Lebensversicherer "Die Krise wird herbeigeredet"

Bernd Michaels will nichts schönfärben. Von einer finanziellen Notlage der Lebensversicherer könne aber keine Rede sein, sagt der Präsident des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft. Im Interview mit manager-magazin.de verteidigt er die Branche gegen Angriffe von Analysten.

mm.de:

Herr Michaels, Analysten und Rating-Agenturen sehen schwarz für einen Großteil der deutschen Lebensversicherer. Wann müssen wir mit dem ersten Fall für die Auffanggesellschaft "Protector" rechnen?

Michaels: Ich sehe dieses düstere Szenario nicht. Meiner Auffassung nach zeigen die Analysten lediglich, dass es einen Abschreibungsbedarf auf Aktien gibt, weil die Wertpapiere so stark gefallen sind wie nie zuvor. Die Abschreibungen sind eine logische Konsequenz des Kursverfalls, auch wenn wir ihn in diesem Ausmaß nicht erwartet haben. Dies hat allerdings mit den Aussichten für die Lebensversicherer so gut wie gar nichts zu tun.

mm.de Das erstaunt uns. Gehen doch einige Experten davon aus, dass ein Drittel der Unternehmen bis Ende dieses Jahres in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten geraten dürfte.

Michaels: Ich will die Aussagen von Rating-Agenturen nicht kommentieren. Diese müssen ihre Einschätzungen selbst verantworten. Ich möchte die Situation auch nicht verniedlichen. Wir müssen jetzt darüber nachdenken, wie wir mit dem Problem der Abschreibungen fertig werden. Die stillen Lasten machen lediglich drei Prozent der Gesamtkapitalanlagen der Lebensversicherer aus. Für die Langfristigkeit unserer Verpflichtungen hat dies aber keine Bedeutung. Es gibt nicht ein Unternehmen, dass seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen kann. Von einer finanziellen Krise kann keine Rede sein.

mm.de Es gibt die Auffanggesellschaft "Protektor", weil man in der Branche die Ernsthaftigkeit der Situation erkannt hat. Experten halten das Konstrukt für nicht ausgereift. Wäre eine beitragsfinanzierte Lösung wie bei Bankensicherungsfonds nicht sinnvoller als die Nachschusspflicht im Notfall?

Michaels: Diese Kritik wird weder von dem Finanzministerium noch von der Finanzaufsicht getragen, die übrigens unserer System für hervorragend hält. Ich sehe auch keinen Vorteil darin, Geld einzusammeln, wenn sich doch alle deutschen Lebensversicherer verpflichten, notfalls bei einer Sanierung in der Höhe von bis zu sechs Milliarden Euro gemeinschaftlich einzuspringen. Wo liegt also das Problem?

mm.de Die Bedenken liegen zum Beispiel in der Annahme, dass im Ernstfall nicht alle Versicherer ihre Nachschusspflicht erfüllen können oder dann gar mit in den Strudel notleidender Unternehmen gezogen werden.

Michaels: Es geht um die Verpflichtung, notfalls maximal ein Prozent der gesamten Kapitalanlage zur Verfügung zu stellen - auf Zeit. Ich sehe nicht, dass irgendein Unternehmen diese Vorgabe nicht erfüllen kann. Und warum sollten wir einen Fonds auflegen, wo sich die Unternehmen bereits heute des Geldes entledigen, obwohl überhaupt nicht sicher ist, ob es in Zukunft je gebraucht wird?

Unsere Branche ist nicht mit den Banken zu vergleichen. Wenn eine Bank in Zahlungsschwierigkeiten gelangt, kann sie ihre Verpflichtungen zu einem bestimmten Tag nicht mehr erfüllen. Dies ist bei uns ausgeschlossen, dies kann es aus unserem Geschäftssystem heraus nicht geben. Also brauchen wir auch keinen Barfonds. Deshalb halte ich unser System für das eindeutig bessere System.

Ich denke, hier wird ein Problem herbeigeredet. Jeder Lebensversicherer kann heute seine laufenden Verpflichtungen locker aus den Beitragseinnahmen plus den laufenden Zinsen erbringen.

Aktienverluste - abschreiben am St. Nimmerleinstag?

mm.de Die Versicherungswirtschaft möchte die Abschreibungsfristen für Verluste auf Aktienbestände erneut verlängern. Welche Chancen sieht der GDV hier in den Gesprächen mit dem Bundesfinanzministerium, das für eine möglichst zeitnahe Abschreibung votiert?

Michaels: Das ist richtig, da liegen wir auch überhaupt nicht auseinander. Der Gesamtverband hat aber nie eine Änderung der Bilanzregeln gefordert. Es hat eine Änderung für den HGB-Abschluss gegeben. Damit wurden lediglich die Bedingungen für die Versicherungsbranche an die schon lange bestehende Reglung der Banken angepasst. Gemäß Paragraf 341b Handelsgesetzbuch muss ein Unternehmen seine Verluste auf Aktienbestände abschreiben, wenn sie als dauerhaft einzustufen sind. Was aber dauerhaft ist und auf was ich dann abschreiben muss, steht nicht in der Vorschrift.

Darüber müssen wir uns jetzt Gedanken machen. In enger Anlehnung an das Institut der Wirtschaftsprüfer werden wir uns nun um Einschätzungen von Ratingagenturen und Analysten bemühen, um dann zu entscheiden, in welcher Höhe abzuschreiben ist.

mm.de Sie sehen also keinen hohen Abschreibungsbedarf?

Michaels: Doch, natürlich, in 2002 wird abgeschrieben. In 2002 wird es auch stille Lasten geben. Wir schätzen sie auf 15 bis 20 Milliarden Euro. Andere mögen sie höher einschätzen. Es wird sicherlich auch weiteren Abschreibungsbedarf geben. Das Jahr 2003 dürfte für die Branche das deutlich größere Problem werden.

mm.de Warum sollte man also das Problem auf die lange Bank schieben und in 2003 erneut hohe stille Lasten bilden, wenn doch die Verluste im Portfolio diesmal als dauerhaft gelten dürfen?

Michaels: Ich wiederhole, wir möchten so zeitnah wie möglich abschreiben. Bilanztechnisch muss man aber die Besonderheiten beachten. Versicherer weisen in ihrer Bilanz auf der Passivseite sehr lang laufende Verpflichtungen aus. Damit stellt sich die Frage: Muss zu jedem Zeitpunkt auf der Aktivseite die volle Erfüllung der Passivseite gegeben sein, oder ist nicht eine Schwankungsbreite auf der Aktivseite durchaus als sinnvoll anzusehen? Das ist etwas völlig anderes als bei Industriebetrieben oder Banken. Darüber müssen wir nachzudenken. Dazu braucht es aus unserer Sicht aber keine Änderung des Gesetzes.

mm.de Sehen Sie vor diesem Hintergrund in 2003 nicht erhebliche Gefahren auf eine ganze Zahl der Unternehmen zukommen?

Michaels: Ja, ich will gar nicht leugnen, dass es einige Unternehmen gibt, die bereits in 2002 Probleme hatten und sie vermutlich auch in diesem Jahr haben werden. Viele Lebensversicherer können allerdings gegensteuern. So haben Unternehmen, hinter denen große Muttergesellschaften stehen, durchaus die Möglichkeit, an frisches Kapital zu gelangen. Sie werden überdies ihren noch vorhandenen Aktienbesitz weiter über Termingeschäfte absichern. Demnach kann man nicht die heutigen stillen Lasten mit dem Abschreibungsbedarf in 2003 so ohne weiteres gleichsetzen.

Stress-Test - alles nur ein großes Missverständnis?

mm.de Die "Victoria" ist beim Stress-Test der Finanzaufsicht durchgefallen. Wie viele Gesellschaften haben die Härteprüfung Ihrer Kenntnis nach ebenfalls nicht bestanden, und mit welchen Konsequenzen müssen die Unternehmen rechnen?

Michaels: Ich kenne das Ergebnis des Tests nicht. Das BaFin wird meiner Einschätzung nach daraus aber keine Konsequenzen ableiten. Der Stress-Test betrachtet indes nur die Aktivseite der Bilanz und unterstellt folgendes Szenario: Der Dax fällt um 35 Prozent und das Niveau bei den Renten um ein Prozent. Die Wahrscheinlichkeit aber, dass beides zusammen eintrifft, ist äußerst gering.

Der Stress-Test ist ein Frühindikator für Unternehmen, dem sich die meisten übrigens auch schon zuvor selbständig unterzogen haben. Mehr als ein Hinweis darauf, dass sich gegebenenfalls etwas bewegen muss, ist der Test aber nicht. Wir haben ja auch gar nicht die Situation, dass der Aktienmarkt um weitere 35 Prozent fallen wird ...

mm.de ... Sie können in den Sternen lesen ...

Michaels: Das kann ich nicht. Man muss aber sehen, was der Stress-Test ist und was nicht. Er berücksichtigt zum Beispiel nicht, ob ich meine Aktien abgesichert habe. Die meisten Unternehmen haben ihren Aktienbestand abgesichert, der mittlerweile unter zehn Prozent liegen dürfte. Der Test ist wichtig, um zu erkennen, wie belastbar ist ein Unternehmen eigentlich noch. Er gibt aber keinen Hinweis darauf, ob ein Unternehmen gefährdet ist. Das kommt in der Öffentlichkeit nur nicht an.

mm.de Noch setzen die Deutschen bei der privaten Altersvorsorge vornehmlich auf die Lebensversicherung. Doch das Geld wird knapper, die Konkurrenz mit weit über 100 Anbietern ist groß. Wie wird sich die dringend notwendige Konsolidierung aus Ihrer Sicht gestalten?

Michaels: Die Konsolidierung ist im Gange, und sie wird sich auch fortsetzen. Es wird weitere Fälle von Übernahmen und Fusionen geben. Doch ich teile nicht die Auffassung von Analysten, dass sich der Bestand der Lebensversicherer in den kommenden Jahren drastisch um ein Drittel oder mehr verringern wird.

mm.de Die Überschussbeteiligung sinkt fortgesetzt. Nun soll auch der Grantiezins für Neukunden ab 2004 auf magere 2,75 Prozent fallen. Was spricht überhaupt noch für eine Lebensversicherung?

Michaels: Ich weiß nach wie vor kein Produkt, dass für die Altersvorsorge besser geeignet wäre. Wir haben immer noch eine Garantieverzinsung über 25 Jahre. Da muss man sich eher fragen, ob diese Zusage nicht sehr mutig ist. Die Alternativen sind doch nur Produkte, wo der Bürger nahezu überhaupt keine Garantie hat.

mm.de Haben die Lebensversicherer in der Vergangenheit nicht vielmehr eine großzügige und damit zu mutige Ausschüttungspolitik verfolgt? Sie zahlten im Ergebnis mehr aus, als sie mit Kapitalanlagen verdienten - dies wohl auch, um mit Renditen von Investmentfonds mithalten zu können.

Michaels: Bei den Investmentfonds haben die Kunden ihr Geld verloren, bei uns nicht. Bei uns hat keiner seinen Anspruch verloren. Wo ist denn heute das Vermögen, das die Menschen bei Investmentfonds eingezahlt haben?

Die Frage der Ausschüttung - also der Überschussbeteiligung oberhalb dessen, was man verdient -, ist indes systemimmanent. Wir sparen Reserven an, um in schlechteren Zeiten mit ihnen die Kontinuität aufrecht erhalten zu können. Was wir aber alle nicht gesehen haben, ist, dass der Kapitalmarktzins über zehn Jahr so massiv fallen und dass zugleich auch der Aktienmarkt drastisch einbrechen würde. So erklärt sich, dass einige Lebensversicherer zu lange eine Überschussbeteiligung bezahlt haben, die sie andernfalls sicherlich schon vorher um ein Prozent gekürzt hätten.

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