EZB Analysten rudern zurück

Duisenberg dämpft die Erwartungen. Die nächste Zinssenkung erfolgt wohl erst im Juni.

Frankfurt am Main - Die Europäische Zentralbank (EZB) wird nach Einschätzung von Analysten wegen anhaltend hoher Unsicherheit auch nach dem Irak-Krieg mit einer Zinssenkung voraussichtlich noch bis Juni abwarten. "Die Lage bleibt für die EZB kompliziert - noch immer herrscht große Unsicherheit, ob die erwartete Konjunkturerholung im zweiten Halbjahr kommt", sagt Commerzbank-Volkswirt Michael Schubert.

Da EZB-Präsident Wim Duisenberg und andere Ratsmitglieder am Wochenende dies abermals hervorhoben und Zinssenkungsforderungen eine Abfuhr erteilten, tendieren viele Analysten jetzt von Mai zu Juni als erwarteten Termin für eine weitere geldpolitische Lockerung. Bei der Reuters-Umfrage eine Woche nach Beginn des Irak-Krieges hatten noch zwei von drei Analysten auf Mai getippt.

Hatte EZB-Präsident Wim Duisenberg anlässlich des Treffens der G7-Finanzminister Ende Februar noch klare Signale für die Zinssenkung vom 6. März gegeben, nutzte er nun internationales Finanzparkett, um Zinssenkungsfantasien einen Dämpfer zu verpassen. Die Gelpolitik stehe derzeit mit dem EZB-Ziel mittelfristig stabiler Preise in Einklang, sagte er auf der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF).

"Eine weitere Lockerung der Geldpolitik kann die Unsicherheit kaum vertreiben, die seit Monaten auf der Wirtschaft lastet", wies er in einem Zeitungsinterview zudem Zinssenkungsforderungen zurück, die zuletzt der IWF einmal mehr an die EZB herangetragen hatte. Auch Bundesbankpräsident Ernst Welteke zeigte dem IWF-Begehren, den Schlüsselzins von 2,50 Prozent bald zu reduzieren, die kalte Schulter.

Analysten: EZB will Zeit gewinnen

Nach Einschätzung von Analysten wollen die Notenbanker damit aber wie schon früher ihre Unabhängigkeit hervorkehren und nur Zeit für eine weitere Zinssenkung gewinnen. "Die EZB will noch möglichst viele Daten sammeln, um tätig zu werden", sagt Schubert.

Der starke Euro, der moderate Ölpreis und das schwache Wachstum dämpften die Inflation, so dass die EZB im Juni wohl vorsorglich die Zinsen senken werde, um den Aufschwung im zweiten Halbjahr zumindest psychologisch zu stützen. Denn auch wenn die Folgen des Irak-Krieges besser absehbar sein sollten, können Schubert zufolge andere Faktoren den Aufschwung noch abwürgen: "Sind die Vermögensverluste durch den Einbruch der Aktienkurse schon verkraftet? Ist die frühere Überinvestition schon abgebaut?"

Es sei nicht klar, ob der Krieg fundamental etwas geändert habe und ob sich die Nachfrage nur aufgestaut habe, sagt Holger Fahrinkrug von UBS Warburg und bringt das Dilemma auf den Punkt: "Die EZB ist unsicher, und wir sind unsicher, über welche Unsicherheiten sie warum unsicher sind." Allein schon die Euro-Kursgewinne rechtfertigten eine Zinssenkung um 25 Basispunkte im Juni.

Auch die Analysten von Barclays Capital haben den Mai als Zinssenkungstermin abgeschrieben und rechnen jetzt mit einem solchen Schritt im Juni. "Sie werden sich dem Druck beugen. Wenn die Menschen Angst um ihren Arbeitsplatz haben, kann sich die Zentralbank nicht entziehen", sagt Thorsten Polleit von Barclays in Frankfurt. Der Volkswirt bedauert das, denn er hält weitere Zinssenkungen nicht für nötig, sondern sieht dadurch eher Inflationsgefahren heraufziehen.

Polleit verweist auf den hohen Geldüberhang, der durch geparkte Gelder in festverzinslichen Anlagen entstanden ist. Er fürchtet, dieses werde nicht an die Aktienmärkte zurückfließen, sondern zur preistreibenden Anschaffung von Immobilien und anderen langlebigen Gütern genutzt. Die Konjunktur leide nicht an zu hohen Zinsen, sondern an strukturellen Schwächen.

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