher.

"Dominant und ein wenig beratungsresistent"

Doch mit der einsetzenden Börsenbaisse schmolzen die Bewertungsreserven, das Geschäft wurde immer schwieriger. Die Aktie kannte nur noch eine Richtung - abwärts. Seit dem Höchstkurs bei rund 75 Euro Mitte Januar 2001 hat das Papier bis zum vergangenen Freitag rund 88 Prozent verloren.

"Der Markt hat immer Recht, ist aber unfair", sagt Schreiber. In diesen Worten schwingt eine gehörige Portion Trotz mit. Es sind die Worte eines selbstbewussten, erfolgsverwöhnten Geschäftsmannes, der auf getunte Dienstwagen ebenso viel Wert legt wie kostspielige Äußerlichkeiten.

"Schreiber ist dominant, ein Jäger, aber ein wenig beratungsresistent. Und er mag sich, er mag sich sehr", bestätigt der Insider. Er habe einen Hang, Modetrends intensiv zu folgen. "Das war nicht nur bei Aktien so."

Das hohe Tempo wurde zum Verhängnis

Die geringe Marktkapitalisierung indes macht das Unternehmen zu einem potenziellen Übernahmekandidaten – für Schreiber vermutlich ein Alptraum. "Seine große Panik war immer, dass er als mittelgroßes, börsennotiertes Unternehmen geschluckt wird", sagt der Insider. Deshalb habe er den schnellen Erfolg gesucht, mit aller Macht auf Wachstum gesetzt, um die Übernahmegefahr zu bannen. "Dabei sind ihm die Pferde durchgegangen. Er war zu ungeduldig für so ein Geschäft", urteilt der Branchenkenner.

Um eine Lebens- und Krankenversicherungen groß und erfolgreich zu machen, bedürfe es weit mehr Zeit, als sich Schreiber offenbar selbst zugestanden hat. "Das sind Generationenprodukte, und die vertragen keine hektischen Bewegungen. Da muss man mit einer sehr langfristigen Strategie rangehen", urteilt der Branchenkenner. Das Tempo, das Schreiber beim Ausbau dieser Personenversicherungen vorgelegt habe, sei schlicht zu hoch und sein eigentlicher "strategischer Fehler" gewesen, konstatieren auch andere Experten.

Zerschlagung des Konzerns nicht ausgeschlossen

Die Zukunft des Mannheimer Versicherungen ist ungewiss. Sicher ist aber, die Holding kann weitere Verluste ihrer Töchter kaum noch abfangen und benötigt dringend Geld. Eine Kapitalerhöhung wäre aus Perspektive des Konzerns die beste Lösung. Sollten hier alle Großaktionäre einwilligen, wonach es derzeit nicht aussieht, bleibt immer noch offen, ob damit genügend Geld in die Kassen kommt.

Wahrscheinlicher ist, dass die Mannheimer ihr 125-jähriges Bestehen im kommenden Jahr unter dem Dach eines neuen Großaktionärs und Eigentümers feiern. Eine Zerschlagung des Konzerns ist dann allerdings nicht mehr auszuschließen. Holdingchef Schreiber wird dies nicht zuletzt aus eigenem Interesse zu verhindern versuchen.

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