Airlines Eine Branche im Dauerstress

Angst vor Anschlägen, schwache Konjunktur, der Krieg im Irak und nun auch noch das Virus SARS: Kaum eine Branche musste in jüngster Zeit so viele Hiobsbotschaften verkraften wie die Luftfahrtbranche. Welche Airline stürzt als nächste ab?

Frankfurt am Main – Kriegsbilder flimmern über die Fernsehmonitore auf dem Flughafen. Menschen mit Mundschutz verlassen die Maschine, die soeben aus Singapur gelandet ist. Die Warteschlangen vor den Terminals sind derzeit kurz: Geschäftsreisende haben ihre Reise nach Fernost verschoben, Kongresse sind abgesagt, und auch bei Urlaubern will keine Reisestimmung aufkommen.

Die Fluggesellschaften sind seit dem 11. September 2001 Kummer gewohnt. Seit mehr als zwei Jahren versuchen sie, sich trotz weltweit schwacher Konjunktur und zurückgehender Buchungszahlen zu behaupten. Dass die Krise sich aber so zuspitzt, hätte manch Krisenmanager nicht geglaubt.

Beherrschendes, weil augenfälliges Thema ist derzeit SARS. Kaum jemand mag abschätzen, welche Folgen eine Ausbreitung des Lungenvirus hätte – für die Menschen und für die globale Konjunktur. "Die Verunsicherung betrifft viele Branchen und hat letztlich Einfluss auf die gesamte Weltwirtschaft. Doch die Luftfahrtbranche wird von dieser Krise natürlich besonders stark getroffen", sagt Jan Herbst, Analyst beim Bankhaus Sal. Oppenheim.

SARS trifft wichtigen Wachstumsmarkt

In Asien sind die Buchungszahlen eingebrochen. Doch die Krise betrifft nicht nur regionale Fluggesellschaften wie Cathay Pacific, Singapore Airlines oder Qantas. Auch die Deutsche Lufthansa werde "auf einem wichtigen Wachstumsmarkt getroffen", sagt Herbst. Fast jeder fünfte verkaufte Flug der Lufthansa habe das Ziel Asien. Besonders auf China setze die Airline große Hoffnungen: Wirtschaftswachstum, steigender Wohlstand der Bevölkerung und die Größe des Landes machen es für Fluglinien attraktiv.

"Wenn die Angst vor SARS anhält und Verbindungen gestrichen werden, hat dies auch Auswirkungen auf das internationale Cargo-Geschäft", sagt Herbst. Die Lufthansa hatte bereits vor einigen Tagen bekannt gegeben, sieben Flugzeuge ihrer Langstreckenflotte vorübergehend stillzulegen. Wegen SARS könnten nun weitere Flugzeuge Richtung Asien aus dem Programm gestrichen werden.

Auch Uwe Weinreich, Luftfahrtexperte bei der HypoVereinsbank, rechnet für die kommenden Wochen mit einem "deutlichen Nachfragerückgang" auf den Routen Richtung Asien. Die Wachstumsstrategie der Lufthansa, die besonders in Richtung China expandieren wolle, dürfte vorübergehend verändert werden. Beim Thema SARS bleibe nur die Hoffnung, dass das Virus schnell unter Kontrolle gebracht werde.

Mitglieder der Star Alliance kränkeln

Star Alliance: Mitglieder kränkeln

Analysten wie Luftfahrtmanager hoffen, dass SARS bald als "zeitweilige Belastung" ad acta gelegt werden kann. Unter der weltweit schwachen Konjunktur und der Zurückhaltung der Geschäftsreisenden leiden die großen Airlines jedoch seit mehr als zwei Jahren. Von den 15 Fluglinien, die gemeinsam mit der Lufthansa im weltumspannenden Bündnis "Star Alliance" fliegen, geraten immer mehr in Bedrängnis.

Inzwischen ist bereits der zweite Star-Alliance-Partner der Lufthansa in Schwierigkeiten geraten. Nachdem vor einigen Monaten United Airlines Insolvenz angemeldet hatte, steht nun auch Air Canada unter Gläubigerschutz. Auch die Alliance-Partner Air New Zealand und die brasilianische Varig waren vorübergehend ins Trudeln geraten, konnten sich aber zunächst wieder fangen.

Auswirkungen für Lufthansa gering

Die Auswirkungen auf das Geschäft der Lufthansa seien jedoch gering, stimmen Herbst und Weinreich überein. Sowohl United als auch Air Canada erhalten während des Gläubigerschutzverfahrens ihren Flugbetrieb aufrecht: Mit Air Canada werde Lufthansa ihre so genannten "Code Share" Flüge über die Nordatlantikroute fortsetzen, und auch die Anschlussflüge über Montreal oder Toronto seien nicht gefährdet. Ein Sprecher der Lufthansa gewann dem Verfahren sogar positive Seiten ab: United und Air Canada würden gestärkt aus dem Gläubigerschutz herauskommen, hieß es.

"Für Air Canada geht es jetzt vor allem darum, Personalkosten zu reduzieren. Die finanziellen Risiken sind mit weniger als acht Millionen Euro für Abschreibungen auf Wandelschuldverschreibungen derzeit begrenzt", sagt Weinreich. "Selbst wenn Air Canada einige Inlandsverbindungen in Kanada streichen sollte, muss diese Ausdünnung nicht negativ für die Lufthansa sein", ergänzt Herbst. Entscheidend für die Kranichlinie sei die internationale Verbindung zwischen Europa und Kanada.

Überkapazitäten: Warnendes Beispiel USA

Aber auch wenn der Irak-Krieg beendet und die Ausbreitung des SARS-Virus gestoppt ist, brechen für die Airlines nicht gleich sorglose Zeiten an. Überkapazitäten und hohe Personalkosten haben besonders die amerikanischen Airlines in Bedrängnis gebracht. Die großen Fluggesellschaften American und United Airlines, Continental, Delta, Northwest und US Air liefern sich einen erbitterten Kampf um Fluggäste und Marktanteile.

Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 steht die US-Luftfahrtbranche massiv unter Druck. Die weltweit größte Fluglinie American Airlines ist nur auf Grund eines deutlichen Gehaltsverzichts der Belegschaft einem Gläubigerschutzverfahren entgangen. United Airlines steht unter Gläubigerschutz, und bei US Airways war dies bis Ende März der Fall. Die anhaltenden Schwierigkeiten der Branche seien auch ein Ergebnis eines Überangebots: Die Pleite eines Wettbewerbers würde dem US-Markt nach Ansicht von Beobachtern Entlastung verschaffen.

Bereinigung in Europa steht noch aus

Tummelplatz Europa: Bereinigung steht noch aus

Doch die Europäer haben keinen Grund, mitleidig auf die gebeutelte US-Konkurrenz zu schauen. "Auch in der EU gibt es mehr als 150 Fluggesellschaften – das ist mehr als genug", sagt Herbst. Da es jedoch in der EU immer schwieriger werde, angeschlagenen Fluglinien mit staatlichen Subventionen unter die Arme zu greifen, dürften sich mittelfristig noch einige Wettbewerber verabschieden.

"Air France, Lufthansa, British Airways und KLM werden sich halten", meint der Analyst von Sal. Oppenheim. Fluglinien wie die stark subventionierte Swiss, Iberia, Alitalia oder SAS hätten dagegen kaum Chancen, ihre gegenwärtigen Angebote auf der Langstrecke aufrecht zu erhalten – einige dieser Airlines dürften sich in Zukunft eher auf die Rolle von Zulieferern für die großen Drehkreuze konzentrieren.

Blitz-Check: Wichtige europäische Fluglinien und ihre Perspektiven

Gesellschaft Umsatz* Diagnose Prognose
Lufthansa 12,6 Starke internationale Stellung durch Star Alliance, gesunde Finanzen, exzellentes Kapazitätsmanagement. positiv
British Airways 9,2** Von strategischen Wirren gezeichnet, unklares Allianzkonzept, heftig von Billigfliegern attackiert. neutral
Air France 9,7** Wertvolle Verbindung mit US-Fluglinie Delta, gutes Kostenmanagement, ausbaufähiger Heimatflughafen. positiv
KLM 5,1** Kein Anschluss an große Allianz, relativ große Flotte bei kleinem Heimatmarkt, jedoch attraktiver Flughafen. neutral
Alitalia 3,6 Notorisch schlecht geführt, Bündnis mit Air France und mehr Einfluss der Banken versprechen aber Besserung. neutral
Swiss 2,1 Aussichtslose Strategie, überfordertes Management, kein Anschluss an große Flugallianz, hohe Kosten. negativ
Austrian Airlines 1,7 Geschickter Rückzug auf wenige Fernstrecken und Spezialisierung auf Osteuropa, allerdings hohe Schulden. positiv
* Angaben in Milliarden Euro, vom 1.1.2002 bis 30.9.2002; ** vom 1.4.2002 bis 31.12.2002.

Denn auch die europäischen Fluggesellschaften spüren den Druck der Billigflieger. "Sie sind dabei, massiv Kosten zu sparen", sagt Herbst. Für die großen Netzwerk-Airlines mache es in dieser Situation Sinn, ihr Streckennetz zu überprüfen und eventuell einige Strecken zu streichen. Dabei sollten Lufthansa, Air France & Co ihrem Kerngeschäft – Geschäftskunden und internationale Flüge – treu bleiben und nicht versuchen, jedes touristische Ziel ebenfalls mit Kampfpreisen zu bedienen. Beim Service seien Abstufungen denkbar: "Wer für 120 Euro quer durch Europa fliegt, muss nicht denselben Service erwarten wie ein Business-Passagier, der ein Vielfaches zahlt."

Warten auf die Zeit danach

Die wichtigsten Voraussetzungen für eine kurzfristige Erholung in der Branche: "Der Krieg im Irak muss ein Ende finden, SARS muss beherrschbar sein, und das konjunkturelle Wachstum in der Welt muss wieder anspringen", sagt HVB-Analyst Weinreich. Lufthansa, Air France und Austrian Airlines könnten dann nach seiner Einschätzung besonders stark profitieren. Mittelfristig sei dann entscheidend, wie sich die Marktanteile nach der fälligen Marktbereinigung in Zukunft verteilen, ergänzt Herbst. Doch bevor man über Gewinnmargen rede, "müssen zunächst die Geschäftsreisenden zurückkommen".

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